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Das Kopftuch Rückzug der Entschleierten?

24.09.2003 ·  Das Tragen eines Kopftuchs ist nicht automatisch Ausdruck einer fundamentalistischen oder islamistischen Gesinnung. Es gibt aber keinen islamischen Fundamentalisten, der predigte,es abzulegen.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Das Tragen eines Kopftuchs ist nicht automatisch Ausdruck einer fundamentalistischen oder islamistischen Gesinnung. Es gibt aber keinen islamischen Fundamentalisten, der predigte, es abzulegen, im Gegenteil: In vielen muslimischen Ländern werden heute wegen des öffentlichen Drucks, bisweilen sogar unverhohlenen Terrors islamistischer Kreise wieder mehr Kopftücher getragen als früher oder die weiblichen Körper ganz verhüllt. Selbst in Istanbul, wo die gänzliche Verhüllung in den vierziger und fünfziger Jahren beendet schien, ist sie bisweilen wieder zu sehen. Fereshta Ludin hat mit einem Beharrungsvermögen sondergleichen über viele Jahre und Instanzen hinweg die Erlaubnis zum Tragen eines Kopftuchs im deutschen Staatsdienst gesucht.

Die deutsche Debatte über die Frage ist jedoch weit über Deutschland hinaus von Bedeutung. In der Türkei etwa warten manche auf eine endgültige Entscheidung. Dort regiert seit dem vorigen Jahr mit der AKP eine Partei, deren Amtsträger und Wähler zum großen Teil aus streng islamischem Milieu stammen. Sie reden nur noch wenig davon. Entgegen früheren Ansichten, die Türkei dürfe nicht Mitglied im "dekadenten" Europa werden, setzt man nun auf die EU-Vollmitgliedschaft. Über westliche Freiheitsrechte könnte auch der Spielraum der streng Religiösen im eigenen Land erweitert werden. Der Kulturkampf dort ist bisher von einem kemalistischen Fundamentalismus bestimmt gewesen, der in jeder öffentlichen Bekundung von Religiosität schon einen Fall von eklatantem Hochverrat sah. Die streng Religiösen in der Türkei, einschließlich der Islamisten, hoffen möglicherweise, eine sozusagen europäisch-laizistisch "geadelte" Argumentationshilfe dafür zu bekommen, die auch in ihrem Land gültigen Regeln des Laizismus zu bekämpfen. Dort dürfen weder Professorinnen noch Lehrerinnen mit Kopftuch arbeiten, theoretisch ist sogar den Studentinnen das Betreten des Campus mit dem Kopftuch verboten.

„Denkmal für die Befreiung der ägyptischen Frau“

In der Innenstadt der ägyptischen Hauptstadt Kairo erhebt sich das "Denkmal für die Befreiung der ägyptischen Frau". Es erinnert an Huda Schaarawi, die, unter anderem durch das Abwerfen des Schleiers, in der arabisch-muslimischen Welt den Kampf um Gleichberechtigung der Frauen eröffnete - wie Fatma Aliye Hanim in der späten osmanischen Türkei. Damals, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, war Ägypten im Aufbruch. Die libanesische Dichterin May Ziyadeh, Seelenfreundin des genialen neuromantischen Poeten Khalil Gibran, verzog nach Kairo, weil sie dort freier leben konnte als selbst in ihrer Heimatstadt Beirut. Die heutigen Nachfolgerinnen dieser Frauen, Naawal al Saadawi in Ägypten, Fatima Mernissi in Marokko oder Assia Djebar in Algerien, die sich unter Inkaufnahme übelster Beschimpfungen, Bedrohungen und Repressalien für eine Befreiung der Frau aus den traditionellen bis islamistischen Milieus einsetzen, werden Kopftuch-Entscheidungen in westlichen Ländern mit besonders großem Interesse wahrnehmen. Sie wissen genau und aus eigener Erfahrung, daß Kopftuch wie Körperverhüllung in ihrer Kultur häufig genug gekoppelt ist an das Fernhalten der Frau vom öffentlichen Leben oder doch zumindest von bestimmten Gebieten, während westliche Liberale mittlerweile dazu neigen, dies als "Vorurteil" chauvinistischer "Westler" oder Christen anzusehen.

Sie wissen offenbar nicht, wie stolz Hunderttausende iranische Frauen jeden Tag darauf sind, das Kopftuch, den Hedschab, einige Zentimeter nach oben zu schieben, um wenigstens den Ansatz der Haare zu zeigen. Und sie haben offenkundig auch noch nicht erlebt, wie oft muslimische Frauen aus Iran, Pakistan oder Saudi-Arabien sofort das Kopftuch oder gar die Verhüllung ablegen, kaum daß ihr Flugzeug vom heimischen Flughafen abgehoben hat. Hunderttausende Iranerinnen leben seit 1979 in Europa und Amerika ohne Kopftuch oder gar Tschador und genießen die Freiheit, gesehen zu werden.

„Schutz vor männlichen Zudringlichkeiten“

Im Koran handeln genau vier Stellen von der Kleidung der Frauen. Zwei davon scheiden als allgemeine Richtlinie schon deshalb aus, weil sie sich an die Frauen des Propheten Mohammed wenden. Die beiden anderen Stellen können als Aufforderung, sich manierlich zu kleiden, interpretiert werden. Zwar hat sich die weibliche Verhüllung (mit dem Kopftuch als modernem Ersatz, der freilich oft einen knöchellangen Regenmantel oder andere lange Gewänder ergänzt) als Sitte herausgebildet und festgesetzt; sie war aber immer wieder auch einmal umstritten unter den Rechtsgelehrten. Zu den essentiellen "fünf Pfeilern des Islams", die den Kern des Glaubens ausmachen, gehört sie nicht - im Unterschied etwa zum Kreuz, das alle Christen als das zentrale Symbol ihres um Christi Kreuzigung und Auferstehung zentrierten Glaubens anerkennen. Durch eine Sanktionierung der Verhüllung auch in staatlicher Funktion (im Alltag muß tatsächlich individuelle Freiheit gelten) in westlichen Ländern würde es muslimischen Frauenrechtlerinnen noch schwerer als bisher fallen, ihre emanzipatorischen Ziele zu propagieren.

Muslimische Frauen selbst bemühen oft das Argument, das Kopftuch oder die Ganzverhüllung - von den Schriftgelehrten, Männern jedenfalls, gewünscht oder gar angeordnet - diene ihrem Schutz vor männlichen Zudringlichkeiten. Westliche Radikalfeministinnen, die im Mann nur den potentiellen Vergewaltiger sehen, haben dieses Argument sogar aufgegriffen und die Musliminnen darin gelegentlich bestärkt. Ehemänner, Väter und Brüder verlangen oder akzeptieren die Verhüllung, um ihre Frauen, Töchter und Schwestern vor wem zu schützen? Vor anderen Ehemännern, Vätern und Brüdern, die wiederum ihre Frauen, Töchter und Schwestern schützen.

Der Verdacht liegt nahe, daß weniger die Frauen vor den Männern geschützt werden sollen als vielmehr Herrschaft über den weiblichen Körper (damit den weiblichen Aktionsraum insgesamt) ausgeübt werden soll. Die westliche Psychologie hat herausgearbeitet, wie ein wesentlicher Teil patriarchalischer Herrschaft darauf beruht, unter dem Vorwand der - oft männlich definierten - Moral die weibliche Sexualität zu beherrschen. Manches spricht dafür, daß alle Formen totalitärer Herrschaft über Menschen, seien sie religiös, seien sie weltlich, beim Sexus ansetzen. Die angeblich ungebremste weibliche Sexualität, als "teuflische Verführung" (ein Atavismus, der sich unter anderem am vorgeblich sexuell verführerischen Glanz der Haare festmacht), ist in der Religions- und Kulturgeschichte Vorderasiens nur allzu verbreitet und auch aus christlichen Kontexten bekannt. Der Prophet Mohammed übrigens dachte, nach neueren Forschungen, über das Geschlechterverhältnis noch wesentlich entspannter als spätere Zeiten. Eine ähnlich "sündige" Anziehungskraft des männlichen Körpers auf die Frauen existiert angeblich nicht. Islamische Männer in Teheran (und anderswo) tragen denn heute auch ungeniert T-Shirts und kurzärmelige Hemden, während ihre Frauen ganzkörperverhüllt neben, vielmehr hinter ihnen hergehen. Daß es auch Frauen gibt, die sowohl Kopftuch als auch Verhüllung freiwillig tragen, ist unbestritten. Aber müssen sie in Deutschland unbedingt Beamte werden?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. September 2003
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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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