16.11.2004 · Dieser Mann hätte Präsident werden können, und jetzt wird er als gescheiterter Außenminister nach vier Jahren aus dem Amt scheiden. Colin Powell ist vor allem an den Verhältnissen, nicht an seinen Versäumnissen gescheitert.
Von Matthias Rüb, WashingtonDieser Mann hätte Präsident werden können, und jetzt wird er als gescheiterter Außenminister nach vier Jahren aus dem Amt scheiden. Das Urteil mag hart klingen, und die meisten seiner engsten Mitarbeiter des State Departments, denen Colin Powell am Montag morgen um halb neun Uhr Ortszeit seinen Entschluß zur Aufgabe seines Postens mitteilte, werden es nicht teilen.
Es dauerte weitere knapp zwei Stunden - für das politische Washington eine schier unendlich lange Zeit -, ehe die Nachricht ihren Weg vom Stadtteil Foggy Bottom in die Nachrichtensender und die Agenturen fand.
Tragische Züge
Zieht man in Betracht, was der im Inland wie im Ausland wohl populärste Politiker der ersten Amtszeit von Präsident Bush aus seinem vielleicht beispiellosen Potential gemacht hat, muß man ihn als gescheiterten Missionschef beschreiben. Es ist nur wenig übertrieben, in diesem Befund tragische Züge zu sehen, denn es waren „die Verhältnisse“ und nicht in erster Linie die eigenen Versäumnisse, an denen Powell letztlich gescheitert ist.
Das Bild der Vereinigten Staaten im Ausland ist heute so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. Unter den europäischen Partnern hält sich hartnäckig das Mißtrauen gegenüber der Führungsmacht der freien Welt. Im Nahen Osten werden die Vereinigten Staaten nicht nur vom Mullah-Regime in Iran als „Großer Satan“ angesehen, sondern weithin als politischer Pate Israels, der seinen Anspruch als ehrlicher Makler im Nahen Osten verwirkt habe. Und unter den Muslimen dieser Welt gilt Amerika nicht nur einer winzigen Minderheit radikaler Fundamentalisten als Widersacher oder gar Feind, der seinen als säkular dargestellten Lebensstil der ganzen Welt überstülpen will. Selbst in der unmittelbaren Nachbarschaft, in Kanada wie in Lateinamerika, ist das Mißtrauen gegenüber dem übermächtigen Nachbarn gewachsen.
Der Schlüsselaugenblick
Dieser Befund ist alarmierend für eine Nation, die aus den großen „Menschheitskonflikten“ des 20. Jahrhunderts als Siegerin und als globale Beschützerin der universalen Werte von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten hervorgegangen ist. Der Befund ist noch alarmierender angesichts der weltweiten Welle der Sympathie, welche den Vereinigten Staaten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entgegenschlug. Die Invasion im Irak markiert eine historische Wasserscheide, auch wenn der Streit über den Irak-Krieg letztlich nur als Katalysator für die Freisetzung von tieferliegenden Konflikten wirkte.
Entsprechend war der symbolische Schlüsselaugenblick während der Amtszeit von Colin Powell dessen Auftritt vor dem UN-Sicherheitsrat in New York vom 5. Februar 2003 - etwa sechs Wochen vor dem Beginn der Invasion.
Es war Powell, der namens der amerikanischen Regierung zu begründen versuchte, daß ein Einmarsch im Irak notfalls auch ohne Zustimmung des UN-Sicherheitsrates unumgänglich sei, um die von den vermuteten irakischen Massenvernichtungswaffen ausgehende Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten und der zivilisierten Welt abzuwenden. Es war Powell, der all die Irrtümer der Geheimdienste vor den Augen der Weltöffentlichkeit präsentieren mußte, der Beweise vortrug, die sich hinterher als fadenscheinig oder schlichtweg falsch erwiesen.
Die Gabe der Verbindlichkeit
Es ist eine Legende zu glauben, Powell habe den Krieg im Irak als Teil des Krieges gegen den internationalen Terrorismus nicht mitgetragen. Doch die klassische Aufgabe, die vom Präsidenten getroffenen und von ihm mitgetragenen Entscheidungen weltweit zu vermitteln, konnte Powell nur ungenügend erfüllen. Es wurde oft gesagt, Powell sei zu wenig gereist, und tatsächlich war Powell im Vergleich zu fast allen Vorgängern „reisefaul“.
Wahrscheinlich hat Powell die symbolische Kraft der persönlichen Gegenwart zumal des ersten schwarzen Außenministers Amerikas auf möglichst vielen Schauplätzen der Weltpolitik unterschätzt. Dabei hätte sich kein besserer globaler „Verkäufer“ für die Grundzüge der amerikanischen Sicherheits- und Außenpolitik denken lassen als gerade Colin Powell, der zudem über die Gabe der Liebenswürdigkeit und Verbindlichkeit verfügt.
Aus dem Armenviertel ins Weiße Haus
Colin Powell wurde am 5. April 1937 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren und wuchs im Armenviertel South Bronx auf. Seine Eltern waren aus Jamaica in die Vereinigten Staaten eingewandert. Nach dem Schulabschluß in New York 1954 besuchte Powell das City College, wo er vier Jahre später einen Abschluß in Geologie ablegte. Zugleich schloß er sich dem Offiziersrekrutierungsprogramm des Heeres an seinem College an und entschloß sich für eine Laufbahn beim Militär.
„Die Disziplin, die Struktur, die Kameradschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl waren genau das, was ich suchte“, schrieb er später über seinen Entschluß, den Beruf des Soldaten zu ergreifen. 1962 wurde Powell zu seinem ersten Einsatz als Militärberater nach Vietnam abkommandiert. 1971 erwarb Powell zudem einen Abschluß in Volkswirtschaftslehre an der George Washington Universität. 1979 kehrte er in die Zivilverwaltung des Militärs im Pentagon zurück und wurde Chefberater zunächst des stellvertretenden Verteidigungsministers, später des damaligen Ministers Caspar Weinberger selbst.
Vater der „Powell-Doktrin“
Zu jener Zeit entwickelte er, geprägt durch die Erfahrung des Vietnam-Krieges, die erst später als solche bezeichnete „Powell-Doktrin“. Diese besagt, daß Interventionen in ferne Konflikte nur sinnvoll sind, wenn nationale Interessen der Vereinigten Staaten auf dem Spiel stehen und zudem klare und erreichbare Ziele definiert sind. Wenn aber die Entscheidung zu einem Militäreinsatz einmal getroffen ist, sollen die gesetzten Ziele mit dem Einsatz aller verfügbaren militärischen Mittel erreicht werden.
Von 1987 an war er Berater des Präsidenten für Nationale Sicherheit, ehe er 1989 zum Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs ernannt wurde - der ranghöchsten Posten in der Kommandohierarchie der Armee. In dieser Eigenschaft war Powell einer der wesentlichen Strategen des Golfkrieges von 1991.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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