11.06.2004 · In der westsudanesischen Provinz Darfur führen arabische Milizen einen Vertreibungskrieg gegen die schwarze Bevölkerung. Sie stehlen das Vieh, die Ernte, das Wasser - Hunderttausende sind vom Tod bedroht.
Von Thomas ScheenDas Beängstigende ist diese Stille. Totenstille, in der das Knarren der aufgebrochenen Metalltüren, an denen der heiße Wüstenwind reißt, wie ein letztes Stöhnen klingt. Es ist ein Geräusch, das durch Mark und Bein geht.
Trbiba muß einmal ein blühender Ort gewesen sein; es sind nur ein paar Kilometer bis zur Grenze nach Tschad. Der große Marktplatz zeugt von einem einst geschäftigen Treiben in der sudanesischen Grenzstadt. Die Läden sind wie die meisten Wohnhäuser aus Ziegeln gemauert - Zeichen bescheidenen Wohlstands. Es gibt, oder besser, es gab eine Schule in Trbiba, die funktionierte, eine Durchgangsstraße und am Ortsrand große Hirse- und Getreidespeicher.
Die Speicher sind mit Handgranaten gesprengt, die Moschee des Ortes ist nieder- und viele Häuser sind ausgebrannt. Trbiba wurde erst vor zwei Wochen zerstört von den arabischen Djandjawid-Milizen, die im Auftrag der Regierung in Khartum einen Vertreibungskrieg gegen die schwarzafrikanische Bevölkerung der westsudanesischen Region Darfur führen - obwohl gerade erst ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Khartum und den beiden Rebellengruppen in Darfur, der „Sudan Liberation Army“ (SLA) und dem „Justice and Equality Movement“ (JEM), verlängert worden ist.
Die 30 Rebellen der SLA schwärmen beim Betreten der Stadt vorsichtig aus. Die beinahe gelöste Stimmung ist verflogen. Sie sind nervös und wirken angespannt, die Sicherungshebel ihrer Gewehre sind längst auf Feuer gestellt. Dabei ist zwischen den niedergebrannten Gebäuden keine Menschenseele zu sehen, nicht einmal ein magerer Hund streunt durch die verwaisten Straßen. Im Dornengestrüpp vor der Schule hängen Seiten zerfledderter Lehrbücher. Die Geschäfte sind geplündert.
Ein Völkermord, der seinen Namen nicht nennt
„Das ist die Art, auf die Khartum sein Versprechen hält“, sagt Jamal Abaker und umschreibt mit einer weiten Armbewegung das ganze Ausmaß der Zerstörung. Jamal hat einmal Jura in der sudanesischen Stadt Juba studiert. Bis er merkte, daß er nie eine Stelle bekommen würde, weil er der „falschen“ Ethnie angehört. Jamal ist Massalit, die neben den Fur und den Zaghawas Opfer eines Völkermordes in Darfur sind, der seinen Namen nicht nennt.
Seit Februar 2003 ist Jamal nun Mitglied der SLA, um sich gegen die systematische Vertreibung der Schwarzafrikaner durch Araber zu wehren. Seither zieht er mit einer Gruppe abgerissener Rebellen durch das Grenzgebiet, um die nach Tschad geflohenen Sudanesen vor Übergriffen der Djandjawid zu schützen. Mehr können die Rebellen nicht tun angesichts ihrer alten Waffen und ihres Mangels an Logistik und Kommunikationsmitteln.
Am Ortsrand von Trbiba fallen Schüsse. „Djandjawid“, flüstert Jamal und drängt zum Aufbruch. Einer der Kämpfer geht hinter einer Mauer in Deckung und feuert seine Panzerfaust in Richtung der vermeintlichen Position der Milizen ab. Das Ganze wirkt irgendwie komisch, denn die Panzerfaust ist so alt, daß der Abzug schlackert, das Visier ist verzogen, und der Schütze ist ebenso mutig wie unerfahren. Der Rest der Truppe zieht sich schleunigst zurück und marschiert in Richtung Grenze. Die Djandjawid werden von der sudanesischen Luftwaffe unterstützt; die SLA hat nicht einmal eine Waffe für jeden Kämpfer.
Kontrolle durch Djandjawid-Milizen
Die Djandjawid scheinen Darfur mittlerweile völlig zu kontrollieren. Die SLA ihrerseits beherrscht südlich der Stadt Al Junayana nur noch einen schmalen Streifen entlang der Grenze zu Tschad, der bestenfalls zehn Kilometer weit nach Sudan hineinreicht. Was sich jenseits dieser Linie abspielt, weiß niemand.
Angeblich soll auf der 150 Kilometer langen Strecke von Al Junayna nach Zalingei kein Dorf mehr stehen. Die Rebellen behaupten, im Marra-Gebirge, etwa 200 Kilometer von der tschadischen Grenze entfernt, seien bis zu einer Million Menschen von den Djandjawid eingekesselt. Weiter südlich, in Kailage, sollen 10.000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten sein. „Kailage ist unser Srebrenica“, sagt Jamal. „Noch ein Monat, und sie sind tot.“
Es gibt viele solcher Horrorberichte. Keine Hilfsorganisation und kein Journalist sind bislang ins Innere Darfurs vorgestoßen, um ein glaubwürdiges Bild der dortigen Zustände erlangen und liefern zu können. Angeblich soll die Afrikanische Union bald „Beobachter“ nach Darfur entsenden. Wie deren Bewegungsfreiheit aussehen wird, darüber braucht man sich angesichts der Lügen aus Khartum über die Vorgänge im Westen Sudans keine Illusionen zu machen.
Sicher ist nur, daß es selbst in dem schmalen Grenzstreifen von Al Junayna bis hinunter nach Poro Burunga eine Menge Gräber gibt. Eines hat die weißen Besucher gleich nach ihrem Grenzübertritt empfangen: ein kleiner Erdhaufen, auf dem drei Äste und ein alter Schuh liegen - Schauplatz einer Tragödie, wie es in Darfur wahrscheinlich Hunderttausende gibt. Zwei Männer und eine Frau wurden hier begraben; sie waren von den Djandjawid in Sichtweite des tschadischen Dorfes am anderen Ufer des Wadis Kaja, der die Grenze markiert, umgebracht worden.
Jamal mutmaßt, die armen Teufel seien deshalb erst an der Grenze massakriert worden, damit jeder auf der anderen Seite habe sehen können, was Schwarzafrikanern drohe, die sich zurück nach Darfur trauten. „Khartum behauptet, wir hätten angefangen. Dabei ist das Gegenteil der Fall“, sagt Abdelaziz Yahaya Juma. Wie der ehemalige Jurastudent Jamal ist Abdelaziz einer der gebildeten Rebellen, hat Wirtschaftswissenschaften studiert, bevor er zu einer Waffe griff, die gar nicht zu seinen feingliedrigen Händen und seiner ruhigen, überlegten Art passen will.
Jahrelange Vertreibungen
Tatsächlich sind die Vertreibungen von Schwarzafrikanern durch Araber in Darfur nichts Neues. Schon 1987 wurden in den Marra-Bergen 300 Dörfer, die überwiegend von Zaghawas bewohnt wurden, niedergebrannt. Richtig „Schwung“ bekam dieser Krieg aber erst, als die SLA mit Unterstützung der südsudanesischen Rebellengruppe „Sudan Peoples Liberation Army“ (SPLA) vor 18 Monaten Angriffe auf die sudanesische Armee in Darfur startete. Hintergrund war das Stocken der Friedensverhandlungen zwischen Khartum und der SPLA, und die Rebellen aus dem Süden wollten auf dem Umweg über Darfur Druck auf Khartum ausüben.
Heute hat die SPLA ein Friedensabkommen mit Khartum, dem der amerikanische Außenminister Powell höchstpersönlich applaudierte. Die SLA fühlt sich dagegen verraten und verkauft. „Warum äußert sich die SPLA nicht zu Darfur?“ fragt sich Abdelaziz. Die Beziehungen zu der zweiten Rebellengruppe in Darfur, JEM, sind schon deshalb erkaltet, weil die eine Erfindung des sudanesischen Islamistenführers Hassan al Turabi ist. „Das sind Islamisten, das ist nicht unsere Sache“, sagt Jamal.
Im Zwielicht des Vollmonds laufen drei Männer auf die tschadische Grenze zu. Die Rebellen sprechen sie an. Es sind Massalit, die auf der tschadischen Seite Zuflucht gesucht haben, aber trotzdem jeden Tag nach Sudan zurückkehren, um Stroh für ihr Vieh zu sammeln, weil die tschadische Seite der Grenze regelrecht leergefressen ist.
Was sie tun, ist lebensgefährlich; die Bauern mit ihren hochbepackten Eseln wären leichte Beute für die Djandjawid. Die Begrüßung zwischen den Flüchtlingen und den Rebellen ist herzlich. Die drei Männer scheinen nicht im geringsten von den Panzerfäusten und der martialischen Aufmachung der Rebellen eingeschüchtert zu sein. Sobald die SLA-Kämpfer ihr Nachtlager nahe der Grenze aufschlagen, dauert es meist ohnehin nicht lang, bis die Dorfbewohner durch den Grenz-Wadi stapfen, um den Rebellen ihre Aufwartung zu machen. Sie tauschen Neuigkeiten aus, trinken Tee, und manchmal opfert das Dorf ein Schaf für die hungrigen Gestalten mit den altersschwachen Waffen.
Vom Rebell zum Bauern
Die SLA-Kämpfer und die Grenzbevölkerung gehören alle derselben Ethnie an, in diesem Fall der Massalit, und die Rebellen holen sich ihre Rekruten von der tschadischen Bevölkerung und sudanesischen Flüchtlingen, die im Grenzgebiet Zuflucht gefunden haben. Eng ist diese Verflechtung: Eben noch SLA-Kämpfer, schält sich am Abend einer der Rebellen aus seiner verschossenen Uniform, zieht einen Boubou über, läßt sein Gewehr bei seinen Kameraden und läuft nach Tschad hinüber, wo er von den anderen Bauern nicht mehr zu unterscheiden ist.
In Sisi, einem Weiler rund 45 Kilometer südlich der tschadischen Grenzstadt Adre, zahlt die Dorfgemeinschaft der tschadischen Armee Geld, damit die den Rebellen am gegenüberliegenden Ufer des Wadi nicht zu nahe kommt. Aus den Dörfern bekommen die Rebellen Lebensmittel und wohl auch Waffen; sie gewähren dafür halbwegs Schutz vor Überfällen der Djandjawid.
Vor wenigen Wochen noch besaß Abdela Joma 120 Stück Vieh. Bis die Djandjawid über die Grenze kamen. Joma ist der Dorfvorsteher von Aqina in Tschad, und die Zahl der Einwohner von Aqina hat sich in den vergangenen sechs Monaten glatt verdoppelt: Alle Einwohner des sudanesischen Dorfes Kusher haben hier Unterschlupf gefunden, 4000 Menschen mitsamt ihren Viehherden.
Der Krieg finanziert sich selbst
Die Djandjawid nahmen Sudanesen wie Tschadern insgesamt 1800 Tiere ab. Flüchtlinge wie Einheimische verloren ihr Hab und Gut. Das gestohlene Vieh geht angeblich in die sudanesische Regionalstadt Nyala, wo es geschlachtet und verkauft wird - auf die Arabische Halbinsel. Sollte das stimmen, würde sich der Krieg der Djandjawid gegen die Massalit, die Zaghawas und die Fur zusätzlich zu der Menschenverachtung, mit der er betrieben wird, auch noch selbst finanzieren.
Dennoch bereut Joma es nicht, daß er den Leuten aus Kusher Zuflucht gewährt hat. „Wir hatten auch einmal Hunger und sind nach Sudan gegangen, wo man uns geholfen hat. So einfach ist das.“ Dann reichen die Frauen des Dorfes den Rebellen der SLA, die in der Nähe die Nacht verbracht haben, Fladenbrot und Hirsebrei. „Erzählt der Welt, was hier passiert!“ gibt Dorfchef Joma den Besuchern mit auf den Weg, bevor es mit den SLA-Kämpfern wieder über die Grenze nach Sudan geht.
„Un vrai bordel“, hatte der stellvertretende Präfekt des Distriktes Adre, Albert Miarro, zwei Tage zuvor diesen „kleinen Grenzverkehr“ genannt. „Die ethnische Komponente des sudanesischen Konfliktes ist eine Bedrohung für unsere Stabilität.“ Miarro residiert in einem staubigen Büro in der staubigen Grenzstadt Adre, stammt aus dem Süden Tschads, empfindet seine Versetzung an diesen verlassenen Ort an der Grenze als Strafe. Vielleicht rührt daher seine Distanz zu der Solidarität der Massalit und der Zaghawa diesseits und jenseits der Grenze.
Hätte sein Büro ein Fenster, könnte er die Kaserne der tschadischen Armee auf dem Hügel hinter der Präfektur sehen. Dort sind unlängst ein paar neue Panzer stationiert worden, mit denen die Soldaten einmal wöchentlich nach Sudan hineinschießen; die Grenze verläuft nur in ein paar hundert Metern Entfernung. Um die Rohre vom Staub zu befreien, wie sie sagen. Immerhin haben die Djandjawid-Angriffe rund um Adre seit der regelmäßigen Vorführung der Feuerkraft nachgelassen. Weiter südlich aber gehen die Übergriffe weiter. In den Dörfern der Grenzgebiets haben sich längst Selbstverteidigungsgruppen gebildet, denn die tschadische Armee kann sie nicht schützen.
Hütten niedergebrannt, Vieh gestohlen, Brunnen vergiftet
Die alte Frau duckt sich beim Anblick der Weißen wie ein scheues Tier an den Boden. Die Bewegung wirkt erschütternd, weil sie so entwürdigend ist. Der Rebell Jamal redet beruhigend auf die Frau ein. Er spricht Massalit, erklärt den Grund für die Anwesenheit der Weißen, die - von Ferne und auf einem Pferd sitzend - wie die gefürchteten, hellhäutigen Djandjawid aussehen. Die Frau beruhigt sich und lächelt. Aus einem Beutel angelt sie eine Mangofrucht, ihr Abendessen, und bietet sie den Besuchern an.
Sie ist das einzige menschliche Lebewesen in diesem namenlosen sudanesischen Ort. Die Hütten sind niedergebrannt, die Tonkrüge mit den Hirsevorräten zerschlagen, das Vieh gestohlen, der Brunnen wahrscheinlich vergiftet. 350 Menschen lebten einmal hier, jetzt grast ein einsamer Esel in einem der verwilderten Gemüsebeete. Die Frau ist gekommen, um Brennholz zu sammeln; bei Anbruch der Nacht will sie nach Tschad zurückkehren. Sie erzählt, die Djandjawid hätten den Nachbarort überfallen, und dann sei ihr ganzes Dorf geflüchtet. Sie hockt vor den Resten ihrer alten Hütte, von der noch eine halbe Strohwand steht. Hier ist sie geboren, hier hat sie ihre Kinder zur Welt gebracht. Hier ist es heute für sie lebensgefährlich.
Es ist Abend geworden, es ist die zweite Nacht mit den Rebellen unter freiem Himmel. Die Kämpfer haben ihr spärliches Lager aufgebaut, die Reste des Schafes verspeist, das ihnen ein tschadisches Dorf am Vorabend spendiert hatte, und nun hören sie Radio. Die BBC berichtet über die Verhandlungen der Hilfsorganisationen um Zugang zu Darfur. Die SLA-Kämpfer haben ihre Besucher an diesem Tag durch drei zerstörte Dörfer geführt, sie sind mit entsicherten Waffen durchs Gebüsch gekrochen und haben Aufklärer vorausgeschickt, damit ihren Gästen nur ja nichts passiere.
Jamal übersetzt die Nachrichten in Massalit. Mussa, der immer gutgelaunte Kamelreiter mit der Panzerfaust, der sich jeden Morgen in einer umständlichen Prozedur gut und gerne hundert Glücksbringer umhängt, um „kugelfest“ zu werden, wird unruhig. Eine Diskussion beginnt, bis Jamal zu den beiden Weißen herüberrutscht. „Sag mal, was ist eigentlich der Unterschied zwischen ethnischer Säuberung und Völkermord“, will er wissen.
Doch was antworten unter den Eindrücken der Zerstörungen in Darfur, der Abwesenheit jedes menschlichen Lebens, der Angst in den Augen der alten Frau, der Gespensterstadt Trbiba und nicht zuletzt der eigenen Furcht vor den Djandjawids? Die Milizen haben die Menschen in Darfur in Todesangst versetzt und sie in einem lebensfeindlichen Landstrich zur Flucht veranlaßt; sie haben ihnen das Vieh, die Ernte, die Wasserquellen gestohlen und damit ihren Tod gleichgültig in Kauf genommen: Wie soll man da zwischen Vertreibung und Völkermord unterscheiden können?
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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