Nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach schätzt die große Mehrheit der Deutschen die Zukunftsperspektiven des Landes skeptisch ein. Sie fürchtet, Deutschland könne seinen Zenit überschritten haben; die „besten Jahre“ werden zurückdatiert: in die siebziger, teilweise in die sechziger und achtziger Jahre, also in jene Jahrzehnte, wie die Meinungsforscherin Renate Köcher schreibt, in denen das westdeutsche Empfinden vom Wirtschaftswunder und von wachsenden Verteilungsspielräumen geprägt war.
Nicht nur wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise glauben heute nur die wenigsten noch an Wirtschaftswunder. Die meisten Deutschen ahnen, dass die glorreichen Zeiten der Industriegesellschaft vorüber sind. Überdies bekommen sie es ja regelrecht eingebleut, dass in anderen Regionen die Zukunftsmusik spielt: In Asien wird zum Angriff auf die Vormachtstellung des Westens geblasen, während bei uns, am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends, die Verteidigung des Status quo das Leitziel ist.
Depressive Stimmung
Doch nicht überall in Asien sind Menschen und Staaten vom Rausch des Auf- und Überholens erfasst. Japan, die Wirtschaftsgroßmacht des 20. Jahrhunderts und noch immer die zweitgrößte Volkswirtschaft, ist von einer depressiven Stimmung gepackt, die selbst für die entsprechend ausgewiesenen Deutschen düster scheint.
Während in Asien neue Großmächte entstehen und andere auf dem Sprung sind, wähnen sich viele Japaner auf dem Abstieg, auf einem Abstieg, der angeblich nicht zu vermeiden ist. Auch sie sind natürlich beeindruckt von dem Wachstum und dem Selbstbewusstsein Chinas - das eine so augenscheinlich wie das andere. Ihre eigene Darbietung in den vergangenen zwanzig Jahre gab ihnen dagegen wenig Anlass zu jubeln; und die Ausflüge auf die internationale Bühne wurden immer wieder vom Kleinmut der Selbstmarginalisierung abgelöst. Was den Zukunftspessimismus vielleicht am meisten nährt, ist die Demographie: Die japanische Bevölkerung altert und schrumpft; auch darin ähnelt sie der deutschen. Allerdings vollzieht sich diese Entwicklung in Japan noch schneller als bei uns.
Parallelen zwischen Deutschland und Japan
Auch wenn man es mit Vergleichen nicht übertreiben sollte, gibt es zwischen Deutschland und Japan doch einige Parallelen: Nach der Zerstörung im Krieg sind sie rasch an die Spitze der Industrieländer zurückgekehrt; unter dem amerikanischen Sicherheitsschirm wurden sie gefestigte Demokratien; ihren wirtschaftlichen und politischen Aktionsraum haben sie peu à peu ausgedehnt, im Falle Deutschlands militärisch bis an den Hindukusch. Nun meinen beide, sie könnten mit der Dynamik der Aufsteiger nicht mithalten; der Anpassungsdruck der Globalisierung überfordere sie.
Auf der einen Seite steht somit Zukunftsskepsis, freilich auf hohem materiellem Versorgungsniveau. Auf der anderen Seite haben die geopolitischen Veränderungen neue Spielräume geschaffen und alte Abhängigkeitsbeziehungen gelockert. Das gilt etwa für das Verhältnis Deutschlands zu den Vereinigten Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges. Und auch die japanisch-amerikanische Allianz ist keine Selbstverständlichkeit mehr, obwohl die nordkoreanische Bedrohung fortbesteht und Chinas machtpolitische Entwicklung zur Vorsicht mahnt. Der strategische Konsens beginnt sich aufzulösen, zumindest auf japanischer Seite. Der neue Ministerpräsident Hatoyama hat dies in den Anspruch auf Ebenbürtigkeit mit Amerika gekleidet. Aber was soll Ebenbürtigkeit bedeuten, wenn die Sicherheit Japans nach wie vor von amerikanischen Garantien abhängt?
Eine Abkehr von Washington?
Ist Japan tatsächlich bereit, viel mehr in die eigene Sicherheit zu investieren als bisher? Darüber hört man von der neuen Regierung nichts; dafür umso mehr von der Absicht, der bedrängten Mittelschicht sozialpolitisch unter die Arme zu greifen. Die Nähe, die Hatoyama zu Peking sucht und die als entspanntere Zusammenarbeit durchaus sinnvoll ist, kann im Ernst kein Ersatz sein für das enge Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Dass ein lokaler Streit um amerikanische Stützpunkte bündnispolitische Wellen schlägt, ist aber mehr als eine Irritation. Dahinter steht die Frage, ob Japan vor einer sicherheitspolitischen Wende und der Abkehr von Washington steht.
Eine solche Wende, würde sie wirklich vollzogen, führte ins Nichts. Das ist, bei allem vergleichbaren Pessimismus und ähnlichen politischen Belastungen, der Unterschied zur europäischen Zentralmacht: Deutschland ist in EU und Nato eingebunden; es hat mehrere Plattformen, von denen aus es seine Interessen verfolgen kann. Manchmal agieren die Berliner Akteure unglücklich, manchmal übertrieben selbstgewiss; aber Deutschland ist nicht isoliert. Das Geflecht der Partnerschaften wird helfen, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.
Diesen Vorteil hat Japan nicht. Es beginnt erst, Gemeinschaftsbeziehungen aufzubauen. Dabei trifft es auf Länder, die überzeugt sind, das 21. Jahrhundert zu prägen. Es bedarf politischer Klugheit, um da zu bestehen - und das Selbstvertrauen desjenigen, der nach der Zerstörung Großes geleistet hat und der, wie Deutschland, über eine Innovationskraft verfügt, die fast alle anderen in den Schatten stellt.
Japanische Zukunftsmisere
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