07.07.2009 · In der chinesischen Region Xinjiang ist es auch am Dienstag wieder zu Unruhen gekommen. Tausende Han-Chinesen seien bewaffnet durch die Provinzhauptstadt Urumtschi gezogen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.
Von Till Fähnders, PekingIn der nordwestchinesischen Region Xinjiang ist es auch am Dienstag wieder zu Unruhen gekommen. Mehrere tausend Han-Chinesen seien mit Knüppeln, Äxten, Hämmern und Messern bewaffnet durch die Provinzhauptstadt Urumtschi gezogen, angeblich um sich vor den protestierenden Uiguren zu schützen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.
Einige wollten offenbar auch Rache für die Unruhen vom Sonntag üben, bei denen nach offiziellen Angaben 156 Menschen getötet und mehr als tausend verletzt worden waren. Ein Han-Chinese warnte, nun werde „zurückgeschlagen“.
Flucht ins Zentralkrankenhaus
Xinhua bezeichnete die Lage in Urumtschi als „chaotisch“. Der Parteichef der Autonomen Region, Wang Lequan, verhängte für die Nacht eine Ausgangssperre über die Stadt. In einer Ansprache warnte er vor einem ethnischen Konflikt zwischen den muslimischen Uiguren und den Han-Chinesen.
Auch viele Uiguren hatten sich offenbar wieder an zentralen Orten versammelt, darunter am Südbahnhof, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Einige sollen ebenfalls mit Knüppeln bewaffnet gewesen sein. Die Polizei versuchte mit Helmen und Schutzschildern ausgerüstet die Ordnung wieder herzustellen. Bei den Auseinandersetzungen soll es wieder Verletzte gegeben haben. Viele Anwohner seien in Panik in das Zentralkrankenhaus von Urumtschi geflohen, berichtete Xinhua.
Auch an anderen Orten der Autonomen Region kam es anscheinend zu Spannungen. In dem westlich von Urumtschi gelegenen Ort Kaschgar seien mehr als hundert Menschen getötet worden, berichtete die im Exil lebende Uiguren-Führerin Rebiya Kadeer auf einer Pressekonferenz in Washington. Auch im südlichen Hotan seien Demonstrationen von den Sicherheitskräften unterdrückt worden.
Kadeer: „Beispielloses Massaker“
Die prominente Uigurin sprach von einem „beispiellosen Massaker“ in Xinjiang. Die Regierung in Peking hatte Frau Kadeer und den von ihr angeführten Weltkongress der Uiguren (WUC) bezichtigt, die Unruhen angestachelt zu haben. Die frühere Geschäftsfrau und Politikerin wies die Vorwürfe zurück. Sie habe vielmehr ihre Familie ermahnt, sich nicht an den offenbar zuvor angekündigten Demonstrationen zu beteiligen.
Der Parteichef von Urumtschi sprach am Dienstag von den „tödlichsten Unruhen seit der Gründung des Neuen Chinas im Jahr 1949“. Das Außenministerium kritisierte Ausschreitungen gegen die chinesischen Konsulate in Den Haag und München. Die Sicherheitskräfte in Urumtschi reagierten mit einer Welle von Verhaftungen. Insgesamt seien 1434 Menschen festgenommen worden. Ihnen werde Mord, Körperverletzung, Vandalismus, Plünderung und Brandstiftung angelastet, sagte der Parteichef Li Zhi. Die Schuldigen sollten schwer bestraft werden.
Die Stadtregierung veröffentlichte auf einer Pressekonferenz auch einige äußerst blutige Bilder von Todesopfern, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen. Einige offiziell eingeladene ausländische Journalisten wurden Zeugen von Auseinandersetzungen zwischen Uiguren und Sicherheitskräften. Etwa 200 zumeist weibliche Demonstranten hätten eine Straße blockiert und laut klagend die Freilassung ihrer Männer und Kinder gefordert. Darauf habe es ein Handgemenge mit Uniformierten gegeben, berichtete die Nachrichtenagentur AP.
Hohes Aufgebot an Truppen
Das Internet wurde in Xinjiang zumindest teilweise lahmgelegt, wie offizielle Presseberichte bestätigten. In Urumtschi marschierte auch am Dienstag wieder ein hohes Aufgebot an Truppen auf. Am Sonntag und Montag sollen mehr als zehntausend Polizisten und Soldaten im Einsatz gewesen sein. Die Ereignisse erinnern an die Ausschreitungen in Tibet vor mehr als einem Jahr. Auslöser soll diesmal ein Konflikt zwischen Uiguren und Han-Chinesen in einer Spielzeugfabrik im südchinesischen Shaoguan gewesen sein, bei dem zwei uigurische Fabrikarbeiter getötet worden waren.
Dort seien nun 15 Verdächtige festgenommen worden, berichtete Xinhua. Ein Sprecher des Weißen Hauses teilte mit, die amerikanische Regierung sei „tief besorgt“ über die Unruhen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch forderte „maximale Zurückhaltung“ von der chinesischen Regierung. Rebiya Kadeer rief zu einem Ende der Gewalt auf. Sie forderte von der Regierung in Peking, dass sie die Sicherheit aller Menschen in Xinjiang schützen und die „brutale Unterdrückung“ der Uiguren beenden möge.
Die Gewaltausbrüche zeigten, dass die chinesische Regierung die schweren Probleme in Xinjiang nicht gelöst habe. In Xinjiang leben etwa acht bis neun Millionen Uiguren. Viele Angehörige des Turkvolks fühlen sich von der chinesischen Fremdherrschaft und dem Zustrom chinesischer Siedlern bedrängt. Einige wollen eine unabhängige Republik „Ostturkestan“ wiederherstellen, die es vor dem Einmarsch der Kommunisten für kurze Zeit gegeben hatte.