13.11.2007 · Hugo Chávez hat mit seinen Ausfällen gegen Juan Carlos die spanische Monarchie gestärkt und zugleich zwei politische Erzfeinde, Ministerpräsident Zapatero und dessen konservativen Vorgänger Aznar, einander näher gebracht. Von Leo Wieland, Madrid.
Von Leo Wieland, MadridWenn Hugo Chávez mit seinen Ausfällen gegen König Juan Carlos die spanische Monarchie stärken wollte, dann ist ihm das gelungen. Wenn der venezolanische Präsident zugleich zwei politische Erzfeinde, den amtierenden sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero und dessen konservativen Vorgänger José María Aznar, einander näherbringen wollte, dann ist ihm auch das geglückt.
Selten haben rhetorische Attacken auf den König von außen im Inneren eine solche Solidarisierungswelle bewirkt. Rechte und Linke stehen in Spanien vereint hinter dem Mann, der einst vor einem Vierteljahrhundert im Angesicht putschender Militärs nächtens „die Demokratie rettete“. Nur ein paar grüne Kommunisten und extreme katalanische Separatisten scherten aus dieser Phalanx aus.
Geschlossener Beifall
Die nicht als Frage, sondern als Aufforderung formulierten Königsworte „Warum hältst du nicht den Mund“ hat dem leutseligen und gewöhnlich auch gegenüber schillernden lateinamerikanischen Regierungschefs immer ausgesucht höflichen Juan Carlos den ziemlich geschlossenen Beifall seiner Landsleute eingetragen.
Derselbe Chávez, der Aznar auf dem Iberoamerikanischen Gipfel in Santiago de Chile einen „Faschisten“, „Rassisten“ und eine „Schlange“ gescholten hatte, wurde nun von den spanischen Politikern und Medien im Gegenzug als „Prolet“ und „Karikatur eines Caudillo“ abqualifiziert. Der König, der als Kronprinz lange Jahre den Diktator Francisco Franco vor Augen hatte, mochte auch an jenen Generalissimus gedacht haben, als er Chávez in die Parade fuhr. Aznar dankte es nicht nur ihm, sondern auch Zapatero mit raschen Telefonanrufen. Mit Letzterem hatte er nicht mehr geredet, seit er ihm vor dreieinhalb Jahren zum Wahlsieg gratulieren musste.
Image-Glückssträhne für den König
Der König, für den dieser Herbst mit antimonarchistischen Aufwallungen seitens rabiater republikanischer Linker und wenigstens in diesem Punkt gleichgesinnter Ultrarechter begonnen hatte, sieht sich nun unversehens inmitten einer Image-Glückssträhne. Als er Anfang Oktober auf die Bilderverbrennungen und Abdankungsaufrufe mit einer Rede an der Universität von Oviedo reagierte, in welcher er „die Stabilität und den Wohlstand“ des spanischen Verfassungsstaates unter dem Dach seiner parlamentarischen Monarchie pries, fand er aus der Sicht der großen Mehrheit seiner Untertanen den richtigen Ton.
Als er Anfang November bei seinem ersten offiziellen Besuch in den nordafrikanischen Enklaven Ceuta und Melilla – trotz oder gerade wegen der heftigen marokkanischen Proteste – mit patriotischem Eifer empfangen wurde, sammelte er weitere Bonuspunkte. Chávez machte nun, wenn auch unfreiwillig, das Maß voll.
Mehr als eine adelige Galionsfigur
In seiner Dreifachrolle als König, Staatsoberhaupt und Oberkommandierender der Streitkräfte ist Juan Carlos, der „herrscht, aber nicht regiert“, mehr als eine adelige Galionsfigur. Der noch von Franco eingesetzte „Erbe“ hatte es zunächst nicht leicht. Er „verdiente“ sich seinen Thron im nationalen Bewusstsein erst durch seine demokratische Gesinnung während der Übergangszeit (die Zulassung der Kommunistischen Partei eingeschlossen) und dann als Bremse der neofranquistischen Staatsstreicher.
Die Institution, die er verkörpert und die ihm nach der spanischen Carta Magna die Funktion des herausragenden Symbols der nationalen Einheit zuweist, ist in einem Land mit relativ starker republikanischer Unterströmung gegenwärtig zwar angesehen, aber nicht für alle Zeiten gesichert. Juan Carlos’ Sohn Felipe wird sich daher eines Tages so wie der Vater – der im nächsten Jahr siebzig wird – die Krone auf seine Weise noch verdienen müssen.
Integrationsgestalt und Brückenbauer
In der internationalen Politik hat der König durch sein umgängliches Wesen und seinen ausgeprägten Humor seit langem einen bemerkenswert einflussreichen Part gespielt. Aber Chávez hatte unrecht, als er ihm vorhielt, hinter dem Putschversuch gegen ihn in Venezuela im Jahr 2002 gesteckt zu haben, weil er doch „die Außenpolitik dirigiert“. Das tut nun einmal in Spanien die Regierung, die sich gelegentlich des Königs auch bei heiklen Angelegenheiten „bedient“ – oder aber nicht. Nach dem Konflikt mit Marokko wegen der Petersilien-Insel ging zum Beispiel der „Onkel“ Juan Carlos nicht zur Hochzeit seines „lieben Neffen“, des benachbarten Königs Mohammed VI., weil Aznar und die Umstände es nicht wollten.
Im Verhältnis mit Lateinamerika fungiert der Monarch indes gewollt als Integrationsgestalt und Brückenbauer. Er, der vor 32 Jahren den Thron bestieg, ist der einzige Staatschef, der an allen Iberoamerikanischen Gipfeln teilgenommen hat, seit diese im Jahr 1991 als alljährliche Veranstaltung ins Leben gerufen wurden. Seine freundliche Unparteilichkeit führte dazu, dass Argentinien und Uruguay bei der Zusammenkunft im vorigen Jahr in Montevideo sogar seine diplomatischen „guten Dienste“ bei ihrem Zwist wegen einer neuen Papierfabrik an ihrem Grenzfluss akzeptierten. In diesem Fall wurde der Vermittler aber jetzt ausgerechnet während des Zusammentreffens in Santiago (von Uruguay) desavouiert.
Die Spanier haben nach der Chávez-Schelte mit all ihren Zulagen, darunter Beschwerden, die bis zur „Entdeckung“ durch Kolumbus zurückreichen, genau registriert, wer in ihrer „Neuen Welt“ für und gegen sie sprach. Mit Chávez solidarisierten sich der Nicaraguenser Daniel Ortega und der Bolivianer Evo Morales. Sein politischer Mentor, der kubanische Máximo Líder Fidel Castro, unterstützte zwar seine Anwürfe „gegen Europa“, vermied aber jedes Wort der Kritik an Juan Carlos.
Mit diesem solidarisierte sich nach dem „Warum hältst du nicht den Mund“ nur der Peruaner Alán Garcia. Als es darauf ankam, schwieg der Rest, der Generalsekretär des Gipfels Enrique Iglesias eingeschlossen. Und zahlreiche spanische Kommentatoren monierten, dass die chilenische Gastgeberin Michelle Bachelet mit ihrer Bemerkung, man müsse das alles doch sogleich „entdramatisieren“, nicht gerade ein Bild der Führungskraft abgegeben habe.
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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