Am 18. April 2007, mittags, stand der Grafiker Gökhan Talas vor dem Büro des christlichen Verlagshauses "Zirve" in der anatolischen Stadt Malatya und bat vergeblich um Einlass. Talas teilte sich das Büro mit zwei zum Christentum übergetretenen Türken, Necati Aydin und Ugur Yüksel, doch obwohl er an diesem Tag erst spät zur Arbeit kam, hatten sie ihm nicht geöffnet. Die Tür war sogar von innen verschlossen.
Talas muss Böses geahnt haben, denn er rief die Polizei. Die fand die Räume des Verlagshauses in ein Kabinett des Grauens verwandelt: Aydin, Yüksel und der deutsche Missionar Tilman Ekkehard Geske lagen, gefesselt, mit aufgeschlitzten Kehlen, von Messerstichen entstellt, in ihrem Blut. Die Mörder hatten nicht rechtzeitig fliehen können. Drei standen blutbefleckt vor den Polizisten, ein weiterer wurde auf einem Balkon ergriffen, der fünfte wollte durch einen Sprung aus dem dritten Stock entkommen, verletzte sich dabei und blieb auf dem Pflaster liegen.
Ein türkischer Raskolnikow?
Das Massaker von Malatya erregte nicht nur in der Türkei Aufsehen. Ausländische Medien berichteten, türkische Politiker verurteilten die Tat. Die Festgenommenen waren junge Männer im Alter zwischen 19 und 20 Jahren. Irregeleitete Fanatiker, hieß es. Zunächst war das Medieninteresse groß, auch noch im November 2007, als der Prozess um die Christenmorde begann. Doch die Welt dreht sich weiter, Interessantes geschieht jeden Tag, und der Fall geriet aus dem Blick. Wer hat schon die Zeit, akribisch einen Prozess in einer türkischen Provinzstadt zu verfolgen, Akten zu lesen, Zeugenaussagen zu vergleichen, mit Anwälten zu sprechen? Die "European Stability Initiative" (ESI), eine in Berlin beheimatete Denkfabrik, hat sich die Zeit genommen. In ihrem an diesem Mittwoch erschienenen Bericht "Mord in Anatolien - Christliche Missionare und türkischer Ultranationalismus" hat sie den bisherigen Verlauf des Prozesses auf mehr als 45 Seiten skrupulös analysiert. Das Ergebnis ist eine Beschreibung türkischer Zustände, die lesen sollte, wer sich für die Türkei interessiert, zumal der Bericht nicht nur Ansichten, sondern vor allem empirische Belege oder zumindest überzeugende Indizien für diese Ansichten enthält.
Im Kern steht die Frage, wer hinter den Messerwetzern von Malatya steht, da sich der Verdacht, die fanatische Jungmännerbande habe nicht allein gehandelt, im Prozess schnell bestätigte. Der Anführer des Quintetts repräsentiert den Typ des früh Gescheiterten, der sich mit einer "großen Tat" aus seiner raskolnikowschen Grüblerexistenz befreien will. Zweimal war er durch die Aufnahmeprüfung für die Universität gefallen, ein dritter Versuch scheiterte auf halbem Wege. Wo in Petersburg eine alte Pfandleiherin als Opfer herhalten musste, richtete sich der Hass des Untüchtigen in Malatya gegen ausländische Missionare und türkische Konvertiten - allerdings nach sorgfältiger Anleitung.
Christenmord als Begleitmusik
Umfassend wird in dem ESI-Bericht die christen- und minderheitenfeindliche Atmosphäre herausgearbeitet, in deren Umfeld die Tat geschah. Ihr war zuvor, im Januar 2007, der in Malatya geborene armenische Publizist Hrant Dink zum Opfer gefallen. Auch sein Mörder war ein junger Mann. Der Anwalt der Opfer von Malatya war nicht überrascht: "Seit langem hatte ich erwartet, dass etwas geschehen würde. Es gab Anzeichen. Christen wurden geschlagen, ihre Kirchen gesteinigt und in Brand gesetzt, sie erhielten täglich Drohungen. Jeden Tag gab es Berichte über verräterische Pläne von Missionaren in lokalen und landesweiten Zeitungen und Sendern." Es gab auch Bücher wie das von Ilker Çinar, einem angeblichen Konvertiten, der während seiner Zeit als Protestant allerdings auf der Gehaltsliste des türkischen Militärs stand. Als "Aussteiger" nach sechs Monaten schrieb er einen Bestseller und behauptete darin, jüdische und christliche Missionare wollten die Türkei unterjochen, zum Wohle Brüssels: "Der wichtigste Grund, warum den Missionaren grenzenlose Freiheit in ihrer Tätigkeit gegeben wurde, ist die EU." Deren Reformbedingungen seien ein gigantisches europäisches Projekt zur Wiedereroberung Konstantinopels, dessen Verlust die Christen nie verwunden hätten. Bemerkenswert dabei: Wenn Ankara einen Schritt auf die EU zugeht, so durch die Eröffnung neuer Verhandlungskapitel, ist die Begleitmusik oft ein Christenmord hinten weit in der Türkei.
Bei ESI heißt es, eine Welle von "extremen antichristlichen Gefühlen schien das Land ergriffen zu haben ... Die kleine christliche Gemeinde der Türkei lebte in wachsender Angst." Der damalige Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz, Luigi Padovese, warnte: "Wir sind hier nicht länger sicher." Im Juni 2010 wurde auch er ermordet, von einem psychisch gestörten Einzeltäter, wie es hieß.
Unheilvolle Parallelwelt
Angeblich sind immer psychisch gestörte Einzeltäter schuld, wenn einer der kaum 150000 Christen in der Türkei (bei 72 Millionen Einwohnern) getötet wird. Wer, wie ESI im Malatya-Prozess, genauer hinsieht, stellt dann aber fest: Wenn es gelingt, die Hintergründe eines Mordes aufzudecken, zeigt sich meist, dass viele der "verwirrten Einzelgänger" intensiven Kontakt mit Sondereinheiten der Polizei oder anderen staatlichen Stellen pflegten. In Malatya standen sie, direkt oder über Mittelsmänner, in Kontakt zum "tiefen Staat", jener unheilvollen Parallelwelt, die im Namen des Kemalismus und einer säkularen Türkei aufzutreten vorgibt. Das bekamen auch die Anwälte der Opfer zu spüren. Hetzartikel gegen sie enthielten Informationen, die ihren Telefongesprächen abgelauscht waren. Diese geheimdienstliche Fertigkeit besitzen verwirrte Messerstecher in der Regel nicht.
Der Rädelsführer von Malatya wurde von einem Mittelsmann kontaktiert und zu seiner Tat aufgefordert, hatte zudem nachweislich Verbindungen zum Polizeichef der Stadt, andere Mittäter zu "Wissenschaftlern" der Universität, die von einem extrem nationalistischen Rektor geführt wird und sich der "Erforschung" der missionarischen Tätigkeit in der Stadt verschrieben hatte. Einer dieser "Forscher" hatte in den Monaten vor den Morden mehr als 1400 Telefonkontakte zu dem Polizeichef, dem er als "Berater" diente. Kontakte der Täter bestanden auch zu den ultranationalistischen "Grauen Wölfen". Eine Fülle von Indizien im Malatya-Prozess deutet darauf hin, dass "der tiefe Staat" hinter diesen und anderen Christenmorde in der Türkei stand, aber darauf wert legte, die Taten als Werk verwirrter, islamistischer oder von der Regierung inspirierter Einzeltäter wirken zu lassen.
Neu ist das nicht, aber so detailliert wie in diesem Bericht selten zu lesen. Der Hoffnungsschimmer dabei: Früher blieben viele Fälle unaufgeklärt, doch der Prozess in Malatya verdient bisher seinen Namen. Er bringt ans Licht, was noch vor wenigen Jahren für immer im Schatten des tiefen Staates geblieben wäre.
Hoffentlch lesen Viele diesen Artikel!
Klaus Meyer (deutschlaender2)
- 13.01.2011, 13:29 Uhr
ESI
Klaus D. Wolf (LaoK)
- 13.01.2011, 14:59 Uhr
herr Klaus Meyer...
Mehmet Mantikli (logisch74)
- 13.01.2011, 22:00 Uhr
Dieser Artikel zeigt einmal mehr, dass die Türkei in der EU nicht zu suchen hat!
Frantiek Hrad (Dr._Krtek)
- 13.01.2011, 23:06 Uhr
Tolleranz darf nicht dazu verführen, Intolleranz zu tollerieren!
Isabel Arent (Cedro)
- 14.01.2011, 15:56 Uhr
