19.09.2004 · Die Tage vor und nach dem Grauen von Beslan - eine Chronik der Ereignisse, die Rußland verändert haben.
Am 24. August treffen gegen 19.45 Uhr zwei tschetschenische Frauen in Begleitung zweier Männer aus Machatschkala auf dem Flughafen Domodedowo in Moskau ein. Die Gruppe erregt die Aufmerksamkeit von Milizionären. Die Ausweise werden kontrolliert, die vier werden vom Terrorbeauftragten der Miliz befragt, dann aber wieder laufengelassen.
Die Verzögerung bei ihrer Ankunft bringt die vier Reisenden in Zeitnot: Die beiden Frauen wollen Flüge nach Sotschi und Wolgograd buchen, deren Abflug für 21.20 und 21.25 Uhr vorgesehen ist. Noch haben sie keine Tickets, und es werden keine mehr verkauft. Ein "Agent" hilft ihnen: Für Schmiergeld verhilft er einer der Frauen zu einem Sotschi-Ticket für den nächsten Tag, das anschließend von Sibir-Airlines doch noch auf den Flug um 21.25 umgeschrieben wird. Die zweite Frau, die um 21.20 Uhr nach Wolgograd fliegen will, schafft es nicht mehr. Sie brüllt hysterisch herum. Der Ticket-"Agent" besorgt ihr einen Flugschein nach Wolgograd, der allerdings eine Stunde später startet. Beide Frauen tragen Sprengstoffgürtel. Die Miliz und Sicherheitskontrollen bemerken nichts.
Geheimdienst: Kein Terroranschlag
Das sind die Erkenntnisse einer Untersuchungskommission zum Absturz beider Flugzeuge, die der russische Verkehrsminister Lewitin am 15. September vorstellte. Am 24. August um 22.53 Uhr waren die Bomben auf den hinteren Sitzen der beiden Flugzeuge explodiert. Alle neunzig Insassen wurden getötet. Die Zeitung "Kommersant" hatte wesentliche Details der Vorgeschichte, auch die Namen der beiden tschetschenischen Frauen, schon wenige Tage nach dem Anschlag veröffentlicht. Der Geheimdienst FSB teilte am 25. August mit, nichts deute auf Terroranschläge hin. Spätestens am 28. August ließ sich das nicht mehr aufrechterhalten, weil Sprengstoffspuren an einem der Wracks gefunden worden waren.
Am 29. August wird in Tschetschenien ein neuer Präsident gewählt. Es gewinnt, wie nicht anders zu erwarten, der Kandidat des Kremls, der bisherige tschetschenische Innenminister Alchanow.
Am 31. August explodiert in der Moskauer Innenstadt eine Bombe. Zehn Personen werden getötet, mehr als fünfzig verletzt. Die Selbstmordattentäterin, vermutlich eine Tschetschenin, wollte die Bombe offenbar in der U-Bahn zünden, wurde daran jedoch gehindert und zündete die Bombe am Eingang zu einer Metro-Station.
Zahl der Geiseln verschwiegen
Am Mittwoch, dem 1. September, beginnt in Beslan in Nordossetien die Schule nach den Sommerferien. Die Feier an der Schule Nr. 1 soll gerade beginnen, da rasen zwei Militärlastwagen in die Einfahrt zur Schule, beladen mit Maschinengewehren, Granatwerfern, Munition und 32 Terroristen. Sie nehmen mehr als tausend Geiseln, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Sie werden in der Turnhalle der Schule zusammengepfercht. In den Basketballkörben, an der Sprossenwand und über den Köpfen der Geiseln deponieren die Geiselnehmer miteinander verbundene Bomben; Türen und Fenster werden vermint.
In offiziellen Angaben ist am ersten Tag der Geiselnahme nur von 354 Geiseln die Rede. Warum, bleibt unklar - jeder in Beslan weiß, daß es weit mehr sind. Angehörige der Geiseln befürchten, damit solle die Zahl der Opfer nach einem Sturm der Turnhalle nach unten manipuliert werden. Die Terroristen drohen mit der Erschießung von Geiseln, sollte die Zahl nicht korrigiert werden. Eine genaue Liste der Geiseln und der Opfer gibt es auch Wochen nach dem Geiseldrama nicht. Ein "Kaukasischer Flüchtlingsrat", der die Zahl mit Hilfe von Klassenbüchern und Angehörigen ermittelt, kommt auf die Zahl von 1345 Geisel.
Keine Bedingungen der Geiselnehmer?
Am Donnerstag, dem 2. September, dem zweiten Tag der Geiselnahme, herrschen in der Turnhalle katastrophale Zustände. Kinder und Erwachsene drohen angesichts der Hitze zu verdursten. Sie trinken ihren eigenen Urin. Zwei Terroristinnen sprengen sich in die Luft und reißen mehrere Geiseln mit in den Tod. Draußen vor der Schule haben sich mehrere Spezialtruppen formiert: die "Einheit Neun", eine Spezialeinheit des russischen Innenministeriums, später auch Antiterrorkämpfer des Geheimdienstes FSB, die Eliteeinheit "Alpha". Außerdem bewaffnen sich Angehörige der Geiseln und Bewohner aus Beslan.
An diesem zweiten Tag wird mit den Terroristen offenbar pausenlos telefoniert. Es wird zwar ein Krisenstab gebildet, eine organisierte Koordination findet aber nicht statt. Ob und welche Bedingungen die Geiselnehmer stellten, ist bis heute unklar. Der Krisenstab behauptete stets, die Terroristen hätten keine Bedingungen gestellt. Das wird von Leuten, die mit ihnen in Kontakt standen, bestritten.
Einer von ihnen, der ehemalige Vizepräsident der Duma und Chef der Erdölgesellschaft Rusneft, Gurzijew, vom Krisenstab selbst beauftragt, mit den Geiselnehmern zu sprechen, behauptete nach dem Ende der Geiselnahme, die Terroristen hätten vier vom tschetschenischen Islamisten Bassajew formulierte Forderungen gestellt: Präsident Putin solle den Krieg in Tschetschenien beenden; Tschetschenien solle unabhängig werden, anschließend der GUS beitreten; über die Erfüllung eines Friedensabkommens solle eine Blauhelm-Truppe wachen. Noch am Donnerstag vormittag ging der ehemalige Präsident Inguschetiens, Auschew, in die Schule, um laut Gurzijew einen Zettel mit den Forderungen Bassajews entgegenzunehmen. Auschew erreicht die Freilassung von 26 Geiseln. Die Forderungen werden nach Angaben von Gurzijew am Donnerstag mittag dem Kreml übermittelt.
Blutiges Chaos
Am Freitag, dem 3. September, explodiert gegen Mittag eine der Bomben in der Schule. Warum, ist bis heute unklar. War es ein Versehen der Terroristen? Wurde sie absichtsvoll gezündet, aus Angst vor einer bevorstehenden Erstürmung der Turnhalle? War eine der Bomben defekt? Die Geiselnahme endet jetzt in einem blutigen Chaos. Weitere Bomben explodieren, das Dach der Turnhalle stürzt ein. Terroristen schießen auf flüchtende Kinder und Eltern, die Spezialkräfte und bewaffnete Angehörige geben Feuerschutz und schießen auf die Terroristen. Erst am Abend kehrt in Beslan gespenstische Ruhe ein.
Wenige Tage danach präsentiert der Kreml seinen "Kronzeugen" über die Hintergründe der Geiselnahme: den einzigen überlebenden Terroristen, den 24 Jahre alten Nurpaschi Kulajew. Er bestätigt die Version des Kremls, bei der Geiselnahme sei es nicht um bestimmte Forderungen mit Bezug auf Tschetschenien gegangen, sondern allein darum, einen Krieg in der Nachbarschaft Tschetscheniens zwischen dem (muslimischen) Inguschetien und dem (mehrheitlich christlichen) Nordossetien anzuzetteln.
„Krieg im ganzen Kaukasus“
Es ist zugleich die Version, die auch der Moskauer Kinderarzt Roschal vertritt (siehe Kasten unten), der wie Gurzijew und Auschew direkt mit den Terroristen gesprochen hatte: Kulajew behauptet, ein "Oberst" habe der Gruppe in einem Waldstück in Inguschetien die Anweisung gegeben, die Schule zu besetzen, um einen "Krieg im ganzen Kaukasus zu entfesseln".
Sein älterer Bruder Chanpaschi Kulajew soll laut Zeitungsberichten zu den am 3. September getöteten Geiselnehmern gehört haben. Daß dies so war, weist auf deutliche Mängel des russischen Sicherheitsapparates hin: Chanpaschi, wie sein Bruder Mitglied der Bassajew-Truppe und verantwortlich für zahlreiche Bluttaten, war bereits im August 2001 verhaftet worden. Ein Jahr später kam er aber unter ungeklärten Umständen wieder frei.
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB behauptet unmittelbar nach der Geiselnahme, daß "zehn Araber" (unter ihnen auch ein "Neger") unter den Terroristen gewesen seien, die Verbindungen zu Al Qaida gehabt haben sollen. Das erweist sich als falsch. Allenfalls deuten die Leichen dreier Terroristen auf arabische Verbindungen, ohne daß deren Nationalität festgestellt worden wäre.
Nationalitäten der Terroristen verschwiegen
Zwei Wochen nach der Geiselnahme sind erst 14 der 32 Terroristen identifiziert. Zwei der namentlich Bekannten standen auf einer Liste der Namen von insgesamt zwanzig Kämpfern, die nordossetische FSB-Ermittler laut der Zeitung "Kommersant" schon im März des Jahres von anderen Ermittlungsbehörden erhalten hatte. Demnach wurden diese zwanzig Kämpfer in drei Terroristenlagern in Inguschetien ausgebildet. Der nordossetische FSB-Chef Andrejew sagt, bestechliche Beamte hätten die Terrorgruppe unterstützt. Andrejew, der nordossetische Innenminister und der Polizeichef von Beslan werden entlassen.
Nachdem erste Informationen über die Nationalitäten der Terroristen an die Öffentlichkeit gelangen, verordnet Putin Stillschweigen. Offenbar, so sehen es auch in Moskau lebende Tschetschenen, befanden sich einige Inguschen aus der Nachbarrepublik des Bürgerkriegslandes unter den Geiselnehmern, vielleicht solche, die in früheren Zeiten aus Nordossetien vertrieben worden waren. Putin fürchtet nun das, was die Terroristen im Sinn gehabt haben könnten: Racheakte von Osseten an Inguschen und einen Flächenbrand im Kaukasus. Auch die Meldung, in der Gruppe sei ein Kasache gewesen, wird schnell dementiert. Die Regierung in Astana spricht von "Mißverständnissen, die inzwischen geklärt worden" seien.
Sympathien der Weltöffentlichkeit
Putin hält den tschetschenischen Islamisten Schamil Bassajew für den Drahtzieher der Beslan-Tragödie. Der Hintermann der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater kämpft im Untergrund und hat seine frühere Rivalität mit Aslan Maschadow, dem früheren Präsidenten Tschetscheniens, aufgegeben. Dieser distanziert sich aber umgehend von der Tat und verurteilt das brutale Verbrechen. Bassajew wiederum bekennt sich später im Internet zu der Geiselnahme. Geiselnehmer Kulajew spricht im Fernsehen von beiden, Bassajew und Maschadow, als Auftraggebern.
Der FSB vertritt die Theorie, Maschadow habe die Tat von Beslan geplant, um später als Retter der Kinder aufzutreten und die Sympathien der Weltöffentlichkeit zu erhalten. Maschadow war auch nach Angaben von Gurzijew in die Gespräche mit den Terroristen eingeschaltet worden. Der Kreml weigert sich indessen, zwischen einem tschetschenischen Widerstand (gegen militärische Einrichtungen) und islamistischen Terroristen zu differenzieren. Putin lehnt westliche Forderungen, mit Maschadow über die Zukunft Tschetscheniens zu verhandeln, kategorisch ab.
Der Theorienwettbewerb um die Hintergründe der schrecklichen Ereignisse von Beslan wird um eine Metatheorie erweitert. Es handele sich auch um eine Verschwörung des Westens, heißt es wenige Tage nach Beslan im Kreml. Auf einer Konferenz mit westlichen Wissenschaftlern und Journalisten schimpft Putin lautstark über Politiker in der EU und den Vereinigten Staaten, die ihm gegenüber ein freundliches Gesicht aufsetzten, hinter seinem Rücken aber anders handelten.
Präventivschläge angekündigt
Besonders verärgert ist Putin über die Unterstützung Maschadows: Mitglieder von dessen Exil-Regierung leben in Berlin, London und Washington, in Großbritannien und Amerika Asyl haben sie erhalten. Zudem wies er die Aufforderung, eine diplomatische Lösung des Tschetschenien-Konfliktes anzustreben, also mit Maschadow zu reden, als Einmischung in innere Angelegenheiten Rußlands ab. Zuvor hatte Putin bereits öffentlich gemutmaßt, der Westen helfe den Tschetschenen, weil dieser annehme, daß Rußland als eine der größten Atommächte der Welt immer noch eine Gefahr darstelle. "Und deswegen muß man diese Gefahr aus dem Weg räumen. Und der Terrorismus - der ist natürlich nur ein Instrument, um diese Ziele zu erreichen." Der Westen wolle sich eine "fettes" Stück von Rußland unter den Nagel reißen.
Rußland zieht Konsequenzen aus Beslan. Der Generalstabschef kündigt Präventivschläge gegen Terrorlager in der ganzen Welt an. Putin sagt: "Die Terroristen muß man direkt in ihrer Höhle vernichten, und wenn es die Situation verlangt, muß man sie auch im Ausland erwischen." Wenige Tage später kündigt er einschneidende Veränderungen im Staatsaufbau an. So sollen künftig die Spitzen der Regionen und Teilrepubliken, die Gouverneure, nicht mehr direkt vom Volk gewählt, sondern faktisch vom Kreml ernannt werden. Die Regionalparlamente müssen zustimmen. Die Opposition wirft Putin vor, alte Vorhaben zum Machtausbau nun unter dem Titel der Terrorabwehr durchzusetzen.
Kritik am Kreml
In Europa und Amerika mehrt sich nach ein Phase der Solidarität angesichts des Grauens in Beslan nun Kritik an den Reaktionen des Kremls. Der amerikanische Präsident Bush spricht von einer möglichen Schwächung der Demokratie in Rußland. Die russische Regierung müsse im Antiterrorkampf die "Prinzipien der Demokratie" wahren. "Große Länder, große Demokratien müssen ein Gleichgewicht der Macht zwischen Zentralregierung und lokaler Regierung wahren, ein Machtgleichgewicht innerhalb der Zentralregierung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative", heißt es aus dem Weißen Haus. Aus Deutschland kommen hingegen leise Töne. Ein Sprecher des Bundeskanzlers sagt, Schröder habe nie per "Lautsprecher-Diplomatie" Kritik geübt. Er pflege einen "sehr vertrauensvollen und intensiven Dialog" mit Putin.
Die genaue Zahl der Toten von Beslan ist noch immer nicht bekannt. Nach Angaben aus Nordossetien wurden 239 der getöteten Geiseln identifiziert. Die Namen von 90 Todesopfern sind unbekannt. Vermißt werden 105 Personen, die meisten von ihnen Kinder.