16.12.2008 · Weil die Cholera-Epidemie in Zimbabwe immer heftiger tobt, fliehen viele Zimbabwer nach Südafrika. Nicht alle von ihnen haben die Krankheit - doch könnten sich viele nach der Flucht anstecken. Denn auch das gelobte Nachbarland ist überfordert. Kaum eine der vielen Hilfsorganisationen kümmert sich um das menschliche Strandgut in der Grenzstadt Musina.
Von Thomas Scheen, Madimbo/MusinaDer Junge ist so schwach, dass er die Tortur lautlos über sich ergehen lässt. Immer wieder sticht der Arzt ihm den Dorn eines Infusionsschlauches in die Armbeuge und findet trotzdem keine Vene. Dann versucht er sein Glück auf dem kleinen Handrücken. Nach dem fünften Anlauf sitzt das Katheter für die Glukoseinfusion endlich. Der Arzt streichelt dem kleinen Patienten den Kopf. Doch auch diese Geste entlockt dem apathisch wirkenden Jungen keine Reaktion. Mit glasigen Augen starrt er ins Leere.
Sein Name sei Elvis, flüstert seine Mutter, die neben der Pritsche in der Cholerastation von Madimbo steht und selbst noch aussieht wie ein Kind. Drei Jahre sei Elvis alt und eigentlich ein quirliges Bürschchen, sagt sie. Bis ihn die Cholera erwischte. Das T-Shirt der erschöpft wirkenden jungen Frau ist voll mit dem Erbrochenen ihres Sohnes, ebenso ihr Rock. „Zieh dir etwas anderes an“, rät ihr eine Krankenschwester. „Ich habe aber nichts anderes“, erwidert die junge Frau. Dann wischt sie die halbverdauten Essensreste mit einem Handtuch ab. Es ist das Handtuch, in dem sie den kranken Elvis auf ihren Rücken gebunden und durch den Grenzfluss Limpopo getragen hat.
Einen Tag mehr, und Elvis wäre jetzt tot
Sibenghe Zorodzai und ihr Sohn Elvis stammen aus Chipise in Zimbabwe. Ihre Geschichte ist die Geschichte aller Zimbabwer, die es bis nach Südafrika geschafft haben: Arbeitslosigkeit, Hunger und jetzt eine außer Kontrolle geratene Choleraepidemie, weil die Frischwasserversorgung zusammengebrochen ist. Sibenghe und Elvis hatten wie alle anderen auch Wasser aus einem Bach trinken müssen, der wegen geborstener Abwasserrohre längst kontaminiert war. Sibenghe wusste, welches Risiko sie einging.
„Aber wir hatten doch nichts anderes mehr“, sagt sie. Als der Kleine schweren Durchfall bekam, hat sie sich auf den Weg zum Limpopo gemacht, der die Grenze zwischen Zimbabwe und Südafrika markiert. In Madimbo, einem Weiler rund 70 Kilometer von der Grenzstadt Musina entfernt, ist der inzwischen ebenfalls choleraverseuchte Limpopo so schmal und sein Pegelstand um diese Jahreszeit so niedrig, dass er nahezu trockenen Fußes durchquert werden kann. Drei Tage ist das jetzt her. Einen Tag mehr, und Elvis wäre jetzt tot.
Angst vor landesweiter Cholera
Die Cholera hat in Zimbabwe inzwischen vermutlich mehr als 1000 Menschenleben gefordert. Seit sie wütet, ist der ohnehin starke Flüchtlingsstrom nach Südafrika noch einmal angeschwollen. Dieses Mal geht es den Flüchtlingen nicht nur um einen Job und ein besseres Leben, dieses Mal geht es um ihr Überleben.
Neben dem Grenzort Musina ist vor allem Madimbo das Einfallstor für die Flüchtlinge nach Südafrika und mit ihnen der Cholera. Die südafrikanische Regierung erklärte beide Ortschaften zum Katastrophengebiet, um zusätzliches Geld für die Bekämpfung der Epidemie bereitstellen zu können. Sie fürchtet eine Ausbreitung im ganzen Land.
Eine Katastrophe stellt man sich anders vor
Dabei wirken sowohl die Cholerastation von Madimbo als auch die Quarantänestation des Krankenhauses von Musina auf den ersten Blick nicht wie die Epizentren einer landesweiten Bedrohung. Jede der beiden Stationen beherbergt 30 Betten, die gegenwärtig nicht einmal komplett belegt sind. In Madimbo spazieren die Patienten, die sich auf dem Weg der Besserung befinden, mit ihren Glucosebeuteln auf dem Kopf umher – sehr zum Vergnügen der Dorfkinder.
In Musina wiederum ist die Quarantänestation zum Besuchsziel zahlreicher mehr oder weniger wichtigen Delegationen aus Stadt- und Provinzverwaltung geworden, die in Sandalen durch die Quarantänezelte schlappen. Sie begutachten die Spezialbetten, die vielen Kartons mit Medikamenten und die ebenso lecker wie nahrhaft aussehenden Mahlzeiten, die den Kranken serviert werden. Eine Katastrophe stellt man sich anders vor.
Aufenthaltsgenehmigung: Eintrittskarte ins gelobtes Land
Doch um das ganze Ausmaß der potentiellen Bedrohung für Südafrika zu erfassen, muss man den „Showground“ von Musina besuchen. Das Messegelände der Stadt ist magischer Anziehungspunkt für alle zimbabwischen Flüchtlinge, die es legal oder illegal nach Musina geschafft haben. Hier hat das südafrikanische Innenministerium ein mobiles Büro eingerichtet, untergebracht in vier Lastwagen mit Computern und eigener Stromversorgung.
Hier erhalten die Flüchtlinge ohne viel Federlesens eine auf sechs Monate befristete Aufenthaltsgenehmigung als politische Flüchtlinge und damit die Eintrittskarte in ihr gelobtes Land. Bis zu 300 dieser Genehmigungen stellen die Beamten täglich aus. Doch wegen der Cholera kommen nun mehr als 1000 Zimbabwer täglich über die Grenze. Der „Showground“ von Musina zu wird zum Hauptquartier der Verzweiflung.
Kein Wasser zum Händewaschen
Die armseligen Gestalten aus dem ehedem blühenden Nachbarland lagern auf einer offenen Fläche so groß wie ein Fußballfeld. Zelte gibt es nicht, und auch sonst ist nichts da, was Schatten spenden könnte. Die Nächte verbringen die Flüchtlinge auf dem nackten Boden. In einer Ecke des Geländes baut die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ morgens ihre Behandlungszelte auf und abends wieder ab. Ansonsten bleiben die Flüchtlinge sich selbst überlassen.
Es gibt keine sanitären Einrichtungen auf dem „Showground“. Deshalb benutzen die Flüchtlinge – Gesunde wie Kranke – die umliegenden Felder, Industriebrachen und die städtischen Grünanlagen für ihre Bedürfnisse. Die Hände zu waschen und damit das Infektionsrisiko zu minimieren ist in Ermangelung von Wasser unmöglich. Vom benachbarten Verladebahnhof weht ständig Kohle- und Chromstaub über das Feld. Die Flüchtlinge kochen in rußgeschwärzten Konservenbüchsen. Einige der etwa 1500 Zimbabwer, die sich auf dem Feld zusammendrängen, haben eine Decke, die meisten aber nicht einmal das.
Warten auf die Papiere, Angst vor der Infektion
Früher, das heißt vor einem Jahr, hätte sich kein Flüchtling aus Zimbabwe länger als eine Stunde in Musina aufgehalten. Sie schwammen durch den Limpopo, überwanden die löchrigen Grenzzäune und machten sich sofort auf den Weg in das 600 Kilometer entfernte Johannesburg, um Arbeit zu suchen. Sie waren verzweifelt, aber sie waren bei Kräften. Jetzt kollabieren manche schon auf der kurzen Strecke von der Grenze zu dem Ausstellungsgelände.
Chidewo Dumisei ist 48 Jahre alt und Mutter von fünf Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren. Sie hat sie alle mitgebracht nach Südafrika. Jetzt steht sie bei 37 Grad in einer Schlange vor einem der Lastwagen des Innenministeriums und wartet auf ihre Aufenthaltsgenehmigung. Seit zwei Wochen campiert Chidewo mit den Kindern auf dem „Showground“. „Diese Angst macht mich verrückt“, sagt sie, und was sie meint, ist die Angst, sich unter den haarsträubenden sanitären Umständen mit Cholera zu infizieren.
Bald bis zu 60.000 Menschen an Cholera erkrankt
Ihr Mann, erzählt Chidewo, sei schon seit einiger Zeit in Südafrika, in Tzaneen, um genau zu sein. Er wollte einen Job suchen und ihr Geld nach Zimbabwe schicken. Er hat nie einen Job gefunden. Er hat nicht einmal das Geld, die 100 Kilometer von Tzaneen nach Musina zu reisen, geschweige denn, seine Familie dort abzuholen oder ihnen Lebensmittel zukommen zu lassen.
Jeden Tag sieht Chidewo den Krankenwagen kommen, um die nächsten Cholerakranken vom „Showground“ abzuholen. „Jedes Mal frage ich mich, wann ich auf dieser Pritsche liegen werde“, sagt sie. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation werden bald bis zu 60.000 Menschen in Zimbabwe an Cholera erkrankt sein. Wenn auch nur zehn Prozent davon es bis Musina schaffen und sich die dortigen Zustände nicht bessern, wird man den „Showground“ wohl bald als „Ground Zero“ der südafrikanischen Choleraepidemie bezeichnen können.
Musina: Versorgungszentrum für den gesamten Westen Zimbabwes
Godfried Mukize trägt einen ehedem rosa Kittel, der ihn ein bisschen aussehen lässt wie ein Sträfling, und eine Jeans, die vermutlich einmal blau war. In seiner Jackentasche trägt er eine alte Konservendose. Godfried lauert vor den zahlreichen Supermärkten von Musina auf Beute. Manchmal, erklärt der Mann aus Bulawayo, platzt beim Verladen ein Sack Maismehl oder Zucker, und mit ein bisschen Glück kann er die Büchse füllen, bevor ihn ein Fußtritt verjagt.
In Musina werden viele Lebensmittel verladen, denn das Dorf ist das Versorgungszentrum für den gesamten Westen Zimbabwes. Entlang der Hauptstraße reiht sich Supermarkt an Supermarkt. Die Transporter mit den zimbabwischen Kennzeichen und den selbstgebauten Anhängern verstopften zu Hunderten die Straßen. Maismehl, Zucker, Kühlschränke, Kleidung, Fleisch, Obst, Seife, Kosmetika: Alles wird palettenweise gekauft und sofort auf die andere Seite der Grenze geschafft. Bezahlt wird in amerikanischen Dollar oder in Rand und immer bar. Wohl nirgends sonst in Südafrika sind so viele gepanzerte Geldtransporter unterwegs wie in diesem Weiler.
Hilfsorganisationen helfen nicht
Musina lebt von den Zimbabwern, doch das heißt noch lange nicht, dass sie willkommen sind. „Es gibt saubere Zimbabwer, das sind die mit den Dollarbündeln, und es gibt schmutzige Zimbabwer, das sind Menschen wie ich“, sagt Mukize. „Und die, die nichts haben, dürfen auf dem ,Showground‘ auf dem Boden schlafen und krepieren“, fügt er hinzu.
Abseits des Kaufrausches der Hauptstraße liegt in einer stillen Straße die katholische Kirche von Musina. Jeden Vormittag schleppen sich abgemagerte, vor Schmutz starrende Menschen vom „Showground“ dorthin. Die Martin-de-Parres-Kirche ist die einzige Einrichtung in Musina, die Lebensmittel an die Flüchtlinge verteilt. Ansonsten kümmern sich keine Provinzregierung, kein Rotes Kreuz und auch keine der vielen Hilfsorganisationen, die jetzt um Spenden für Zimbabwe bitten, um das menschliche Strandgut in Musina.
In der Kirche werden Lebensmittelpakete des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen verteilt. Es sind die üblichen Sattmacher: Maismehl, Speiseöl, dazu Bohnen oder Sardinen. Normalerweise erhält jeder Flüchtling einmal in der Woche ein Paket mit fünf Kilo Maismehl, erklärt Thomas Thelele, der die Verteilung koordiniert. Mittlerweile aber hat er die Rationen halbieren müssen. Bislang verteilte er rund 260 Lebensmittelpakete täglich. Mit der Halbierung der Rationen kommt er auf 500 Pakete. Doch allein am vergangenen Freitag waren 843 ausgehungerte Flüchtlinge vorstellig geworden.
Erklaere und rechtfertige wer will,
Hans-Joerg Danner (HJDZA)
- 16.12.2008, 18:53 Uhr
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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