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Chameneis Freitagspredigt Das Machtwort des Ajatollahs

19.06.2009 ·  Der iranische Religionsführer Chamenei hat der Opposition eine unmissverständliche Botschaft verkündet: Hören die Proteste nicht auf, werde Blut fließen. Er will sich noch gedulden - einlenken aber nicht.

Von Rainer Hermann, Teheran
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Der Tag soll zur großen Kundgebung für die Islamische Republik werden, zur Gegendemonstration gegen die Proteste der vergangenen Woche. Verschleierte Frauen drängen auf einen Seiteneingang der Universität zu, wo sie hinter einem Vorhang zur Personenkontrolle entschwinden, und die Männer ziehen auf der „Straße der Revolution“ zum Hauptportal der Universität. Sie halten ein Poster des religiösen Führers Chamenei in die Höhe. Sie verwünschen Amerika, die Engländer und Israel. Einige Rufer verwünschen auch den britischen Sender BBC, der wegen seiner unerschrockenen Berichterstattung den Machthabern mehr als nur ein Dorn im Auge geworden ist.

Für alle ausländischen Journalisten ist das Arbeiten aber schwieriger geworden. Sie hatten für die Akkreditierung zur Freitagspredigt viel Geld bezahlt, aber es wird keiner eingelassen. Selbst Kameraleute und Fotografen, die seit Jahrzehnten aus Iran berichten, werden zurück auf die Straße geschickt. Nur für 5.000 handverlesene Gäste öffnet sich im Tor ein Spalt, um auf dem ehemaligen Fußballplatz der Universität Chamenei bei seiner mit viel Spannung erwarteten Freitagspredigt direkt zu sehen. Hunderttausende drängen sich in den anliegenden Straßen und Gassen.

Der Führer der Protestbewegung, Mussawi, hat seine Anhänger aufgerufen, nicht teilzunehmen. Er selbst will ja nicht hinter Chamenei beten. Hubschrauber kreisen um das Universitätsgelände. Am vergangenen Montag hatte sich Chamenei in einem Hubschrauber selbst einen Eindruck von der größten Kundgebung seit der Revolution gemacht.

„Tod Amerika“

Das Vorprogramm zu Chameneis Freitagspredigt beginnt mit der Rezitation aus dem Koran, dann ergreift ein Einpeitscher das Mikrofon. „Hoch lebe unser Führer Chamenei“, dröhnt es aus den Lautsprechern. „Hoch lebe die Erinnerung an Chomeini, und Amerika ist die Mutter allen Unheils.“ Von dem Gelände und von den Straßen hallt der Ruf „Tod Amerika“ lange nach. Einige in melancholischem Ton vorgetragenen Gebetschoräle verschaffen Ruhe, selbst wenn auch sie nicht ohne Verweise auf „die Soldaten Gottes“ auskommen.

Dann greift der Einpeitscher wieder ein. 40 Millionen Muslime hätten bei der Wahl vor einer Woche ihre Stimme abgegeben, und das sei ein „Fest für das ehrenvolle iranische Volk“ gewesen. Der Feind sei damit enttäuscht worden. Er gibt den Tenor der folgenden Predigt vor. „Es ist uns eine Ehre, dem Führer zu folgen“, verkündet die anonyme Stimme. Dann heißt es an die Adresse Präsident Ahmadineschads: „Oh Mahmud, du Sohn des Führers, hier wird deinem Sieg gratuliert.“

Noch einmal setzen Heiligenlitaneien ein, ein neuer Einpeitscher übernimmt das Mikrofon. „Alle Muslime der Welt, vereint euch“, kreischt er. „Euer massenhaftes Zusammentreten bei der Wahl war das Zeichen, dass Ihr vereint gegen Amerika steht.“ Seine Stimme überschlägt sich. „Tod Amerika“, hallt es über Minuten. Dann wird wieder Israel verflucht. Der Geist von Ruhollah Chomeini sei über die Menge gekommen, stellt er nun befriedigt fest, und als sich herumspricht, dass Chameneis Eintreffen bevorstehe, lärmt es wie in einem vollen Fußballstadion.

Zwei Stunden spricht er frei

Die dramaturgische Vorbereitung ist abgeschlossen. Chamenei fährt nun in einem Geländewagen durch das Tor, und berauscht rufen die Massen: „Gäbe mir Chamenei nur den Befehl zum Dschihad!“

Ohne sich aufzuhalten, fängt der Ajatollah mit heller Stimme an, leise zu sprechen. Zusätzliche Lautsprecher werden eingeschaltet, das Echo wird verstärkt. Wie jeder gute Geistliche braucht er kein Manuskript, keine Notizen, um zwei Stunden frei zu reden. Er spricht konzentriert und auf ein Finale zusteuernd.

Fast beiläufig setzt Chamenei mit einer Begebenheit aus dem sechsten Jahr nach der Hidschra ein, der Auswanderung Muhammads von Mekka nach Medina. Da habe es ein Ereignis gegeben, das den Propheten und seine Anhänger sehr besorgt habe, doziert er. Nahe sei der Feind gewesen, und in Medina habe eine fünfte Kolonne der Feinde aus Mekka gegen den Propheten intrigiert.

Allah habe den Propheten aber zur Geduld ermahnt. Dadurch sei das Herz der Feinde ausgeleuchtet worden, und der wahre Glaube habe tief in ihre Herzen eindringen können. Die Gläubigen aber hätten selbst entschlossener handeln und somit ihre Ziele erreichen können.

Theologie und Politik verschmelzen

Der Rückgriff auf eine Episode des frühen Islam ist nicht nur religiöse Erbauung. Er hat direkt mit dem heutigen Konflikt zu tun. Auch er werde zunächst also einmal Geduld haben, werde eine Taktik des Hinhaltens einschlagen, verkündet Chamenei indirekt. Immer wieder fließen Theologie und Politik ineinander.

Im nächsten Satz ist Chamenei schon in der Gegenwart. Jedes Volk kenne politische Spannungen, belehrt er seine Zuhörer. Ganz natürlich sei es, dass eine Gruppe das eine wolle und die andere Gruppe das andere. Das dürfe sie aber nicht vom Ziel abbringen, eine höhere, religiöse Gesellschaft ohne materialistische Verführungen zu schaffen.

Dann wird Chamenei vom religiösen zum Revolutionsführer. Mit der hohen Wahlbeteiligung von 85 Prozent habe Iran der Welt seine „religiöse Demokratie“ demonstriert. Gescheitert sei der Feind, das Vertrauen in die Islamische Republik zu zersetzen und deren Legitimation auszuhöhlen. Jeder, der gewählt habe, habe seine Stimme für die Islamische Republik abgegeben, und jeder der vier Kandidaten stehe fest auf dem Boden dieser Republik. „Selbst wenn sie unterschiedliche Programme haben, sie gehören alle zu uns.“

Chöre für „Ahmadi“

Um die Schaffung von Konsens bemüht, kritisiert Chamenei Präsident Ahmadineschad einmal, dann lobt er ihn wieder. Ahmadineschad habe in Frage gestellt, was die Islamische Republik in dreißig Jahren geschaffen habe - etwa durch seine Angriffe gegen den früheren Präsidenten Rafsandschani, tadelt Chamenei. Was er an Korruptionsvorwürfen gegen Rafsandschani vorgetragen habe, stimme nicht, „vielleicht aber bei seinen Verwandten“. So wurde am Donnerstag ein Ausreiseverbot gegen einen Sohn und eine Tochter Rafsandschanis verhängt, da sie sich an der Organisation illegaler Aktivitäten beteiligt hätten.

Rafsandschani aber kenne er, Chamenei, seit 52 Jahren. Rafsandschani sei einer der wichtigsten Kämpfer vor und nach der Revolution gewesen, habe das politische System der Islamischen Republik „zu keiner Sekunde“ alleine gelassen, lobt ihn der Führer. Allerdings vertrete er, Chamenei, in der Auseinandersetzung mit Ahmadineschad eher die Position des Präsidenten. Wieder skandierende Chöre für „Ahmadi“.

Der anfänglich weiche Vortragston ist längst scharf und angespannt. Die Islamische Republik fälsche keine Stimme und keine Wahl, behauptet Chamenei. Der Wächterrat werde auf seine Weisung hin alle Einsprüche hören. Auf keinen Fall werde er aber das Begehen illegaler Wege dulden. Die Mienen der Polizisten neben uns verdüstern sich. Sie werden also Knüppel einsetzen müssen. „Machte ich das nicht, würde keiner mehr Wahlen vertrauen.“

Drohungen an die Opposition

Das Finale ist vorbereitet. Auf den Politikern Irans laste nun die Aufgabe, in einer instabilen Welt die Stabilität des Landes zu wahren. Würden da die Politiker „radikal“ - dieses Etikett hängt die Staatspresse der Bewegung Mussawis an -, hätte das die Radikalisierung der gesamten Bevölkerung zur Folge. Sie wären dann verantwortlich für das Blut, das vergossen würde, warnt er sie.

„Wahlen bedeuten, dass Differenzen an den Wahlurnen gelöst werden, nicht auf der Straße.“ Es gehe nicht an, dass Verlierer auf die Straße gingen. Es gehe nicht an, die Wahl in Frage zu stellen. Wer das tue, trage die Verantwortung für die Unruhen, die daraus folgten. Schon wieder die Drohung mit einem Blutbad.

Kein Jota will Chamenei zurückweichen: „Sie können uns ihren Willen nicht aufzwingen.“ Sollte die Opposition damit fortfahren, käme er an diese Stelle zurück, würde Namen nennen und ein Machtwort sprechen. Die Wucht der Begeisterungsbekundungen nimmt zu. „Oh Führer, wir sind bereit“, rufen die Massen.

Die Massen weinen

Chamenei legt noch einmal nach. Die Politiker des Westens ließen in diesem Konflikt ihre Maske fallen und nutzten die Proteste zu ihren Gunsten, sagt er. Es ekele ihn an, wie der Westen über Menschenrechte rede, derselbe Westen, der Afghanistan, den Irak und Palästina auf dem Gewissen habe. Die Islamische Republik verteidige aber überall dort die Rechte der Menschen, wo diese unterdrückt würden.

Jetzt muss Chameneis entscheidende Botschaft kommen, muss er alle Fäden zusammenführen: „Mein Leben ist nicht viel wert, und mein Körper ist der eines Invaliden“, sagt er. Die Massen fangen zu weinen an. Nochmals wird Chameneis Stimme schärfer. „Ich opfere mich der Revolution, und ich schenke mich euch.“

Der entrückte 12. Imam, der am Ende aller Zeiten wiederkehrt, der „bete für uns“, bittet Chamenei. Der 12. Iman sei der Herr der Revolution, er werde die hier Versammelten unterstützen, hinter ihnen stehen. Seine Worte gehen im nicht enden wollenden Schlachtruf unter: „Oh Führer, wir sind bereit.“

Bereit zu sterben, bereit zu töten

Die Freitagspredigt ist beendet, das Freitagsgebet setzt ein. Der Kreis der Freitagspredigt, der mit der frühislamischen Episode begonnen hat, schließt sich nun mit dem Hinweis auf die Erlöserfigur des schiitischen Islams - und der Androhung von Gewalt. Noch eine Weile will Chamenei Geduld haben, er bleibt aber kompromisslos.

Wer bereit ist zu sterben, der ist auch bereit zu töten. Das Johlen seiner Anhänger zeigt, dass sie die Botschaft, die sie erwartet haben, verstehen. Falls die Bewegung Mussawis nicht einlenkt, wird sie mit Gewalt ausgeschaltet, lautet sie. Die Polizisten schauen betreten zu Boden. Sie wissen, was ihnen bevorsteht.

Auf Mussawi lastet nun eine große Bürde. Entweder beugt er sich und gibt auf, oder er setzt das Leben seiner Anhänger aufs Spiel. Nach dem Gebet öffnet der Himmel seine Schleusen zu einem Wolkenbruch, und ein Sturm setzt über Teheran ein.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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