27.06.2005 · Amerika diskutiert längst nicht mehr nur in Fachzeitschriften über das Reich der Mitte: Chinesische Firmen kaufen amerikanische Unternehmen, Peking rüstet auf. Kommt jetzt das pazifische Zeitalter?
Von Matthias RübChina, immer nur China. In Amerika redet alle Welt von China. Was seit Jahren in außenpolitischen Fachzeitschriften wie „Foreign Affairs“ verhandelt wird, hat jetzt den Sprung auf die Titelseiten und in die Kommentarspalten aller wesentlichen Tages- und Wochenzeitungen sowie in die Hauptnachrichten im Fernsehen geschafft: China kommt - unaufhaltsam, immer rascher, vielleicht bedrohlich.
Der Anlaß für die neue Aufmerksamkeit war das Übernahmeangebot des drittgrößten chinesischen Ölkonzerns Cnooc für das texanische Ölunternehmen Unocal im Umfang von 18,5 Milliarden Dollar. Auch der amerikanische Ölmulti Chevron ist an der Übernahme von Unocal interessiert, hat bisher aber zwei Milliarden Dollar weniger geboten. Da Cnooc zu 70 Prozent in staatlicher Hand ist und sein Angebot für Unocal vor allem dank zinsfreier oder vergünstigter Kredite von chinesischen Staatsbanken unterbreiten konnte, sehen nicht nur Chevron-Mitarbeiter, sondern auch Analysten und politische Kommentatoren in dem Angebot den Versuch Chinas, neben wirtschaftlichen Interessen auch strategische zu verfolgen: Es wolle den wachsenden Durst der stetig wachsenden chinesischen Wirtschaft nach Erdöl und Gas notfalls auch in Konkurrenz zu Amerika stillen.
Japan bereitete einst ähnliche Sorgen
Den Verkauf der Sparte Personalcomputer des amerikanischen Bürogeräte-Giganten IBM an das chinesische Unternehmen Lenovo verschmerzte die amerikanische Volksseele ohne vernehmbares Seufzen. Und beim vorliegenden Übernahmeangebot des chinesischen Haushaltsgeräteherstellers Haier aus dem ostchinesischen Qingdao für die verschuldete amerikanische Firma Maytag - im Umfang von 2,25 Milliarden Dollar - mag es nur um so etwas wie Hausfrauen-Nationalstolz gehen: Es ist eben keine Waschmaschine amerikanischer als eine Maytag. Beim Erdöl aber hört der Spaß auf, denn da sind nicht nostalgische, sondern vitale nationale Interessen im Spiel.
Vor etwa anderthalb Jahrzehnten gab es schon einmal ähnliche und letztlich unbegründete Sorgen vor einem Ausverkauf der amerikanischen Wirtschaft an japanische Unternehmen. Doch Japan war damals und ist heute ein Verbündeter - politisch, geostrategisch, weltanschaulich. Bei China liegt der Fall anders. Und es ist eben ein Unterschied, ob China den Überschuß aus dem Handel mit den Vereinigten Staaten von zuletzt jährlich 160 Milliarden Dollar - das sind Tag für Tag etwa 438 Millionen Dollar - in festverzinslichen Papieren der amerikanischen Notenbank anlegt, oder ob staatliche chinesische Firmen amerikanische Privatunternehmen kaufen, zumal wenn es um den wichtigen Energiesektor geht.
Es beginnt das pazifische Zeitalter
Was in der außenpolitischen und geostrategischen Debatte in Amerika seit einigen Jahren Konsens ist, scheint nun auch ins Alltagsbewußtsein vieler Amerikaner hinabgesickert zu sein: Es ist nicht die Frage, ob China einmal mit Amerika auf gleicher Augenhöhe stehen wird, sondern wann. In der politischen und öffentlichen Debatte ist der Streit mit Europa wegen des Irak-Krieges aus mehreren Gründen inzwischen in den Hintergrund getreten. Wegen des Streits in der EU scheint Europa inzwischen als politischer und strategischer Akteur so schwach geworden zu sein, daß es selbst hartgesottenen amerikanischen Neokonservativen schon zuviel ist. Denn trotz des Zwists der im Kalten Krieg noch unzertrennlichen atlantischen Partner wegen der amerikanisch geführten Invasion im Irak weiß hüben und drüben jeder, daß es in absehbarer Zeit keinen ernsthaften, gar militärischen Konflikt zwischen Amerika und Europa geben wird.
Angesichts der großen Herausforderungen im Nahen Osten, bei der Befriedung des Iraks und Afghanistans und im Krieg gegen den Terror sehen die Vereinigten Staaten Europa als einen potentiell starken Partner - oder wenigstens potentiell starke Partner in Europa. Über den Atlantik mögen Gewitterwolken nach Westen treiben hertreiben, die von einer Renaissance des nationalen Ehrgeizes und von einem grassierenden Antiamerikanismus in Europa zeugen. Heftige Stürme, die zu tiefen Erschütterungen führen können, sind aber nur über dem Pazifik zu erwarten: Es beginnt das pazifische Zeitalter.
Ist China Freund oder Feind?
Was aber wird der aufsteigende Riesendrache China sein: Freund oder Feind, Partner in der Epoche der Globalisierung oder zunehmend nationalistischer Konkurrent, ein Heer von 1,3 Milliarden Konsumenten oder eines von Hunderttausenden Soldaten? Die Wirtschaftsleistung Chinas ist heute in absoluten Zahlen etwa halb so groß wie jene der Vereinigten Staaten, auch wenn das relative Einkommen pro Kopf in Amerika noch gut siebenmal so hoch ist wie in China. Doch in etwa drei Jahrzehnten könnte China in der absoluten Wirtschaftsleistung zu Amerika aufgeschlossen haben, denn die chinesische Wirtschaft dürfte auch künftig rascher wachsen als die amerikanische.
China gibt zudem in den vergangenen Jahren mehr Geld für Rüstung aus und liegt mit seinem Militärbudget in der Welt inzwischen auf dem zweiten Rang hinter Amerika. Mit wachsender Sorge beobachtet man im Pentagon, daß die chinesische Marine in den vergangenen zwei Jahren vor allem mit russischem Gerät rasch modernisiert und für den Transport von Truppen und Material aufgerüstet wurde. Zudem wächst die Flotte chinesischer Unterseeboote, das Arsenal von Mittel- und Langstreckenraketen wird aufgestockt, und mit der Fähigkeit, eigene Raketen in den Weltraum zu schießen, kann China seine strategischen Interessen auch jenseits der Atmosphäre verfolgen.
Mehr als Vermutungen kann niemand bieten
Konservative Militärstrategen und ehemalige Mitarbeiter des Pentagons lassen sich in den amerikanischen Medien mit der Meinung vernehmen, das chinesische Militär sei in den vergangenen zehn Jahren von einer Verteidigungsmacht in eine jedenfalls im asiatischen Raum überall einsetzbare Vorwärtsstreitmacht umgebaut worden. Trotz der versuchten Geheimhaltung chinesischer Rüstungsprogramme sei seit 1999 eine beschleunigte Aufrüstung zu erkennen. Manche sprechen gar von einem neuen Rüstungswettlauf mit einer aufsteigenden Supermacht, deren Ziel es sei, die Vereinigten Staaten zu überholen und einzudämmen.
Dieses düstere Szenario wird zwar nur von einer Minderheit entworfen, doch unter Fachleuten wie in der Öffentlichkeit wächst die Sorge über China. Anders als die Europäer haben die Vereinigten Staaten als global agierende Weltmacht umfangreiche strategische Interessen und Verpflichtungen in Asien. Taiwan ist auf die Schutzmacht Amerika angewiesen. Washingtons Verbündeter Japan sieht sich abermals einem historischen Konkurrenten ausgesetzt, der seine wirtschaftliche Macht zunehmend in politischen Einfluß in der Region ummünzt. Die aufstrebende Atommacht Nordkorea gilt es einzudämmen. Was wird China bei alldem tun? In Amerika redet alle Welt über China, aber mehr als Vermutungen kann niemand bieten.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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