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Denkmal in der Türkei Mit der Abrissbirne gegen Versöhnung

Das Urteil des Tayyip Erdogan: Der türkische Ministerpräsident lässt an der armenischen Grenze ein Friedensdenkmal des Künstlers Mehmet Aksoy zerstören, das für die Annäherung zwischen den beiden Völkern steht.

© REUTERS/Umit Bektas Vergrößern Der Bildhauer Mehmet Aksoy wollte mit seinem Denkmal eine Geste der Versöhnung schaffen. Der türkische Ministerpräsident ist dagegen.

Man stelle sich vor, Bundeskanzlerin Angela Merkel reise durch die deutsche Provinz, sehe im Vorbeifahren ein Denkmal, das ihrem ästhetischem Empfinden missfällt, weshalb sie dann in dem betreffenden Städtchen verkündet: Liebe Freunde, das Ding da auf dem Berg ist ganz und gar unmöglich, das muss sofort verschwinden. Und so passiert’s dann auch: Drei Monate später rollen die Abrissbagger an, und das Denkmal wird dem Erdboden gleichgemacht.

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Es ist ein Szenario, das man sich für Deutschland bisher glücklicherweise nicht vorstellen kann. In der Türkei aber ist es Wirklichkeit. Dort wird seit Anfang der Woche im osttürkischen Kars, das sechzig Kilometer vor der armenischen Grenze entfernt liegt, das „Denkmal der Menschlichkeit“ abgetragen – auf persönlichen Wunsch des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan. Der Abriss ist eine Ohrfeige – nicht nur für den Bildhauer Mehmet Aksoy und den türkischen Kunstbetrieb, sondern vor allem für die armenische Diaspora und das Nachbarland Armenien. Denn ihnen und all jenen Armeniern, die in den Jahren 1915 bis 1917 in Anatolien ermordet worden sind, hat der Bildhauer das Mahnmal gewidmet. Als kleine Sensation hatte man die Errichtung, mit der 2008 im Zuge der türkisch-armenischen Annäherung begonnen worden war, gefeiert: In der Türkei ist der Völkermord an den Armeniern bis heute ein Tabu, doch endlich schien Ankara für eine versöhnliche Geste bereit zu sein, auf die Armenier auf der ganzen Welt seit Jahrzehnten vergeblich gewartet hatten. Doch offensichtlich hat sich die türkische Regierung das nun anders überlegt. Wichtiger als das Verhältnis zum armenischen Nachbarn sind ihr wohl die Wählerstimmen der türkischen Nationalisten. Sie sieht das Mahnmal als Verrat an der Türkei. Der Bitte des armenischen Präsidenten an Ankara, die Abrissentscheidung noch einmal zu überdenken, wurde nicht entsprochen.

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Die Auseinandersetzung eskaliert

Es ist ein kulturpolitisches und diplomatisches Desaster, das seinen Auftakt im Januar dieses Jahres nahm. Damals reiste Tayyip Erdogan in Begleitung seines Kulturministers Günay nach Kars und sah das Denkmal zum ersten Mal. Wie ein riesiges, weithin sichtbares Ausrufezeichen thront die dreißig Meter hohe und fünfhundert Tonnen schwere Skulptur über der Landschaft. Aus der Ferne hat man den Eindruck, zwei Menschen stünden einander gegenüber. Nähert man sich dem Denkmal, dann erkennt man jedoch, dass es sich vielmehr um einen Menschen handelt, der in zwei Hälften geteilt worden ist – sie symbolisieren den Riss, der sich durch das türkisch-armenische Verhältnis zieht und der nur durch gemeinsame Bemühungen gekittet werden kann. Dafür aber hat der türkische Ministerpräsident keinen Sinn. Er gab sich entsetzt. Das Denkmal sei „monströs“ und „abartig“, urteilte er und befahl den sofortigen Abriss. Erdogans nachgereichte, offizielle Begründung entspricht der muslimisch-konservativen Linie seiner Partei, der AKP: Das Mahnmal überschatte die Grabstätte des Sufi-Heiligen Hasan Harakani und eine Moschee. „Es ist undenkbar, dass dieses Ding dort stehenbleibt“, sagte der Ministerpräsident. Als Mehmet Aksoy den Platz für das Mahnmal im Jahr 2006 aussuchte, hatte jedoch weder das zuständige Denkmalschutzamt noch eine andere Behörde Einwände erhoben. Es liegt auf einem Hügel und korrespondiert mit den umliegenden Bauten. Ihm gegenüber befindet sich die alte Burg von Kars, ein Sinnbild des Krieges – auch deshalb hatte Aksoy die gegenüberliegende Seite für sein Friedensdenkmal gewählt. Es ist kaum vorstellbar, dass der damalige Bürgermeister von Kars dem zustimmte, ohne zuvor die Einwilligung der Regierung eingeholt zu haben.

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