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Darfur Die Unruhe vor dem Aufstand

14.01.2008 ·  In den Flüchtlingslagern von Darfur wird die Lage von Tag zu Tag chaotischer - und es gibt immer mehr Waffen. Eine Intifada droht

Von Hans-Christian Rössler, Nyala
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Musa Ishaq legt großen Wert auf Ordnung. „35.721 Menschen leben in Derege“, sagt der alte Mann mit dem grauen Bart und fängt an aufzuzählen: „Fur, Massaleit, Birgid, Zaghawa ...“ Lang ist die Liste der Stämme in dem Flüchtlingslager an der Straße zum Flughafen von Nyala, dem Musa Ishaq als Scheich vorsteht. Dabei gehört Derege zu den kleineren Lagern.

Wenige Kilometer entfernt leben im Lager von Kalma knapp 100.000 Flüchtlinge. Dorthin wagen sich die Regierungstruppen nur noch schwer bewaffnet. Denn viele Insassen haben angefangen, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen. Dazu gehören auch Überfälle auf Polizeiposten, bei denen sie alle Waffen rauben. „Es strömen immer mehr Waffen in die Lager“, warnt der UN-Sondergesandte Jan Eliasson. Gebe es nicht bald eine politische Lösung, könnte es auch in den Lagern von Darfur zu Kämpfen kommen.

Ein Großteil der Flüchtlinge will diesen Frieden nicht

Vor einer „Intifada“, einem Aufstand ähnlich wie unter den Palästinensern, warnen Diplomaten und ausländische Helfer, die die 120 Lager in Darfur regelmäßig besuchen. Jeder dritte Darfurer wurde seit 2003 vertrieben; insgesamt mehr als 2,2 Millionen Menschen. Und ihre Zahl wächst weiter. Allein im vergangenen Oktober um die 25.000. Mehr als 200.000 Personen wurden in dem Konflikt getötet. Und mit jedem Jahr, das die Flüchtlinge in den Lagern verbringen, wird die Lage chaotischer.

Seit Ende Oktober versuchen UN und Afrikanische Union (AU) zwischen Rebellen und sudanesischer Regierung einen Frieden zu vermitteln, doch ein Großteil der Flüchtlinge will diesen Frieden nicht. Als Eliasson im Dezember Kalma besuchen wollte, ließen ihn Vertreter der Flüchtlinge wissen, er sei dort unerwünscht. „Die Leute, die jetzt miteinander reden, haben doch nie den Krieg und seine Schmerzen selbst gefühlt“, sagt eine Frau aus dem Salam-Lager bei Nyala über die Rebellen, die am Verhandlungstisch sitzen.

Frustriert und empfänglich für radikale Ideen

Besonders die jüngere Generation, die in den Lagern heranwächst, wird ungeduldig. Das überrascht nicht, denn viele von ihnen besuchen keine Schule und haben keine Aussicht auf eine Ausbildung oder Arbeit. Frustriert werden sie empfänglich für radikale Ideen und schließen sich Banden oder Milizen an. Manche gehen in den Untergrund, wie einheimische Fachleute berichten, die vor kurzem für eine Studie von UN und AU mehrere Lager aufsuchten.

Die Autorität der traditionellen Führer schwindet. Komplizierte, seit Jahrhunderten gewachsene Hierarchien garantierten in den Stämmen und Clans bisher den Zusammenhalt. Die Fur zum Beispiel, die 80 Prozent der Flüchtlinge stellen, führt traditionell ein Sultan an. An der Spitze anderer Stämme steht ein Malik, ein König. Weiter unten in dieser Ordnung folgen dann die Omdas und Scheichs wie Musa Ishaq. Doch viele von ihnen folgten ihren Stämmen und Clans nicht in die Lager, sondern suchten in Städten Zuflucht. Andere haben an Ansehen verloren, weil sie als „Marionetten“ der ungeliebten Regierung in Khartum gelten.

Die oberste Autorität lebt in luxuriösen Verhältnissen

Dafür gewannen andere Mitglieder der Stämme an Macht und Einfluss: Wer gute Kontakte zu den rund 90 ausländischen Hilfsorganisationen in Darfur hat und Nahrung und andere Unterstützung organisieren kann, genießt besonderes Ansehen. Die oberste Autorität für die meisten Flüchtlinge in Darfur lebt jedoch in luxuriösen Verhältnissen im fernen Paris: Abdelwahid al Nur, der Anführer der Rebellengruppe Sudan Liberation Army (SLA), hält über Satellitentelefon den Kontakt zu seinen Anhängern.

Um ihre eigene Beliebtheit zu fördern, versuchten mittlerweile viele Scheichs, sich als seine Vertreter hervorzutun, wird aus den Lagern berichtet. Es ist vor allem die Kompromisslosigkeit des SLA-Führers, die es vielen Vertriebenen angetan hat: Er weigert sich, an den Friedensverhandlungen teilzunehmen, solange nicht eine von den UN geführte Friedenstruppe in Darfur für Waffenruhe sorgt.

Vor allem aber lehnt er das im Mai 2006 zwischen der sudanesischen Regierung und seinem früheren Mitstreiter Minni Minawi geschlossene Friedensabkommen für Darfur ab. Rebellenführer Minawi wurde dafür mit dem Posten eines Beraters von Präsident Omar al Baschir und einer Dienstvilla in der Hauptstadt Khartum belohnt, in Darfur verlor er aber an Rückhalt. Doch die Regierung in Khartum will, dass das erfolglose Abkommen aus dem Jahre 2006 Verhandlungsgrundlage bleibt, und ist nur zu kleinen Korrekturen bereit.

Beten für den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Reagan

Die Vertriebenen wollen mehr. Sie verlangen eine Entschädigung für das, was sie in den vergangenen Jahren verloren haben. Sie wollen, dass ihr Recht auf Rückkehr festgeschrieben wird und diejenigen bestraft werden, die gequält und getötet haben. Darüber hinaus fordern sie mitzureden, wenn es um die Zukunft Darfurs geht - die Besuche zahlloser Außenminister und Diplomaten in ihren Lagern ließen ihr Selbstbewusstsein wachsen. Hoffnung setzen dabei viele auf die neue Friedenstruppe Unamid, die seit 1. Januar mit 26000 Soldaten und Polizisten von UN und AU Darfur stabilisieren soll. Die Flüchtlinge sind enttäuscht über die AU-Truppe, die nach Ansicht vieler vor allem sich selbst beschützte.

Die sudanesische Regierung hätte es lieber gesehen, wenn weiter eine afrikanische Friedenstruppe in Darfur im Einsatz wäre. Bis heute versucht sie, eine schlagkräftige internationale Truppe zu verhindern. Frustriert zogen gerade Schweden und Norwegen ihr Angebot zurück, 400 Pioniere zu stellen; Khartum hatte der Entsendung monatelang nicht zugestimmt. „Die Mission wird weder das Personal noch die Mittel haben, um ihr Mandat selbst im besten Fall in den kommenden Monaten erfüllen zu können“, sagte jetzt der zuständige UN-Untergeneralsekretär Jean-Marie Guéhenno. Am Montag wurde zudem zum ersten Mal ein Konvoi der Unamid-Truppe angegriffen.

Viele Flüchtlinge hoffen dennoch weiter besonders auf den Westen. Das hat Gründe, die lange zurückliegen. So findet man in Darfur junge Männer, die den ungewöhnlichen Vornamen Reagan tragen. Während der Hungersnot im Jahr 1984 war keine Hilfe aus Khartum, dafür aber aus Amerika gekommen. In den Moscheen beteten sogar Imame dafür, dass der damalige Präsident Ronald Reagan in den Himmel komme.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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