21.06.2005 · Chinas offizielle katholische Kirche hofft auf Benedikt XVI. und mehr Freiheit. Doch viele Katholiken der Untergrundkirche zweifeln am guten Willen ihrer Regierung und verweigern eine Annäherung.
Von Petra KolonkoIn Deutschland, der Heimat des neuen Papstes, sei er gerade gewesen, und auch in Italien habe er noch Papst Johannes Paul II. gesehen.
Der alte Mann, der stolz von seiner privaten Pilgerreise nach Europa berichtet, ist chinesischer Katholik und Funktionär der "Patriotischen Vereinigung der katholischen Kirche" und somit Amtsträger einer Institution, zu deren Zielen es eigentlich gehört, die Katholiken Chinas von der "Beeinflussung" durch den Vatikan fernzuhalten. Doch auch er verehrt den Papst, und die Reise nach Rom war der Traum seines Lebens.
Auch die „patriotische“ Kirche ist Rom nahe
Der Papst gehört nicht mehr nur Chinas katholischer Untergrundkirche, die ihm über sechs Jahrzehnte der kommunistischen Verfolgung die Treue gehalten hat. Auch Chinas offiziell anerkannte "patriotische" Kirche, die sich in den fünfziger Jahren vom Papst losgesagt hat, ist der Kirche in Rom näher, als es nach außen den Anschein hat.
Obwohl die chinesische Regierung per Dekret verordnet hatte, daß über den Tod von Johannes Paul II. und die Wahl von Benedikt XVI. in chinesischen Medien nur in knappen Nachrichten berichtet werden durfte, haben die Katholiken in China doch Wege gefunden, die Fernsehübertragungen von den Messen und Feierlichkeiten in Rom zu sehen.
Video- und CD-Aufzeichnungen kursieren unter den Gläubigen. Junge Priester sinnen darauf, als Touristen nach Deutschland zu fahren, um am Weltjugendtag teilzunehmen und den Papst zu sehen.
Vorsichtige Annäherung
In den Wohnungen von Chinas Gläubigen und Priestern hängen Fotos vom Papst. Es gibt offizielle und weniger offizielle Kontakte mit Rom und mit den katholischen Gemeinden im Ausland. Die Priester und viele der Gläubigen sind gut informiert über die neuesten Nachrichten aus dem Vatikan.
Mehr als zuvor fühlen sich Chinas Katholiken der Weltkirche verbunden. Jetzt warten sie darauf, ob es unter Benedikt XVI. eine Annäherung zwischen dem Vatikan und der Volksrepublik China geben wird, die, so hoffen die Priester und Gläubigen, eine Erleichterung für die Kirche in China bringen wird.
Aus Rom hat es erste positive Gesten gegeben. Schon kurz nach seiner Wahl hatte Benedikt XVI. bei einer Audienz erwähnt, er hoffe, daß auch jene Staaten, die noch keine Beziehungen zum Heiligen Stuhl pflegten, bald einen Vertreter dort haben würden. Das ziele, so wurde vom Vatikan nachher eindeutig erklärt, auf Vietnam und China.
China fordert Zugeständnisse
Vor kurzem hat der Papst eine Gruppe chinesischer Akrobaten empfangen - ein Ereignis, das der Vatikanzeitung "L'Osservatore Romano" eine Nachricht wert war. Kirchenhistoriker wollen aus dem Namen, den sich der neue Papst gegeben hat, ein "China-Programm" ablesen. Der vorige Papst Benedikt hatte es zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglicht, daß 1926 erstmals chinesische Bischöfe in Rom geweiht wurden.
Die Bischofsernennung ist eine der Fragen, die der Aufnahme von Beziehungen zwischen China und dem Vatikan im Wege stehen. Die chinesische Regierung fordert zwei Zugeständnisse aus Rom.
Zum einen müsse der Vatikan die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abbrechen und die Volksrepublik anerkennen. Zum anderen dürfe er sich nicht in die Belange der chinesischen Kirche "einmischen". Mit "Einmischung" ist vor allem die Ernennung der Bischöfe gemeint.
Bischofsernennungen umstritten
Während der Vatikan der chinesischen Regierung schon vor einigen Jahren signalisiert hatte, daß er bereit sei, die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan aufzugeben, bleibt die Frage der Bischofsernennungen umstritten. Nach neuesten Schätzungen gibt es in China etwa 13 bis 14 Millionen Katholiken, davon etwa die Hälfte in der offiziellen Kirche.
In Kirchenkreisen ist bekannt, daß etwa zwei Drittel der insgesamt 74 Bischöfe der offiziellen chinesischen Kirche von Rom schon anerkannt sind. Aus Kirchenkreisen wird berichtet, Priester und Bischöfe der offiziellen Kirche fänden immer wieder Wege, damit auch die Kandidaten des Papstes offiziell ernannt würden. Offiziell liegt die Wahl der Bischöfe bei der chinesischen Bischofskonferenz. Ihre Wahl muß von den staatlichen Religionsbehörden genehmigt werden.
Staatliche Kontrolle aller Religionsgemeinschaften
Ein Konkordat wäre denkbar. Doch viele chinesische Gläubige, besonders die der Untergrundkirche, zweifeln am guten Willen der chinesischen Regierung. Die hat zwar nach dem Papstwechsel zu Protokoll gegeben, daß sie "ernsthaft" an einer Verbesserung der Beziehungen interessiert sei, und ist damit einen Schritt weiter gegangen als in der Vergangenheit, doch chinesische Priester warnen, die Regierung stehe keinesfalls unter Druck, dem Vatikan etwa in der Frage der Bischofsernennungen oder der Religionsfreiheit entgegenzukommen.
Beziehungen zum Vatikan bringen der chinesischen Führung keinen wirtschaftlichen oder praktischen Nutzen. Vielmehr, so fürchtet ein Seminarist aus Peking, sei die Regierung besorgt, daß nach einer Aufnahme diplomatischer Beziehungen der Einfluß des Papstes in China steigen würde. Die chinesische Kommunistische Partei hat nicht vergessen, was für eine Rolle die katholische Kirche beim Sturz des Kommunismus in Polen gespielt hat.
Die Religionspolitik der chinesischen Regierung hat sich nicht geändert. Im März dieses Jahres sind zwar neue "Bestimmungen zu religiösen Angelegenheiten" in Kraft getreten, in denen aber die bisherige strikte staatliche Kontrolle aller Religionsgemeinschaften festgeschrieben ist.
Untergrundkirche bleibt unversöhnlich
Damit darf Religion weiterhin nur in staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften ausgeübt werden, die wiederum von der Partei genau beobachtet werden. Die romtreue Untergrundkirche gilt weiter als illegal, und erst kurz nach der Papstwahl sind wieder sieben Priester der katholischen Untergrundkirche verhaftet worden.
Von Provinz zu Provinz ist die Auslegung der Religionsbestimmungen unterschiedlich, und so gibt es in einigen Teilen Chinas für die Katholiken größere Freiheiten als anderswo. Doch der Vatikan muß nicht nur die kommunistische Regierung zur Kooperation bewegen.
Auch viele der älteren Priester und Bischöfe der Untergrundkirche verweigern sich immer noch einer Versöhnung mit der offiziellen Kirche und sind strikt gegen eine Zusammenarbeit mit den kommunistischen Behörden, unter deren Verfolgung sie so lange gelitten haben.