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Coffeeshops in Holland Gras von städtischen Hanfplantagen

Amsterdam lässt 43 Coffeeshops schließen. Die Stadt ist dagegen, aber Hollands Regierung will den Sonderweg in der Rauschgiftpolitik nicht weitergehen. Das Ziel der Regierungspartei ist eine Angleichung des holländischen Rechts an das der europäischen Nachbarn.

© AFP Vergrößern Nur geduldet, nicht legal: Das Rauchen von Joints in den Niederlanden

Als 1985 der neue Mieter in das ehemalige Polizeikommissariat am Leidseplein einzog, musste das den vielen Touristen im Zentrum des Amsterdamer Vergnügungsviertels schon sehr holländisch vorkommen. Das Lokal „The Bulldog“ ist nämlich keine gewöhnliche Kneipe, sondern ein Coffeeshop. Inhaber Henk de Vries hatte damals schon viel Erfahrung mit der Polizei, denn er hatte 1975 - so will es die Firmengeschichte - im alten Sexshop seines Vaters Amsterdams erste Raucherstube für „weiche Drogen“ eröffnet und war damals oft mit den Gesetzeshütern in Konflikt geraten. Zehn Jahre später wurde „The Bulldog“ zu einem Symbol der inzwischen etablierten holländischen Duldungspolitik. Jetzt aber wird der in jedem Reiseführer vermerkte Coffeeshop zum Sinnbild für den Kampf der Regierung von Ministerpräsident Balkenende gegen den holländischen Sonderweg in der Rauschgiftpolitik.

Andreas Ross Folgen:  

Am Freitag verkündete Amsterdams populärer Bürgermeister, der Sozialdemokrat Job Cohen, „The Bulldog“ und 42 weitere Coffeeshops in der Stadt müssten bis Ende 2011 geschlossen werden - leider. Für Cohen ist der niederländische Ansatz, den Verkauf von Cannabis unter Aufsicht zu dulden, um die Konsumenten von den Dealern mit „harten“ Drogen fernzuhalten, ein Erfolg. Aber seine in Den Haag mitregierenden Sozialdemokraten hatten Balkenendes Christliche Demokraten und den kleinen Dritten im Regierungsbunde, die bibeltreue Christenunion, nicht davon abbringen können, in den Koalitionsvertrag zu schreiben, dass die Coffeeshops zurückgedrängt werden sollen. Auf dieser Grundlage hat das Kabinett mittlerweile beschlossen, alle Coffeeshops in einem Radius von 250 Metern um weiterführende Schulen herum schließen zu lassen. Cohen teilte nun mit, er sehe keine Handhabe, das zu ändern. „The Bulldog“ muss also schließen, weil das Barlaeusgymnasium um die Ecke liegt.

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Ansturm aus Deutschland und Belgien

Schon vorher war Amsterdam, wo beinah jeder dritte der etwa 700 niederländischen Coffeeshops zu finden ist, der neuen Linie aus Den Haag nur widerwillig gefolgt. Aber seit Frühjahr 2007 gilt hier wie im Rest des Landes, dass Coffeeshops keinen Alkohol mehr ausschenken dürfen. In diesem Jahr kam das Rauchverbot in allen Gaststätten hinzu, das den Coffeeshopbetreibern das Leben auch nicht erleichtert hat.

Das Thema beschäftigt viele Bürgermeister, und 33 von ihnen trafen sich am Freitag in Almere zum „Gras-Gipfel“. Dort herrschte Einigkeit, dass Holland den Verkauf „weicher“ Drogen weiterhin nicht verbieten, allerdings auch nicht endgültig legalisieren solle (denn was die Gemeinden offiziell dulden, ist noch lange nicht gesetzlich erlaubt). Vielmehr sollten die Bürger durch Aufklärungskampagnen vom Cannabis-Konsum abgehalten werden. Amsterdams Bürgermeister Cohen würde am liebsten gar nicht viel ändern. Aber viele seiner Kollegen verspüren Handlungsdruck, vor allem die aus Grenzstädten wie Maastricht oder Venlo, die von deutschen oder belgischen Kiffern schier überrannt werden. Sie setzen sich für ein Ausweissystem ein, das nur Einheimischen den Zugang zum Coffeeshop gewähren würde - wogegen es aber wegen des Diskriminierungsverbots große rechtliche Bedenken gibt.

Auf dem Treffen wurde auch vereinbart, eine stärkere Regulierung der sogenannten Hintertür anzustreben. Das ist die Chiffre für den Ankauf der Ware durch die Coffeeshopbetreiber, der eindeutig illegal ist. Für das Geschäft mit den Endkunden in den Coffeeshops haben die Gemeinden strenge Regeln festgelegt, die sie polizeilich überwachen. Das Züchten der Cannabis-Pflanze und Verkaufen der Ware an Coffeeshops wurde aber nie offiziell geduldet. Mit den kriminellen Netzen und den üppigen Gewinnen der Züchter argumentiert Balkenendes Regierungspartei, wenn sie eine Angleichung des holländischen Rechts an das der europäischen Nachbarn fordert.

Im Graubereich der Duldungspolitik

Doch dabei wollen viele Bürgermeister nicht mitspielen. Sie möchten im Graubereich der Duldungspolitik fortschreiten und könnten sich vorstellen, städtische Hanfplantagen zu betreiben, um „Qualität und Preis“ der in den Coffeeshops verkauften Ware kontrollieren zu können. Der sozialdemokratische Bürgermeister von Eindhoven würde gern ein Pilotprojekt beginnen, und die in Almere versammelten Stadtoberen beschlossen am Freitag, dies umgehend beim Kabinett zu beantragen. Die Koalition hatte sich zwar ausdrücklich gegen neue Experimente ausgesprochen. Aber die Regierung könne nicht 33 Bürgermeister ignorieren, sagen die Teilnehmer des Gras-Gipfels.

In Amsterdam gab es vor wenigen Jahren noch 350 Coffeeshops, 228 sind es heute. Bürgermeister Cohen würde den jetzt von der Schließung betroffenen Läden zwar gern erlauben, anderswo in der Stadt neu zu beginnen. Aber so viele Stellen gibt es in der Hauptstadt nicht, wo sich nicht um die eine oder andere Ecke eine Schule verbergen würde. Und die meisten Stadtbezirke seien ohnehin nicht wild darauf, neue Coffeeshops bei sich ansiedeln zu lassen, teilte Cohen mit. Dabei könnten die Jugendlichen doch, so klagte der Bürgermeister am Freitag, in jedem Supermarkt Alkopops kaufen, die allemal gefährlicher seien als ein Joint.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 24.11.2008, 08:30 Uhr

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