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Chile Aus Liebe zum Diktator

 ·  In einem Theater in der chilenischen Hauptstadt Santiago ließ ein harter Kern von Verehrern den früheren Diktator Augusto Pinochet hochleben. Auf den Straßen lieferten sich Demonstranten und Polizisten Gefechte.

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Allzu spät hat sich Pablo Zalaquett, der Bürgermeister der chilenischen Hauptstadt Santiago, darauf besonnen, dass es besser gewesen wäre, die Veranstaltung zu verbieten. Die Bilanz am Ende war erschreckend: 20 verletzte Polizisten und Zivilisten, 64 verhaftete Personen, demolierte Fahrzeuge und verwüstete Geschäfte. An zehn Punkten in der Stadt hatten sich Demonstranten und Carabineros Gefechte geliefert, und das, weil sich in einem Theater im Zentrum von Santiago ein harter Kern von Verehrern des früheren Diktators Augusto Pinochet versammelt hatte, um ihn hochleben zu lassen.

Mehr als tausend Anhänger des vor fünfeinhalb Jahren verstorbenen Pinochet waren in das Caupolicán-Theater gekommen. Einer der Laudatoren war Augusto Pinochet Molina, Enkel des Diktators. Den Staatsstreich am 11. September 1973 habe sein Großvater angeführt, „aber Ihr alle habt geholfen. Kämpft immer für die Freiheit, verliert sie nie“, sagte der Pinochet-Nachkomme.

„Zwillingsseelen“ ehren verstorbenen Diktator

Ihm stand Miguel Menéndez Piñar, Enkel des frankistischen Politikers Blas Piñar, bei, der den spanischen Diktator Francisco Franco und Pinochet als „Zwillingsseelen“ bezeichnete. Höhepunkt der Veranstaltung war die Vorführung des Huldigungsfilms „Pinochet“, in dem auch der amtierende Präsident Sebastián Piñera mit pinochetfreundlichen Worten zitiert wird, doch vom Publikum ausgebuht wurde, weil er längst zu dem Diktator auf Distanz gegangen ist.

Die konservative Regierung Piñeras, der auch frühere Gefolgsleute des Diktators angehören, hatte die Veranstaltung nicht unterstützt, aber auch nichts unternommen, um sie zu verhindern. Sie hatte auch keinen Vertreter zur Teilnahme abgeordnet. Regierungssprecher Andrés Chadwick überraschte sogar mit einem persönlichen Bekenntnis: Er empfinde tiefe Reue darüber, dass er bei einem Regime mitgemacht habe, das brutale Menschenrechtsverletzungen begangen habe, sagte er im chilenischen Fernsehen.

Anhänger und Nutznießer

Die ohne äußeren Anlass von der „Korporation 11. September“ und der Union im Ruhestand lebender früherer Militärs gegen alle Widerstände organisierte Veranstaltung zeigt nach Ansicht politischer Beobachter, dass auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Militärdiktatur (1990) eine zwar kleine, doch einflussreiche gesellschaftliche Gruppierung die Herrschaft Pinochets gutheißt.

Sie bestehe vornehmlich aus Nutznießern von Pinochets liberaler Wirtschaftspolitik. Allerdings habe die an der Piñera-Regierung beteiligte, rechtsgerichtete Partei „Unabhängige Demokratische Union“ (UDI), ein Sammelbecken früherer Pinochet-Gefolgsleute, auch in den unteren Bevölkerungsschichten eine pinochetfreundliche Klientel herangezogen. Fachleute schätzen, dass etwa zehn bis 20 Prozent der chilenischen Gesamtbevölkerung den Pinochet-Sympathisanten zuzurechnen seien.

Ein eigens für die Militärs errichtetes Gefängnis

Während ihrer Veranstaltung forderten die Pinochet-Verehrer die Freilassung der für die in der Diktatur begangenen Menschenrechtsverletzungen verurteilten früheren Angehörigen der staatlichen Sicherheitskräfte. Kurz vor der Pinochet-Hommage hatte eine Studiengruppe der chilenischen Universität Diego Portales eine Bilanz zur Aufarbeitung der Diktatur veröffentlicht. Demnach sind inzwischen 76 Personen wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt worden. Von ihnen sitzen 67 derzeit im Gefängnis, vier sind inzwischen gestorben, die übrigen genießen verschiedene Formen von Haftverschonung.

Prominentester Gefangener ist der frühere Geheimdienstchef Manuel Contreras, der für einen Großteil der Fälle von Verschwundenen und Morden an politischen Häftlingen verantwortlich gemacht wird. Contreras ist zu insgesamt 239 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hat allerdings noch Dutzende weitere Prozesse zu gewärtigen. Nach offiziellen Angaben sind während der Pinochet-Diktatur 3200 Personen von den staatlichen Sicherheitskräften getötet worden. Von ihnen gelten 1192 als verschwunden, 38.000 Personen waren politische Gefangene oder sind verfolgt und gefoltert worden.

Anhänger fordern Freilassung von Geheimdienstlern

Besonders lautstark verlangten die Pinochet-Anhänger die Freilassung des früheren Heeresmajors Alvaro Corbalán, der ebenfalls an der Spitze des Geheimdienstes stand und zu lebenslanger Haft sowie zusätzlich zu 51 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Corbalán hält sich nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen nur selten in dem eigens für die inhaftierten Militärs 35 Kilometer nördlich von Santiago errichteten Gefängnis Punta Peuco auf. Er nutze seinen Einfluss, um sich für lange Perioden in das Militärkrankenhaus von Santiago abzusetzen, ohne dass er an einer schweren Krankheit leide. Er gilt als einer der Hauptorganisatoren der Pinochet-Hommage.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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