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Dagestan Sandsäcke in den Städten, Kämpfer im Wald

07.06.2010 ·  Balachani in der bergigen Einöde Dagestans wurde bekannt als Heimatort der zwei Frauen, die sich in der Moskauer Metro in die Luft gesprengt haben. Formal gehört Dagestan zu Russland, aber dort oben, so wird erzählt, lebt man nach den Gesetzen der Scharia.

Von Michael Ludwig, Balachani
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Der Sprit im Tank stammt aus einer Tankstelle, die „Inschallah“ („So Gott will“) heißt. Auch an der Schotterpiste in die dagestanischen Berge wacht Allah. Schilder in der grünen Farbe des Propheten preisen den Höchsten in einer der vielen dagestanischen Sprachen - und auf Arabisch. Je höher die Fahrt hinaufgeht, desto mehr verhüllen sich die Frauen, vor allem die jungen.

Formal gehört Dagestan zu Russland, einem weltlichen Staat, aber hier oben, so wird erzählt, werde nach den Gesetzen der Scharia gelebt. Die Sicherheitskräfte, so heißt es, oft Spezialtruppen aus dem russischen Kernland, ließen sich nur sehen, um in den Wäldern Jagd auf bewaffnete Untergrundkämpfer, die Bojewiki, zu machen, die den Namen Allahs auf den Lippen führen, die regionale Staatsmacht aus den Angeln heben und den gesamten Nordkaukasus in einen islamischen Gottesstaat verwandeln wollen.

Das Dorf Balachani liegt in dieser bergigen Einöde Dagestans. Der Flecken wurde bekannt, nachdem sich am 29. März zwei Frauen in der Moskauer Metro als Selbstmordattentäterinnen in die Luft gesprengt und etwa 40 Menschen mit in den Tod gerissen hatten. Nach Angaben der russischen Ermittlungsbehörden war eine der beiden Marjam Scharipowa aus Balachani. Immer wieder wurde gefragt, was die beiden jungen Frauen veranlasst haben könne, ihrem Leben auf diese Weise ein Ende zu setzen. Marjam hatte Mathematik und Informatik studiert und als Computerspezialistin an der Schule gearbeitet, an der ihr Vater Rassul Magomedow noch immer Lehrer ist.

Fotos vom abgesprengten Kopf

Nach dem Ende der muslimischen Trauerzeit seit Marjams Tod ist es möglich, ihm Fragen zu stellen. Nach dem Gebet in der Moschee antwortet er im Garten vor seinem Haus - voller Zweifel an der offiziellen Version der Ereignisse. Die Fotos vom (abgesprengten) Kopf seiner Tochter zeigten Spuren von Gewalteinwirkungen, die, so hätten ihm Fachleute versichert, Marjam vor deren Tod zugefügt worden seien. Deshalb könne sie den Anschlag wohl kaum verübt haben. „Sie“ hätten Marjam in Dagestan verschleppt und dann mit ihr gemacht, was sie wollten; „sie“ hätten ihr heimliche Ehen mit einem inzwischen getöteten Vertreter von Al Qaida und mit dem „Emir“ Magomedali Wagabow angedichtet. Wagabow führt eine Gruppe von Bojewiki in der Gegend von Gubden im zentralen Teil Dagestans und ist einer der mächtigsten „Emire“. Er wird offenbar von einem nicht geringen Teil der Einwohner der Gemeinde Gubden unweit der Hauptstadt Machatschkala unterstützt. Gubden gilt als eine der Hochburgen des Wahhabismus im Land. Seit einem Jahr hat die Miliz dort eine Sonderabteilung stationiert, und neben den 35 Moscheen prägen Sandsäcke das Bild der Gemeinde.

Ob Marjam etwa getötet und nach Moskau gebracht worden sei, um einer Toten aus Dagestan mit Verbindungen zu Extremisten die Morde in der Metro anzuhängen? Und was ist mit dem Film der Überwachungskamera in der Metro? Rassul lässt diese Fragen unbeantwortet. Der Zweifel an der offiziellen Darstellung Moskaus scheint für ihn vor allem ein Mittel zu sein, um mit der Schuld der Tochter leben zu können.

Ein anderes Mittel gegen solche moralischen Schmerzen könnte es sein, den Anschlag als gottgefällige Handlung im „Dschihad gegen Ungläubige und Unterdrücker von Muslimen“ zu betrachten. Aber Rassul vermeidet jede direkte Rechtfertigung derer, die sich den Bojewiki anschließen oder Selbstmordattentate verüben. Rassul erzählt, dass einer seiner Söhne von der Miliz gefoltert worden sei. Aber dass Marjam Rache für ihre beiden Brüder habe nehmen wollen, die in Konflikt mit den Sicherheitskräften geraten waren, glaubt er nicht. Über die Motive junger Menschen, in den Untergrund zu gehen, sagt Rassul vorsichtig, es könne schon sein, dass Dagestaner glaubten, sie müssten ihr Land von der „russischen Okkupation“ befreien oder gegen die Willkür der Russen kämpfen, deren Sicherheitskräfte sich pausenlos über die Gesetze stellten.

Nordkaukasus als Gebiet des „reinen Islams“?

Die Vorstellung, dass der Nordkaukasus ein von Russland besetztes Gebiet sei, das den „Ungläubigen“ entrungen werden müsse, um es zu einem Hort des „reinen Islams“ zu machen, steht im Zentrum der Ideologie des selbsternannten „Emirs des Kaukasus“ Doku Umarow, eines Tschetschenen. Ihm folgen angeblich auch die „Emire“ der „Waldbrüder“ in Dagestan. In Balachani machen „Wahhabiten“, die Befürworter eines „reinen“, mithin besonders strengen und aus Arabien importierten Islams, denen die Behörden Verbindungen zum bewaffneten Untergrund nachsagen, etwa ein Drittel der Bevölkerung aus. „Aber die jungen Männer bleiben zu Hause und gehen nicht in den Wald“, sagt Rassul. Ein Freund der Familie fügt hinzu, die Mehrheit sei zwar gegen den Kampf, aber sie bewerte die Beweggründe der „Waldbrüder“ höher als die der Sicherheitskräfte. Diese seien durch und durch korrupt und vergriffen sich an friedlichen Menschen. Aber was ist mit den unschuldigen Menschen, die bei Attentaten getötet werden? Der Freund der Familie schweigt.

Die unabhängige Wochenzeitung „Nowoje Delo“ hat die menschliche Katastrophe im dagestanischen Teil des Nordkaukasus vor kurzem in nüchterne Zahlen gefasst: Seit Beginn des Jahres sind 90 Menschen bei Terroranschlägen und bei Spezialoperationen gegen Terroristen getötet worden, 110 wurden verletzt. Unter den Toten waren 43 Angehörige der Sicherheitskräfte, zwölf unbeteiligte Bürger und 35 Bojewiki. Seither sind in allen Kategorien weitere Opfer hinzugekommen.

Chefredakteur Marko Schachbanow meint, die Lage in Dagestan eskaliere wie 2005, als schon einmal eine Welle von Gewalt und Gegengewalt die Republik überschwemmte. Die Bojewiki in den Wäldern hätten zwar höchstens 150 Mann unter Waffen, die in mehreren Gruppen in unterschiedlichen Regionen Dagestans agierten, aber in den Städten und Siedlungen könnten sie über mehrere Hundertschaften von Helfern gebieten. Jugendliche, die keine wirtschaftliche Perspektive sehen und gleichzeitig Herrschende beobachten, die bedenkenlos in die eigene Tasche wirtschaften, füllen die Reihen der Bojewiki immer wieder auf. Das Internet ist voller Propaganda für den „heiligen“ Kampf gegen die „Unterdrücker“.

Geld aus Arabien kommt über Banken in Aserbaidschan

Aber die Bojewiki sind nicht auf sich allein gestellt. Schachbanow kann über ihre Finanzquellen berichten: Geld aus Arabien oder dem Westen laufe wenigstens zum Teil über arabische Bankfilialen in Aserbaidschan. Sicher ist auch, dass fanatisierte junge Männer aus dem Ausland, etwa aus der Türkei oder arabischen Ländern, die Bojewiki unterstützen. Einer der Führer des dagestanischen Untergrunds in den vergangenen Jahren war Aserbaidschaner. Die Kämpfer haben ihre Unterstützer auch im Gebiet Derbent im Süden Dagestans, an der Grenze zu Aserbaidschan.

Der russische Präsident Medwedjew hat Mitte Mai ebenfalls eine Bilanz der Gewalt vorgelegt. Demnach sind im gesamten Nordkaukasus im vergangenen Jahr 544 Terroranschläge verübt worden, 750 Mal sei versucht worden, Angehörige der Sicherheitskräfte zu töten, und 235 Mal sei dies gelungen. Unerwähnt blieb, wie viele Menschen von den Sicherheitskräften entführt, gefoltert und möglicherweise ermordet wurden. So wie es im Fall der beiden jungen Männer aus Machatschkala war, über deren Fall „Nowoje Delo“ vor kurzem berichtete. Die Sicherheitskräfte behaupteten, sie seien bei einer Antiterroroperation weit weg von der Hauptstadt getötet worden. Das habe sich aber als unwahr herausgestellt, schrieb das Blatt unter Hinweis auf Zeugen. Alles spreche dafür, dass die beiden Männer verschleppt, gefoltert und getötet worden seien. Solche Methoden sind auch aus Tschetschenien und den anderen nordkaukasischen Regionen bekannt.

Das Innenministerium Dagestans weist Vorwürfe wegen Verschleppungen und Folterungen entrüstet zurück. Es handele sich dabei um Propaganda der Terroristen, sagt der Innenminister. Aber auch dem neuen Republikpräsidenten Magomedsalam Magomedow scheint bewusst zu sein, dass die Sicherheitskräfte mit diesen Methoden kein Vertrauen in der Bevölkerung gewinnen. Er sagt, ungesetzliche Methoden der Sicherheitskräfte trieben Menschen in den Untergrund, weswegen er alles daransetze, dieses Übel auszumerzen. Er gibt sich bereit zum Dialog mit jenen Bojewiki, die noch nicht im Blut wateten, verspricht Amnestie für Reumütige und will auch versuchen, mit den Familien der „Waldbrüder“ ins Gespräch zu kommen, statt sie wie bisher in Sippenhaft nehmen zu lassen.

Im nordkaukasischen Teufelskreis

Aber Magomedow bestreitet, dass ranghohe Politiker bereit sein könnten, Bojewiki als Auftragsmörder zu bezahlen, um Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Dabei pfeifen es in Dagestan die Spatzen von allen Dächern (und auch im Kreml weiß man das), dass die Kalaschnikows der „Waldbrüder“ eine Rolle im Kampf der Clans um Macht und Pfründen in der Republik spielen. Immerhin weiß Magomedow von den Schutzgelderpressungen, mit denen die „Söhne Allahs“ Geschäftsleute tyrannisieren, die bei Nichtzahlung oft ermordet werden.

Am gleichen Tag Mitte Mai, an dem Rassul in den Bergen Dagestans seine Geschichte erzählte, wurde in Moskau in einer Runde im Kreml nach Möglichkeiten gesucht, den nordkaukasischen Teufelskreis zu durchbrechen. Ella Pamfilowa, Vorsitzende der Menschrechtskommission beim Präsidenten, sprach von der großen Gefahr, dass der Kampf um die Köpfe und Herzen der Jugend im Nordkaukasus an die Extremisten verlorengehe. Dabei ist es erst gut ein Jahrzehnt her, dass sich die Dagestaner mit der Waffe in der Hand gegen tschetschenische Eindringlinge unter dem Terroristenführer Schamil Bassajew und seine arabischen Missionare solidarisch zur Wehr setzten. Auf einem großen Schild im Herzen der Hauptstadt Machatschkala ist in kyrillischen Lettern zwar eine Liebeserklärung Ministerpräsident Putins an alle Dagestaner wegen dieses Kampfes verewigt. Die Liebe beruht indes nicht auf Gegenseitigkeit - oder nicht mehr.

Chabib Magomedow, der Chefredakteur der regionalen Ausgabe der bekannten Zeitschrift „Argumenty i Fakty“, erklärt das damit, dass es die Staatsmacht nicht verstanden habe, die Bereitschaft der Dagestaner zur solidarischen Abwehr der Eindringlinge für einen dauerhaften Schulterschluss von Volk und Regierung (der in Machatschkala und der in Moskau) gegen den Extremismus zu nutzen. Im Klartext bedeutet das, dass auch die Staatsmacht einen Teil der Verantwortung dafür trage, dass der Extremismus in Dagestan in den vergangenen Jahren wieder Zulauf in der Bevölkerung erhielt. Chabib ist dabei ganz gewiss kein Oppositioneller, sondern kämpfte früher als Milizoffizier selbst mit der Waffe gegen den Untergrund. Er hatte lediglich Glück, dass sein Name nicht auf das Denkmal zur Erinnerung an gefallene Milizionäre vor dem dagestanischen Innenministerium geriet.

Chabib lässt seine Frau auf keinen Fall nach Moskau

Was das Verhältnis der Dagestaner zu Russland angeht, so ist Chabibs Leben von heute das Abbild eines tiefgreifenden Zerwürfnisses. Denn seine Frau lässt Chabib auf keinen Fall nach Moskau reisen, um ihr Verachtung, Verdächtigungen und Erniedrigung zu ersparen, die dort Menschen - immerhin russische Staatsbürger - „mit kaukasischem Äußeren“ erwarten könnten. Diese Gefahr sei nach den Anschlägen in der Moskauer Metro vor zwei Monaten noch größer geworden.

Präsident Medwedjew hat schon mehrmals angekündigt, er wolle den nordkaukasischen Sumpf trockenlegen, indem er die Korruption ausmerze und eine normale wirtschaftliche Entwicklung fördere. Ein ranghoher dagestanischer Politiker sagte dazu in Machatschkala vertraulich, die Korruption in seiner Republik hätte nicht das unglaubliche Ausmaß von heute erreicht, wenn es in Moskau nicht starke Kräfte gäbe, die mitverdienten und „Korruptionäre“ in Dagestan schützten. So greifen der nordkaukasische und der russische Teufelskreis ineinander: Medwedjew gelingt es nicht einmal, Miliz und Innenministerium in „Kernrussland“ von korrupten und verbrecherischen „Staatsdienern“ zu säubern. Deshalb stehen die Aussichten schlecht, dass sich die Dinge in Dagestan wie im gesamten Nordkaukasus zum Besseren wenden.

In Gubden, wo etwa 70 Prozent der Einwohner „Wahhabiten“ sein sollen, versuchen eine Schar von Honoratioren, der Bürgermeister und der Imam vor Fremden den Eindruck zu erwecken, dass alles unter Kontrolle sei. Aber nicht nur das Stadtbild mit seinen Sandsäcken spricht eine andere Sprache. Ein junger Mann, Ermittler der Sicherheitskräfte, zeichnet ebenfalls ein anderes Bild als das offizielle: Sein Vater war in Gubden Milizionär und wurde vor zwei Jahren von Bojewiki erschossen; seine Mutter wurde vergangenes Jahr von einer Sprengladung getötet, die Schwester verletzt, als beide das Grab besuchten.

Der junge Mann hält auch die offiziellen Zahlenangaben über die Stärke der Bojewiki für untertrieben: In Wirklichkeit gebe es viel mehr von ihnen. Und sie seien in Kontakt mit der Bevölkerung - auch in Gubden, wo die Familie des „Emirs“ Wagabow lebt. Wie man den „Emir“ zur Strecke bringen könnte, weiß er nicht. Die Hubschrauber seien „blind“, die Bojewiki seien im Dickicht der Wälder kaum zu schnappen.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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