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Chinas Grenze zu Nordkorea Selbst die „Villen“ sehen armselig aus

 ·  Das Grenzgebiet zu Nordkorea ist für viele Chinesen zu einem begehrten Reiseziel geworden. Von den chinesischen Behörden gibt es dafür eine Genehmigung, die Nordkoreaner werden bestochen. Die einst eng Verbündeten trennen mittlerweile Welten.

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Nordkorea ist nur einen Sprung aus dem Motorboot entfernt. Es ist so nah, dass sich der chinesische Bootsführer mit einem Mädchen am Ufer in normaler Lautstärke auf Koreanisch unterhalten kann. Die kleine Nordkoreanerin spielt mit einer Plastikflasche im flachen Wasser. „Habt ihr Essen im Boot?“, fragt das Mädchen. Es weiß, dass die Boote manchmal etwas Nahrung mitbringen. „Diesmal leider nicht“, sagt der Fahrer und lenkt das Boot weiter am Ufer entlang. Dort taucht ein Soldat auf, der ein paar dürre Ziegen hütet. Im Hintergrund liegen Felder, auf denen die Bauern Mais anpflanzen. „Ich könnte das nicht aushalten, sie haben nicht einmal genug im Magen“, sagt der Chinese.

Die ehemaligen Brudervölker aus China und Nordkorea sind sich in den vergangenen Jahrzehnten fremd geworden. Das ist hier im nordostchinesischen Grenzort Dandong ganz offensichtlich. Dandong ist der Ort, an dem China Handel mit Nordkorea treibt und an dem die chinesischen Touristen einen Blick auf das nordkoreanische Schattenreich werfen können. Von mehreren Anlegestellen bieten die Bootsführer halbstündige Ausflüge über den Yalu-Grenzfluss an. Die Motorboote fahren von chinesischem Territorium aus bis in einen Abschnitt des Flusses hinein, in dem auf beiden Uferseiten Nordkorea liegt. Für 80 Yuan (etwa neun Euro) können die Touristen die Bauern beobachten, die mit Hilfe von Rindern ihre Felder pflügen, sie sehen Militärbaracken und die mickrigen grauen Patrouillenboote der Grenzsoldaten. Näher kann man Nordkorea nicht kommen, ohne die Grenze zu überschreiten.

„Die hocken 24 Stunden täglich da drin“

Doch die Lage entlang des Grenzflusses sei politisch derzeit angespannt, wie viele Anwohner in Dandong berichten. Das begann mit der Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffs „Cheonan“, für die einer südkoreanischen Untersuchung nach ein U-Boot aus Nordkorea verantwortlich gewesen ist. Die verschlechterten Beziehungen auf der koreanischen Halbinsel bekamen wie immer auch die chinesischen Grenzregionen zu spüren. Hinzu kam Anfang Juni die Erschießung von drei Chinesen durch nordkoreanische Soldaten auf dem Grenzfluss, nur wenige Kilometer außerhalb von Dandong. Seitdem sei das Mitnehmen von Ausländern eigentlich streng untersagt, berichten die Bootsführer. Der Besucher muss sich deshalb einen breitkrempigen Damenhut aufsetzen und einen Aufpreis zahlen. Fotos könnten nicht gemacht werden, das sei zu gefährlich, sagen die Männer. Sie versichern jedoch, dass dieser Grenztourismus unbedenklich sei. Von den chinesischen Behörden gibt es normalerweise eine Genehmigung; die Nordkoreaner werden bestochen.

Am nordkoreanischen Ufer selbst scheint trotz aller politischen Verwerfungen das Leben normal weiterzugehen, von Anspannung ist erst einmal nichts zu merken. Doch vom Wasser aus zeigt der Bootsführer auf eine Art Höhle an einer höher gelegenen Uferböschung. Darin hätten sich nordkoreanische Soldaten verschanzt, berichtet der Chinese. Nur durch einen schmalen Schlitz kämen Licht und Luft herein. „Die hocken 24 Stunden täglich da drin“, sagt der Mann. „Sie beobachten uns.“ Auch eine kleine militärische Hafenanlage kommt in Sicht, die einst von den Japanern gebaut worden sein soll. Daneben stehen Kasernen. „Den Soldaten geht es etwas besser als dem Rest der Bevölkerung. Aber selbst sie haben nicht einmal Strümpfe zum Anziehen“, sagt der Bootsführer.

„Villen“ für höhergestellte Militärs

Der Chinese kennt die Lebensumstände dort drüben, hat viele Jahre Handel mit Nordkoreanern getrieben. Er zeigt auf eine Siedlung mit weiß-blauen Häusern, die am oberen Uferrand stehen. Das seien „Villen“ für höhergestellte Militärs. Den Bewohnern gehe es im Vergleich zu den normalen Nordkoreanern relativ gut, sagt der Bootsführer. Mehrere Familien könnten sich zusammentun und „Punkte“ für einen Fernseher sammeln. Es gebe auch Fahrräder, meist gebraucht und aus Japan. Doch selbst die „Villen“ am Ufer sehen auf den zweiten Blick armselig aus. Obendrauf sind die Dachziegel verrutscht.

Die meisten Chinesen können über diese Armut nur noch die Köpfe schütteln. China hat von drei Jahrzehnten Reformpolitik und Wirtschaftsaufschwung profitiert, während Nordkorea bitterarm blieb. „So schlimm war es bei uns selbst in den sechziger Jahren nicht“, sagt Wang Xuhong, die für ein Tourismusbüro in Dandong arbeitet. Viele chinesische Touristen verspüren bei ihrem Besuch in Dandong wohl vor allem Neugier und Nervenkitzel, weil Nordkorea auch für sie mittlerweile völlig rätselhaft und unheimlich ist. „Es ist ein abgeschottetes Land, deshalb interessieren sich auch die Chinesen für Nordkorea“, sagt Wang Xuhong.

Flaneure auf der chinesischen Seite

Täglich dürften 200 Chinesen von Dandong aus über die Grenze einreisen, sagt Wang Xuhong. Die Touren seien stets ausgebucht, es gebe sogar eine Warteliste. Die meisten Touristen buchen Kurztrips, bis zu vier Tage lang, inklusive Blumenniederlegung vor einer Statue des nordkoreanischen Staatsgründers Kim Il-sung. Mit Bussen werden die chinesischen Touristen über die „Freundschaftsbrücke“ gefahren, die von Dandong über das Ufer nach Nordkorea führt. Sie wurde direkt neben den Überresten einer alten Brücke aufgebaut, die im Korea-Krieg von den Amerikanern zur Hälfte zerstört worden war. Auf der chinesischen Seite ist diese alte Brücke noch intakt, doch bricht sie in der Mitte des Flusses abrupt ab. Auf der nordkoreanischen Seite sind nur noch ein paar alte Steinpfeiler zu sehen.

Diejenigen, die sich keine Reise ins Ausland leisten können, kommen nach Dandong, um einfach nur über den Fluss zu schauen. Das ist in China die einfachste Möglichkeit, einen Blick auf ein anderes Land zu werfen. Sie können für ein paar Yuan Fernrohre mieten und das Leben am Flussufer in der nordkoreanischen Stadt Sinuiju beobachten. Dort stehen ein altes Riesenrad, das sich nie dreht, ein paar mehrstöckige Häuser, einige Fischerkähne und ein marodes Fabrikgebäude. Im flachen Wasser verlegen Fischer ihre Netze, Badende bespritzen sich mit dem Flusswasser. So wie die chinesischen Touristen schauen auch einige Nordkoreaner über den Fluss. Am Ufer steht eine weißgekleidete Nordkoreanerin, die minutenlang das ferne Treiben an der chinesischen Flusspromenade beobachtet. Nur schemenhaft dürfte sie die schicken Flaneure auf der chinesischen Seite sehen, die chinesischen und koreanischen Restaurants und die Hochhausfassaden im Hintergrund.

Warenaustausch über den Fluss

In „Chinas größter Grenzstadt“, wie Dandong sich selbst nennt, gibt es aber nicht nur Tourismus. Von hier wird ein großer Teil des chinesischen Handels mit Nordkorea abgewickelt. In der Zollstation stehen vollbeladene Lkw in einer langen Schlange und werden von Zollbeamten geprüft. Viele haben Kleidung und Stoffe geladen. Die Händler drängeln sich in einem kleinen Büro, um die nötigen Stempel abzuholen. Auch die Waren werden über die „Freundschaftsbrücke“ nach Nordkorea gebracht. Die meisten Händler sagen, dass die jüngsten Spannungen keine Auswirkungen auf den Handel gehabt hätten. „Aber wir machen uns Sorgen wegen der Erschießung der Chinesen im Grenzgebiet vor einigen Tagen“, sagt einer der Händler, der seinen Namen nicht verraten möchte. Denn der Handel läuft nicht nur mit Lastwagen über die Brücke, sondern auch mit Booten über den Fluss. Auch die Anfang Juni erschossenen Chinesen waren mit einem der „Fischerboote“ unterwegs.

Vor allem Muscheln und andere Meerestiere werden auf diesem Weg aus Nordkorea nach China importiert. „Das Meer ist dort viel sauberer als an der chinesischen Küste“, sagt der Händler. Außerdem schaffen die Händler Metalle wie Blei, Kupfer und Zink aus dem nordkoreanischen Bergbau nach Dandong herüber. Der Warenaustausch über den Fluss gehe zumindest zum Teil an den chinesischen Zollbehörden vorbei, wie der Händler berichtet. Die nordkoreanischen Grenzsoldaten müssten bestochen werden. Den Grenzzwischenfall, bei dem die drei Chinesen erschossen wurden, führen die meisten Anwohner in Dandong deshalb auf einen missglückten Bestechungsversuch zurück.

„Warum schießen sie auf Chinesen?“

Insofern sei der Vorfall nicht wirklich ungewöhnlich, heißt es hier. Allerdings hat die chinesische Regierung diesmal besonders scharf reagiert. Das Außenministerium machte den Vorfall publik und protestierte bei der Regierung in Pjöngjang. Nordkorea fühlte sich Berichten nach genötigt, sich zu entschuldigen und den Familien der Opfer eine Entschädigung zu zahlen. Die Reaktion Chinas auf den Grenzzwischenfall hat auch manchen ausländischen Beobachter verwundert. Könnte es sein, dass China die Geduld mit dem unberechenbaren Nachbarn verliert?

Tatsächlich haben auch die meisten Chinesen derzeit wenig Gutes über den Nachbarn auf der anderen Seite des Flusses zu sagen. „Warum schießen sie auf Chinesen?“, fragt ein 62 Jahre alter Mann, der gerade auf der Flusspromenade spazieren geht. „Der Grund ist unklar, aber es zeigt schon, dass das Verhältnis nicht mehr so ist wie in den sechziger Jahren.“ Nordkorea müsse sich öffnen und reformieren, so wie China das getan habe, sagt der Mann.

Waffen, Karten und Fundstücke aus dem Krieg

Doch Peking hält sich mit Verurteilungen wegen des südkoreanischen Schiffes zurück. Diplomaten und Fachleute in Peking sagen, die Regierung wolle die Lage nicht anheizen. Für China stehe zu viel auf dem Spiel. Die chinesische Führung wolle sowohl einen militärischen Konflikt vor ihrer Haustür als auch einen Zusammenbruch des nordkoreanischen Regimes unbedingt vermeiden. Vorerst ist Peking deshalb wohl weiter der letzte Verbündete, den das Regime von Kim Jong-il noch hat. Denn trotz aller Entfremdung sind die Zeiten noch nicht ganz vergessen, in denen die beiden Länder „eng wie Lippen und Zähne“ waren.

In diesem Jahr gedenken die Chinesen und Nordkorea wieder einmal des Beginns des Korea-Krieges vor nunmehr sechzig Jahren. Auch deshalb reisen viele chinesische Touristen derzeit nach Dandong. Dort stehen ein Mahnmal und ein Museum, die an den „Widerstand gegen die amerikanische Aggression“ erinnern sollen. Am Eingang des Museums studieren Besucher eine Tafel, die den Befehl Mao Tse-tungs zur Formierung einer chinesischen „Freiwilligentruppe“ gegen die Amerikaner wiedergibt. Dahinter laufen die Touristen an Waffen, Karten und Fundstücken aus dem Krieg vorbei. Am Ende der Ausstellung gibt es in einem Gewölbe ein großes Panoramabild, auf dem Schlachtszenen nachgebildet sind. Ein Lautsprecher gibt Kriegsgeräusche wieder, eine sonore Stimme erläutert den Kriegsverlauf. Vor der Szenerie posiert eine Frau für ein Erinnerungsfoto, mit einem Gewehr in der Hand und einem Patronengürtel umgehängt. An diesem Ort scheint die alte Waffenbrüderschaft zwischen China und Nordkorea noch intakt.

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Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

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