Home
http://www.faz.net/-gq5-742r3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Camerons Chef-Berater Der Dirigent

Bei Jeremy Heywood läuft die britische Tagespolitik zusammen. Nie wurde er gewählt, und doch wird ihm eine bislang unerreichte Machtfülle zugeschrieben. Besonders wenig Sympathie bringen ihm die EU-Kritiker entgegen.

© Photoshot Vergrößern Kabinettssekretär Jeremy Heywood

„Ist Jeremy Heywood Britanniens mächtigster Mann?“, fragte der „Daily Telegraph“ unlängst. Diesen Eindruck vermitteln nicht zuletzt Minister, die sich vom einflussreichsten Staatsbeamten kontrolliert und gesteuert fühlen. Heywood dirigiert nicht von außen, etwa als höchster Richter oder oberster Rechnungsprüfer, sondern aus dem Machtzentrum. Sein Schreibtisch steht in Downing Street 10, und auf diesem läuft alle Tagespolitik zusammen. Als hätte er damit nicht genug zu tun, übertrug ihm Premierminister Cameron nun auch noch die Koordination der politisch sensiblen Kampagne für den Verbleib Schottlands im Königreich.

Jochen Buchsteiner Folgen:    

Über die Macht des „cabinet secretary“ ist immer viel geschrieben worden. Das liegt am Amt und seinen Befugnissen. Der Kabinettssekretär sitzt bei jeder Kabinettssitzung neben dem Regierungschef, er wacht sogar über die Kabinettsdisziplin. Im Fall Jeremy Heywood kommen persönliche Besonderheiten hinzu. Er verbindet ausgeprägten Gestaltungswillen mit hoher Effizienz - und verfügt, nach Erfahrungen mit mittlerweile drei Premierministern über viel Herrschaftswissen.

Ausgebildet an den Universitäten Oxford, London School of Economics und Harvard, wurde der Wirtschaftsfachmann mit 30 persönlicher Referent des konservativen Schatzkanzlers Norman Lamont. Nach dem Regierungswechsel diente er Schatzkanzler Gordon Brown, bis ihn Premierminister Tony Blair in der selben Funktion in die Downing Street 10 holte. Von dort wechselte er für fünf Jahre zur Bank Morgan Stanley, um dann Blairs Nachfolger Gordon Brown in dessen letzten beiden Amtsjahren zu dienen. Im vergangenen Herbst machte ihn dann David Cameron zu seinem Chef-Berater.

Viel Einfluss, aber nie gewählt

Obwohl die Zuständigkeiten des Amtes verringert wurden - der Kabinettssekretär ist heute nicht mehr für den gesamten Beamtenapparat der Regierung zuständig -, wird dem erst 50 Jahre alten Heywood eine bislang unerreichte Machtfülle zugeschrieben. Ein früherer Stratege aus Downing Street drückte das so aus: „Hätten wir eine geschriebene Verfassung, stünde darin in etwa: Abgesehen von der Tatsache, dass Jeremy Heywood immer im Zentrum der Macht sein wird, sind wir freie und gleiche Bürger.“

Minister und andere Politiker kommentieren mit Erstaunen, manche auch mit Unbehagen oder Neid, dass jemand, der nie gewählt wurde, so viel Einfluss auf das politische Geschäft nehmen kann. Heywoods Einschätzung werde automatisch zur Linie des Premierministers, lautet die Klage derer, die darunter schon gelitten haben. Besonders wenig Sympathie bringen ihm die EU-Kritiker entgegen. In seinem Amtszimmer steht eine Büste von Mahatma Gandhi.

Der stets diskret auftretende Kabinettssekretär wirkt nahezu unangreifbar. Mehr als 2000 Euro rechnet er jeden Monat für seine Dienstfahrten mit Chauffeur ab - ein Kostenpunkt, der kürzlich die Boulevardpresse erregte. Aber es genügte eine geschäftsmäßige Bemerkung von Heywoods Sprecher, um die Sache von Tisch zu fegen: Der „cabinet secretary“ müsse eben auch im Auto für das Königreich arbeiten.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
London Luxushotel weist Mutter beim Stillen zurecht und erntet Protest

Ungewöhnlicher Anblick im Londoner Nobelviertel Mayfair: Vor einem Fünf-Sterne-Hotel saßen mehr als 40 Mütter auf dem Gehweg und stillten ihre Kinder. Der Aktion war ein Vorfall im Hotel vorausgegangen. Mehr

07.12.2014, 10:44 Uhr | Gesellschaft
Nationalisten räumen Niederlage ein

Nach dem Referendum in Schottland haben die Nationalisten ihre Wahlniederlage anerkannt. Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich erleichtert: Mehr

19.09.2014, 09:32 Uhr | Politik
Anonymous Barrett Brown Märtyrer der Pressefreiheit oder Krimineller?

Barrett Brown galt als Sprecher des Hacker-Kollektivs Anonymous. Seit zwei Jahren sitzt er in Untersuchungshaft. Ihm drohen etliche Jahre Gefängnis. Warum eigentlich? Eine Spurensuche. Mehr Von Jan Ludwig, Dallas

15.12.2014, 17:24 Uhr | Feuilleton
Cameron über das Schottland-Referendum

Der britische Premierminister David Cameron gab in New York ein paar Einblicke in seine Gemütslage zum Thema Unabhängigkeitsreferendum in Schottland. Beim Gespräch mit Michael Bloomberg nehmen die Mikrofone der Kamerateams mehr auf, als ihm lieb sein kann. Mehr

24.09.2014, 14:20 Uhr | Politik
CIA London gibt Einflussnahme auf Folterbericht zu

Aus Gründen der nationalen Sicherheit: Die britische Regierung hat nun doch zugegeben, dass auf ihre Intervention Passagen aus dem CIA-Bericht gelöscht wurden. Dabei sei es aber nicht um Hinweise auf britische Beteiligung an Folter gegangen. Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

12.12.2014, 17:45 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 02.11.2012, 13:53 Uhr

Abschied von der Mutter

Von Reinhard Müller

Der Bundesgerichtshof hat den Weg zur Leihmutterschaft freigemacht. Leibliche Mutterschaft spielt keine Rolle mehr, die Leidtragenden sind die Kinder. Mehr 8 31