17.08.2007 · China bekommt immer größere Probleme mit der Wasserversorgung. Die Industrialisierung verschärft die Knappheit. Doch statt beim Verbrauch anzusetzen, treibt die Regierung ein Großprojekt an, um Wasser quer durchs Land zu transportieren. Von Petra Kolonko.
Von Petra Kolonko, PekingKurz vor den Feiern für den Jahres-Countdown zu den Pekinger Olympischen Spielen machte Pekings Bürgermeister Wang Qishan im Süden der Hauptstadt einen Besuch, über den wenig berichtet wurde. Während die Augen der Welt auf die Olympiavorbereitungen gerichtet waren, inspizierte der Bürgermeister die Bauarbeiten für das Großprojekt „Wasser des Südens nach Norden“, das der Hauptstadt rechtzeitig zu den Olympischen Spielen im Sommer nächsten Jahres mehr Wasser bringen soll.
Die große Wasserumleitung ist ein Jahrhundertprojekt, das sich noch der Revolutionsführer und Staatsgründer Mao Tse-tung in den fünfziger Jahren ausgedacht hatte. Der Süden Chinas hat viel Wasser, der Norden ist trocken. Also, sagte sich der Vorsitzende, sollten wir einfach Wasser aus dem Süden nach Norden umleiten. Für seine Idee fehlten damals sowohl das Geld als auch die Technik. Doch die Parteiführung mit ihren in Großprojekte vernarrten Technokraten vergaß die Idee des „Großen Steuermanns“ nicht. Jetzt, da China genügend Geld hat, wird sie verwirklicht.
Regierung will Grundsatzdebatte verhindern
Drei Kanalsysteme sollen Wasser aus dem Süden, vor allem aus dem Jangtse, nach Norden leiten, besonders um die dürstende Hauptstadt und die Industriestadt Tianjin zu beliefern. Die westliche Linie nahe der Küste und die Mittel-Linie, die nach Peking führt, sind im Bau. Für später ist noch eine östliche Linie in Vorbereitung, die vom tibetischen Hochplateau Wasser in die nordwestlichen Regionen bringen soll. Um das Großprojekt Wasserumleitung ist es ruhig geworden.
Nachdem das gigantische Vorhaben vor Jahren lautstark als Lösung des Wassermangels im trockenen Norden Chinas angekündigt worden war, kommt jetzt das Projekt kaum noch in der öffentlichen Diskussion vor, denn es kam Kritik auf. Und die chinesische Regierung will eine Grundsatzdebatte über das Projekt unter allen Umständen verhindern. Die Bauarbeiten sind aber in vollem Gang. Bis Ende dieses Jahres soll zumindest ein Teil des Kanalsystems, der Peking versorgen wird, fertiggestellt sein.
Regenmacher mit Kanonen
Grundsätzliche Zweifel an dem Projekt dürfen öffentlich nicht geäußert werden. Die Umleitung gilt als „Staatliches Projekt von Vorrang“ und ist somit nicht zur Diskussion freigegeben. Doch kennen nicht nur Chinas Umweltschützer die Schwächen des Projektes. Wasser, das abgeleitet wird, wird woanders fehlen. Die Kosten für das Umleitungsprojekt sind immens. Schließlich wurde in den letzten Jahren eine Frage immer wichtiger: Das Wasser, das nach Norden umgeleitet wird, ist so verschmutzt, dass es im Norden kaum als Trinkwasser verwendet werden kann.
Auch im „Süd-Nord-Wasserprojekt“ spiegeln sich damit Chinas Wassersorgen: Wasser ist knapp. Und da, wo es vorhanden ist, ist es verschmutzt. Das Land ist riesig, die klimatischen Unterschiede groß. Während besonders im Sommer der Süden und Zentralchina von Überschwemmungen und starken Regenfällen, tropischen Stürmen und Taifunen heimgesucht werden, herrscht im Norden und Westen Dürre. Während im Süden Felder überschwemmt werden, wächst im Westen nichts, weil das Wasser fehlt. Während im Süden Dämme verstärkt werden, sind im Norden die Regenmacher mit Kanonen unterwegs, um Wolken zum Abregnen zu bringen.
Mehr als 60 Prozent des Flusswassers nicht trinkbar
Aufgrund der rapiden und unkontrollierten Industrialisierung ist das Wasser, wenn es denn da ist, verschmutzt, und der Regen, wenn er überhaupt fällt, sauer. Trotz der jahreszeitbedingten Wasserfülle im Süden zählt China zu den Ländern, denen es an Wasser fehlt. Ökonomen warnen davor, dass die Wasserversorgung bald die wirtschaftliche Entwicklung bremsen könnte. Statistiken aus dem Jahr 2005 weisen China als einen der größten Wasserkonsumenten der Welt aus. Es verbraucht 15,4 Prozent der Wasservorräte der Welt. In den Jahren 2000 bis 2004 sind die Wasser-Ressourcen Chinas um 13 Prozent zurückgegangen. Die pro Kopf verfügbare Menge verringerte sich um 15 Prozent.
Nach Angaben des Ministeriums für Wasser-Ressourcen gehen zwei Drittel des Wasserverbrauches in die Landwirtschaft, 22 Prozent in die Haushalte und 12 Prozent in die Industrie. Durch die wachsende Industrialisierung und den steigenden Lebensstandard wird immer mehr Wasser verbraucht. Aber mehr als 60 Prozent des Wassers aus Chinas Flüssen ist als Trinkwasser nicht zu gebrauchen.
Gletscher im Himalaya schmelzen
Der Jangtse, Chinas Mutterfluss, ist ein Beispiel für die rapide Verschlechterung der Ressource Wasser, sowohl in Quantität als auch in Qualität. Das Wasser am Jangtse wird durch die Einleitung von industriellen und städtischen Abwässern verschmutzt. In dem 300 Kilometer langen Stausee hinter dem Drei-Schluchten-Staudamm sammelt sich der Dreck. Da der Jangtse wegen der Stauung langsamer fließt als früher, kann er sich nicht mehr selbst reinigen. Weil überall Staudämme gebaut und Wasser abgeleitet wird, gibt es auch weniger Wasser. Trotzdem soll eine ganze Reihe von Staudämmen am Oberlauf des Jangtse gebaut werden, die dann auch noch die Verdunstung des Wassers in den Stauseen beschleunigen werden.
Chinas Klimaforscher weisen warnend darauf hin, dass die Erderwärmung die Wasserknappheit in China noch verschärfen werde. Die Gletscher im Himalaya schmelzen. Das führt dazu, dass auf lange Sicht weniger Wasser aus den Berggebieten in die Ebene getragen wird. Im Ursprungsgebiet des Jangtse trocknen die Feuchtgebiete aus. Ein Fünftel der kleinen Seen in diesem Gebiet sind in den vergangenen 40 Jahren verschwunden. Auch im Ursprungsgebiet des Gelben Flusses wird es wärmer und trockener.
Die Hälfte des Grundwassers ist verschmutzt
Chinas Seen sind durch die Verschmutzung in Gefahr. In diesem Sommer erregte eine Algenpest am Tai-See die chinesische Öffentlichkeit. Der drittgrößte See Chinas ist Trinkwasserlieferant für Millionen von Menschen in einem dichtbesiedelten Gebiet Zentralchinas. Die am See ansässigen Industriebetriebe leiten ihre Abwässer ungeklärt in den See. Pestizide und Dünger aus der Landwirtschaft und Haushaltsabwässer kommen dazu. Im Juni wucherte im See eine grüne Alge. Das führte dazu, dass zwei Millionen Menschen in der angrenzenden Industriestadt Wuxi für Tage ohne Trinkwasser waren. Ähnliche Vorkommnisse werden von dem einst idyllischen Dianchi-See in der Provinz Yunnan oder vom Chao-See in der Provinz Anhui gemeldet.
Im Norden Chinas trocknen immer mehr Binnengewässer aus. Jedes Jahr verschwinden in China ungefähr 30 Seen. Der Grundwasserspiegel sinkt, überall muss immer tiefer gegraben werden, um an sauberes Wasser zu kommen. Doch mehr als die Hälfte des Grundwassers ist verschmutzt.
Nach Chemie-Unfall tagelang ohne Trinkwasser
300 Millionen Menschen trinken täglich verschmutztes Wasser. Chinas Gesamtbevölkerung beträgt mittlerweile 1,3 Milliarden Menschen. Die Verbraucher in den Städten bekommen aufbereitetes Leitungswasser, oder sie können sich Trinkwasser kaufen. In den ländlichen Regionen haben die Bauern keine Wahl. Sie trinken das örtliche Wasser aus den Brunnen oder den Flüssen. Viele werden dadurch krank. Die Weltbank schätzt, dass jedes Jahr 66 000 Menschen an Durchfall und anderen Erkrankungen sterben, die durch verschmutztes Wasser verursacht werden. Mit Arsen verschmutztes Wasser führt zu Krebserkrankungen.
Zur „normalen“ Wasserverschmutzung, unter der die Bevölkerung zu leiden hat, kommt noch die Wasserverseuchung durch Unfälle. Nach einem Chemie-Unfall vor zwei Jahren am Songhuajiang war die Millionenstadt Harbin in Nordchina tagelang ohne Trinkwasser. Der Unfall brachte damals ans Licht, dass der Songhuajiang einer der am meisten verschmutzten Flüsse Chinas ist. Nach Angaben der staatlichen Umweltbehörde Sepa ereignen sich in China alle zwei bis drei Tage Unfälle, die zur Wasserverschmutzung führen. Dies liegt vor allem daran, dass sich die großen Industriebetriebe an den Wasserwegen konzentrieren. Am Jangtse und am Gelben Fluß liegen etwa 14.000 der 20.000 petrochemischen Anlagen Chinas.
Regierung will den Konsum drosseln
Auch die Küstengewässer Chinas sind schwer belastet. Besonders das Wasser im Bohai-Meer und die Küstengewässer an der südchinesischen Provinz Guangdong sind stark verschmutzt. Chinesische Wissenschaftler warnen, das Bohai-Meer könne innerhalb von zwölf Jahren tot sein, wenn nicht ernsthaft gegen die Verschmutzung vorgegangen würde. Hier ist die Fischereiwirtschaft bereits betroffen.
Umweltschützer kritisieren, dass die chinesische Führung zur Lösung der Wasserfragen auf große Wasserbauprojekte wie das Nord-Süd-Umleitungsprojekt setzt, statt bei Verbrauchern und Verschmutzern anzusetzen. Vor allem müssten die Umweltschutzbestimmungen endlich ernsthaft durchgesetzt werden, sagt Ma Jun, der Autor des Buches „Chinas Wasserkrise“. Auch Wassersparen müsse verordnet werden. Allein durch defekte Leitungen gingen riesige Wassermengen verloren.
Die Regierung erlässt Umweltgesetze und erhöht den Wasserpreis, um den Konsum zu drosseln. Ministerpräsident Wen Jiabao versprach in seinem Regierungsbericht sauberes Wasser für 100 Millionen Landbewohner. Es werden große Investitionen zur Säuberung von Seen und Küsten getätigt. Doch das Resultat lässt noch auf sich warten. Der stellvertretende Bauminister Qiu Baoxing warnte dieser Tage, in den nächsten Jahren werde sich die Lage eher noch verschlimmern.