Eure Heiligkeit, Sie fordern von China eine „wahre Autonomie“ für Tibet. Was ist damit gemeint?
Verteidigung und Außenpolitik ist Sache der chinesischen Zentralregierung, der Rest jedoch, Erziehung, Wirtschaft und nicht zuletzt der Umweltschutz, soll Sache der Tibeter sein. Wir wollen unsere eigene Sprache und Kultur bewahren. Dazu gehört auch der Buddhismus, der umfassender ist als die chinesische Kultur.
Warum findet die chinesische Führung dieses Konzept so schrecklich und verweigert sich Ihren Anstrengungen für einen konstruktiven Dialog?
Die chinesische Führung sieht in einer eigenständigen Identität eine Quelle der Gefahr und des Separatismus. Deshalb hat sie auch im vergangenen Jahr angeordnet, dass in Tibet in chinesischer Sprache unterrichtet wird.
Warum fürchtet sich China, das so ein mächtiges und starkes Land geworden ist, vor einem Separatismus, der gar nicht existiert?
Chinas Macht basiert nicht auf Wahrheit oder Ehrlichkeit. In Wirklichkeit mangelt es China an Selbstbewusstsein.
Immerhin erteilt Peking heute den Vereinigen Staaten Nachhilfe in Wirtschafts- und Finanzpolitik. Uns kommt es so vor, als hätte China ziemlich viel Selbstbewusstsein.
Ja, da ist aber viel Neid und Misstrauen dabei.
Können Sie mit dem von Ihnen so beschriebenen China überhaupt einen ernsthaften Dialog führen?
Die Zeit wird dafür kommen. In den vergangenen fünfzig Jahren haben die chinesischen Behörden verschiedene Mittel angewandt, um den „Tibetischen Geist“ auszutreiben, und sind damit vollkommen gescheitert, übrigens nicht nur in Tibet, sondern auch in Xinjiang und in der Inneren Mongolei. Auf der anderen Seite ist das chinesische Volk zunehmend frustriert von dem System, von der Korruption. Mehr und mehr Chinesen unterstützen den tibetischen Ansatz. Sogar einige chinesische Führer haben sich für eine Überprüfung der bisherigen Minderheitenpolitik ausgesprochen, für Demokratie und politische Reformen. Früher oder später wird die chinesische Führung die Wirklichkeit akzeptieren müssen und eine realistische Haltung gegenüber Tibet einnehmen. Der unrealistische Ansatz fortgesetzter Unterdrückung wird das tibetische Problem nicht lösen.
Was meinen Sie mit früher oder später: Jahre, Jahrzehnte?
Jahre, fünf bis zehn Jahre. Es wird Veränderungen geben. Viele Chinesen wollen diese Veränderungen.
Trauen Sie der kommenden chinesischen Führung diesen Wandel zu?
Schwer zu sagen. Wirklicher Wandel wird nicht von der Führung kommen, sondern von der Bevölkerung und von der intellektuellen Elite. Deren Stimmen werden natürlich von der Regierung unterdrückt, viele sind verhaftet worden. Die Ausgaben für innere Sicherheit sind größer als für Verteidigung! Wie kann die Welt unter solchen Umständen einer großen Nation wie China Respekt und Vertrauen entgegenbringen? Tief im Inneren sitzen Furcht und Misstrauen. China, das bevölkerungsreichste Land der Welt, kann global eine konstruktivere Rolle spielen. Aber dafür braucht es den Respekt und das Vertrauen der Welt. Aus diesem Grund muss das Verhalten der chinesischen Regierung transparent werden. Ich sage meinen chinesischen Freunden, das chinesische Volk hat das Recht, die Wahrheit zu wissen; wenn es die Wahrheit kennt, dann hat es auch die Fähigkeit zu urteilen, was gut und was schlecht ist. Daneben muss China sein Rechtssystem verbessern. Präsident Hu Jintao wollte in den vergangenen zehn Jahren eine Gesellschaft der Harmonie im Innern verwirklichen. Das ist ein gutes Ziel, aber die Methode, die er angewendet hat, ist die Gewalt. Deshalb ist er gescheitert.
Würden Sie China eher als ein kapitalistisches Land oder als ein kommunistisches Land einstufen?
Als ein kommunistisch-kapitalistisches Land.
Sie haben 1989 den Friedensnobelpreis bekommen für Ihre Bemühungen um eine friedliche Lösung des Tibet-Konflikts. Hat sich die Lage seit damals verbessert oder verschlechtert?
Sie hat sich nicht verbessert. Die Reaktion der Chinesen auf die Verleihung des Nobelpreises bestand darin, die Kontrolle auszuweiten. Sie handeln aus Furcht heraus: Mein Bild darf nicht veröffentlicht werden, die Klöster unterliegen strengen Auflagen. Ich wurde zum Dämon erklärt.
Warum haben Sie in diesem Jahr die politische Führungsverantwortung an einen gewählten Politiker abgegeben?
Weil ich meinem gesunden Menschenverstand vertraue. Seit 1960, ein Jahr nach unserer Flucht aus Tibet, habe ich mich für mehr Demokratie eingesetzt. 2001 haben wir zum ersten Mal eine politische Führung direkt gewählt. Seit damals war ich gewissermaßen halb im Ruhestand. Nun ist die Zeit gekommen, die ganze politische Autorität abzugeben und damit eine Hunderte Jahre alte Tradition aufzugeben. Der Dalai Lama war politischer und spiritueller Führer, dieses System gibt es nicht mehr. Ich habe mehr als sechzig Jahre dem tibetischen Volk als dessen politischer Führer gedient. Jetzt lege ich die Macht in die Hände jüngerer, besser ausgebildeter Leute. Ich bin immer der Meinung gewesen, dass politische und spirituelle Führung voneinander getrennt sein sollten. Ich bin glücklich, dass ich jetzt meine Überzeugung in die Tat umsetzen konnte.
Ihre Entscheidung muss auf Peking wie eine neue Gefahr wirken, die Gefahr der Demokratie.
O ja. Viele Chinesen haben das begrüßt.
Aber doch nicht das Regime.
Nein, das Regime hält die Demokratie für einen weiteren Dämon. Chinesische Schriftsteller haben mich dafür gelobt. Ich glaube schon, dass die Chinesen diesem Modell folgen sollten.
Sie haben sich immer für eine friedliche Lösung der Tibet-Frage eingesetzt. Sehen Sie die Gefahr, dass die jungen Tibeter nicht mehr an den gewaltlosen Weg glauben, wenn es zu keiner einvernehmlichen Lösung mit China kommt?
Nein. Von einigen wenigen Leuten in Tibet und im Exil abgesehen, will die große Mehrheit, 99 Prozent, Gewaltlosigkeit.
Sie nannten sich einmal einen Marxisten oder Semi-Marxisten. Sehen Sie sich von den Finanzkrisen, die die Welt erschüttern, in Ihren Ansichten bestätigt?
Die marxistische Wirtschaft fußt auf einigen moralischen Prinzipien, etwa dem der Gleichheit, während die kapitalistische Wirtschaft vom Gewinnstreben geleitet wird.
Im Kapitalismus gibt es keine Moral?
Im Kapitalismus als solchem nicht, aber Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung wirken als Kontrollmechanismen. In China aber gibt es diese Mechanismen nicht, und deshalb herrscht dort ein sehr dreckiger Kapitalismus. Ich bin für eine Verbindung der dynamischen Elemente des Kapitalismus mit den guten Aspekten des Sozialismus.
Sie glauben nach wie vor an den Dritten Weg?
Ja. Ich glaube nicht, dass der amerikanische Kapitalismus auch im Rest der Welt angewendet werden kann. Wir müssen uns anpassen, wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das nachhaltig ist. Wir können nicht so leben wie bisher, in Städten, die rund um die Uhr vollgestopft sind mit Autos.
In einem Teil der Welt hat die Globalisierung Millionen Menschen aus der Armut geführt, nicht zuletzt in China, in anderen Teilen empfinden die Menschen die Globalisierung als Bedrohung. Wie kann man diesen Leuten die Angst nehmen?
Die Staaten und sogar die Kontinente können nicht mehr isoliert nebeneinanderher leben. Der Geist der Europäischen Union ist vorbildlich. Die Staaten müssen ihr altes Souveränitätsdenken überwinden und gemeinsam auf globale Ziele hinarbeiten. Diesen Weg muss die Weltwirtschaft gehen.
Haben westliche Politiker dafür die notwendigen Visionen?
Regierungen brauchen neue, praktische Ideen, und die können zum Beispiel die Universitäten liefern. Wir sollten tatsächlich nicht annehmen, nur weil wir die letzten Jahrhunderte mit unserem Wirtschaftssystem überlebt haben, kann alles so weitergehen. Wir brauchen eine andere, angepasste Art des Wirtschaftens.
Überall in der Welt oder genauer: fast überall schlägt Ihnen große Begeisterung entgegen. Sehen Sie darin ein Bedürfnis nach mehr Spiritualität?
Allgemein gesprochen: ja. Die Menschen erfahren die Begrenztheit des Materialismus und wollen sich mehr mit ihrem Verstand, mit ihren Gefühlen befassen.
Deutschland ist eine säkulare Demokratie
Henriette Kaschulke (Wissibesser)
- 25.08.2011, 00:15 Uhr
@ Herr Busse
Peter Schwaderer (Einbauschrank)
- 24.08.2011, 23:36 Uhr
Ja, Verstand und Gefühl
Walter Russell (fritzjosef)
- 24.08.2011, 23:05 Uhr
Darauf einen Satz der stellvertr. Aussenminsterin Chinas Fu Ying
Peter Szameitat (MAKSAS)
- 24.08.2011, 21:44 Uhr
Schön, das der Dalei Lama
Günter Busse (guenter.b)
- 24.08.2011, 21:16 Uhr
