31.01.2005 · Der britische Premier Tony Blair will als Retter der Armen in die Geschichte eingehen und hat einen „Marshallplan für Afrika“ entworfen. Er und Schatzkanzler Brown wetteifern nun eifersüchtig, wer dem Kontinent lauter helfe.
Von Bernhard Heimrich, LondonEs ist schon etwas spät, doch Tony Blair sollte für das neue Jahr schnell noch einen guten Vorsatz fassen: Keine Kritzeleien zurücklassen! Während der Reden auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hatte man am Tisch des britischen Premierministers jüngst sinnend den Stift über den bereitliegenden Notizblock der Veranstalter eilen lassen, den das Motto krönt: „Der Besserung des Zustands der Welt verpflichtet!“
Zuhörer tun das überall, wenn Reden über den Zustand der Welt lang werden; manche malen Männchen, andere konstruieren geheimnisvolle geometrische Abenteuer, wieder andere lassen kleine schriftliche Urschreie los. Auf englisch nennt man diese unterbewußten Fingerübungen „Doodles“.
Ungelöste „Doodles“
Manche Doodles der britischen Geschichte sind noch immer ungelöst. Als die Sieger des Zweiten Weltkriegs in Jalta die Zukunft unter sich aufteilten, erschien der britische Premierminister Churchill einmal mit nicht vollständig zugeknöpfter Hose am runden Tisch. Sein Assistent schob ihm einen Zettel zu: „Der Vogelkäfig ist offen!“ Churchill schrieb zurück: „Aber der Vogel kann nicht ausfliegen!“ Dann, so erzählt er in seinen Memoiren behaglich, zerknüllte er den Zettel und warf ihn in den Papierkorb, um dem Geheimdienst des Verbündeten Stalin, der listig vom anderen Ende des Tischs herüberlächelte, ein paar wohlverdiente schlaflose Nächte zu bereiten.
Die Zettel von Davos haben ebenfalls dankbare Abnehmer gefunden. Diesmal waren es nicht feindselige Geheimdienste, sondern britische Zeitungen, was im Fall Tony Blairs aber manchmal auf dasselbe hinausläuft. Seit Freitag haben Londoner Blätter die Schriftzüge von Graphologen deuten lassen und freimütig die Diagnosen veröffentlicht. Die Schriftgelehrte der „Times“ etwa befand, Blair sei aggressiv, unstabil, ein bißchen außer Kontrolle und stehe unter enormem Druck und die Schrift verrate „mehr als nur eine Andeutung von Größenwahn“. Das Wichtigste aber hat die Schrift bis zum Montag niemandem verraten: Nicht Tony Blair hatte hier gedoodelt, sondern sein Nebenmann Bill Gates, der Herr über Microsoft.
„Mehr als nur eine Andeutung von Größenwahn“
Dabei könnte man auch dem britischen Premierminister in Davos Größenwahn vorhalten; aber nicht abfällig, sondern fast mit Respekt. London hat eben die Führung der „G 8“ übernommen, der Runde der führenden Industrienationen der Welt. Im Juli wird der halbjährliche Vorsitz der Europäischen Union dazukommen. Dem politisch derart verdichteten Jahr hatte Blair seit langem zwei Themen zugedacht: Afrika und, vielleicht einen Rang tiefer, Klimawandel.
Auf der internationalen Versammlung von Wirtschaftsführern hat er die Kampagne dieses Jahres eröffnet. Von jetzt an soll die Welt eine Vorstellung gewinnen von Großbritanniens, New Labours und Tony Blairs grenzenlosem Ethos. Zumal dem internationalen Engagement für Afrika möchte er einen Anstoß geben, der die Entwicklung nicht nur träge beschleunigt wie andere Konferenzen, sondern mit einem historischen Ruck.
„Marshallplan für Afrika“
Bei diesem Entwurf eines „Marshallplans für Afrika“ steht Schatzkanzler Brown an Blairs Seite. Der spröde Schotte ist ein Mann der Zahlen; doch in diesem Fall scheint ein anderes, spirituelles schottisches Erbe durchzudringen, ein Ethos, das Browns Vater, ein presbyterianischer Pfarrer, und seine geistlichen Freunde aus den Missionen dem jungen Gordon mitgegeben hatten. Brown hatte sich schon früher zum Fürsprecher eines Schuldenerlasses gemacht. Jetzt hat er vier Länder des Kontinents bereist und „die zermürbende, erbärmliche und unerbittliche Armut“ gesehen. Er schlägt die Gründung einer „International Finance Facility“ vor, mit deren Hilfe nicht nur die Staatskassen, sondern auch die Finanzmärkte zur Entwicklungshilfe herangezogen werden könnten. Bundeskanzler Schröder unterstützt die Idee.
Blair und Brown wetteifern sogar eifersüchtig, wer Afrika lauter helfe. Als Brown in Edinburgh seine erste große Afrika-Rede hielt, berief Blair hastig für dieselbe Stunde eine Afrika-Pressekonferenz in London ein. In Davos hatte Blair sich, ohne es seinem Freund Gordon zu sagen, nachträglich auf die Tagesordnung setzen lassen. Die Veranstalter, die offenbar die Verhältnisse nicht kennen, hatten das als Londoner Regie verstanden und ganz arglos Browns Auftritt gestrichen. Brown bekam schon wieder einen Wutanfall, kam trotzdem und hat ebenfalls über Afrika geredet. Doch auch das gibt der guten Sache Nachdruck. Vier Jahre lang hatten die Veranstalter sich vergebens bemüht, wenigstens eine Galionsfigur New Labours nach Davos zu locken; im Jahr Afrikas hatten sie gleich beide. Die Aufgabe des Duos ist allerdings auch gewaltig: Sie wollen den Westen dazu bringen, Afrika wirtschaftlich zu erlösen.
Rockstar als Kontrapunkt
Blairs Beitrag ist die „Kommission für Afrika“. Das ist das politisch-rhetorische Gegenstück zu Browns Finanzkonstruktion. Ihre 17 Mitglieder sollen den Aufschwung organisieren. Blair gehört dazu, ferner Brown, der Entwicklungshilfeminister Benn, einige afrikanische Regierungschefs und andere. Den Kontrapunkt in der Runde schafft der Rockstar Bob Geldof, dessen Idee das Ganze überhaupt war. Auf der Weltbühne steht ihm ideell der irische Rocker Bono zur Seite, als hätte das Duett Blair und Brown sich ein Spiegelbild geschaffen. Bono hatte auch den Labour-Parteitag in Brighton für Afrika motiviert. Bei der Konferenz der G-7-Finanzminister am Wochenende in London wird die Kommission einen Zwischenbericht vorlegen.
Die gute Absicht ist so alt wie die internationale Entwicklungshilfe. Die "Kommission für Afrika" beispielsweise hat ein Vorbild in einem Unternehmen der Vereinten Nationen in den achtziger Jahren, dem Willy Brandt sich gewidmet hatte. Dieser Teil der Geschichte zeigt aber auch, woran die guten Absichten kranken: Sie bleiben Absichten. Brown hat das in Davos am Beispiel der sogenannten Millenniumsziele der Vereinten Nationen vorgerechnet. Hilft die Welt Afrika im bisherigen Tempo weiter, werden diese Ziele auf den Gebieten Armut, Erziehung und Gesundheit nicht wie vorgesehen 2015 erreicht, sondern erst im Jahr 2150. „Und kein Mensch kann 135 Jahre warten“, sagt Brown.
Gerechte Neuordnung
Die andere Wurzel liegt in Blairs Politik. „Afrika“ gehört zu den Begriffen, die er in der Parteitagsrede von 2001 dem Schock des „11. September“ entgegenstellte. Der Anschlag müsse auch als Chance verstanden werden, die Einzelteile des geborstenen Kaleidoskops der Welt nach einem neuen Muster zusammenzusetzen, sodaß Gerechtigkeit und Ordnung möglich würden.
Damals hat Blair noch nicht wissen können, daß er nur zu bald nicht als guter Mensch und Retter Afrikas Geschichte machen werde, sondern als Kriegsgenosse Amerikas. Noch weniger hat er vermutlich geahnt, daß kurz vor der nächsten Parlamentswahl Bush und der Irak immer noch wie zwei Albatrosse an ihm hängen würden. Den ersten wahren Freundschaftsdienst wird dieser Präsident ihm gewähren, indem er Blairs stummes Flehen erhört und bei seiner bevorstehenden Europareise großmütig einen Bogen um London macht.
„Probleme wie die afrikanischen, also Schulden, Seuchen, Kriege, Korruption und schwache Regierungen, könnte kein Kontinent, egal wie wohlhabend, allein bewältigen.“
Tony Blair anläßlich der Übernahme der G-8-Präsidentschaft zum Jahreswechsel