11.01.2008 · Es ist der erste Besuch eines amerikanischen Präsidenten in Ramallah. Tausende Sicherheitskräfte versetzen die Stadt in einen Belagerungszustand. George W. Bush spricht von einem „Friedensvertrag“, Arafats Mausoleum lässt er links liegen.
Von Matthias Rüb, RamallahDas Wetter meinte es am Donnerstagmorgen nicht gut mit George W. Bush. Statt wie geplant mit seinem Diensthubschrauber „Marine One“ von Jerusalem nach Ramallah zu fliegen, musste der Präsident den Landweg zum historischen ersten Besuch eines amerikanischen Präsidenten im Westjordanland nehmen. Es bot sich ihm kein schöner Anblick. Nicht nur des Nebels wegen, der die schmucken jüdischen Siedlungen auf den Hügeln vor den Toren Jerusalems, einen israelischen Kontrollpunkt und die gewaltige Betonschutzmauer mit dem Stacheldrahtverhau darauf, dazu die Olivenhaine auf dem Weg nach Ramallah und schließlich die Hochhäuser in den Außenbezirken der Hauptstadt des Westjordanlandes einhüllte.
Auch sonst war in Ramallah nichts zu sehen, was auch nur annähernd an so etwas wie Alltag oder gar wirtschaftliches Fortkommen hätte erinnern können. Außer den schwerbewaffneten, mit Helm und schusssicherer Weste ausgerüsteten palästinensischen Sicherheitsleuten war keine Menschenseele zu erspähen. Sämtliche Straßen waren für den Autoverkehr und auch für Fußgänger gesperrt. An jeder Kreuzung gab es eine Kontrollstelle. Sämtliche Geschäfte waren verriegelt und verrammelt, an der Al-Huda-Tankstelle wurde kein Benzin verkauft. Nicht einmal die Balkone und Dächer ihrer Häuser durften die Anwohner während des gut vierstündigen Besuchs von Präsident Bush betreten.
Ramallah im Belagerungszustand
Allein die Gegend um die Mukataa, den Amtssitz von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, wurde von mehr als 4000 Polizisten und Milizionären abgeriegelt. Erst am frühen Nachmittag, als Bush nach Bethlehem zum Besuch der Geburtskirche Christi weiterreiste, lockerte sich der Belagerungszustand von Ramallah.
Bush war zum Amtssitz von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas gekommen, um mit ihm über seine Vision eines demokratischen Palästinenserstaates, der Seite an Seite mit Israel leben soll, zu sprechen. Bush ist nicht der erste amerikanische Präsident, der einem politischen Führer der Palästinenser in dessen besetztem Territorium die Aufwartung macht. Vor gut neun Jahren, im Dezember 1998, war Bill Clinton zu Besuch in Gaza-Stadt. Damals war noch Jassir Arafat der unangefochtene politische Führer der Palästinenser, und er empfing einen „Führer der freien Welt“, der seinerzeit im Nahen Osten und in aller Welt weit weniger umstritten war als es dessen Nachfolger heute ist.
Was Clinton misslang, will George W. Bush nun erreichen, und zwar „mit einem Vertrag“ bis Ende dieses Jahres, wie er in Ramallah bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Abbas bekräftigte. (Siehe auch: Bush und Abbas: Friedensvertrag bis Ende 2008) Wie verwegen dieses Vorhaben ist, zeigt schon die Vorstellung, wie der amerikanische Präsident heute im Gazastreifen von der dort seit Juni herrschenden radikal-islamischen Hamas empfangen würde. Mit Abbas aber, den Bush ein ums andere Mal als Mann des Friedens pries, verbindet Bush inzwischen ebenso eine Freundschaft wie mit dem israelischen Ministerpräsidenten Olmert. Bush und Abbas begrüßten sich mit freundschaftlichem Kuss und hielten sich, wann immer es die Gelegenheit erlaubte, fest an den Händen.
Kein Kranz für Arafat
So entschieden wie Bush zu den jeweils im eigenen Lager angeschlagenen politischen Führern der Israelis und der Palästinenser steht, so konsequent war er bis zuletzt in seiner Ablehnung Arafats. Der verbrachte in der Mukataa, unter israelischem Hausarrest und Beschuss, nicht nur seine letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod im November 2004, sondern er liegt dort auch begraben – in einem opulenten Mausoleum, das Abbas erst kürzlich aus Anlass des dritten Todestages Arafats eingeweiht hat.
Ein Porträt Arafats, im charakteristischen breiten Lächeln, hing bei der Pressekonferenz in der Mukataa über Bush, der seinerseits aber konsequent an seiner Politik der Nichtbegegnung mit Arafat festhielt – selbst über dessen Tod hinaus. Anders als bei Besuchen von ausländischen Würdenträgern üblich blieb Bush dem Mausoleum Arafats fern und legte auch keinen Kranz nieder. Zwar hatten sich die Palästinenser enttäuscht gezeigt, dass man in Washington diese protokollarische Selbstverständlichkeit von Beginn der Reiseplanungen an kategorisch abgelehnt hatte, hängte den Dissens aber nicht an die große Glocke.
Arafats Begräbnisstätte in Ramallah ist trotz ihrer Opulenz, die bisher 1,7 Millionen Dollar gekostet hat, nur eine provisorische, denn seine letzte Ruhe soll er im befreiten Jerusalem finden, der künftigen Hauptstadt eines unabhängigen Palästinenser-Staates. Es wäre fraglos eine besonders ironische Wendung der Geschichte, wenn ausgerechnet Bush Arafat zur Erfüllung dieses Herzenswunschs verhülfe.
"Im befreiten Jerusalem"?
Christoph Niederkleine (C.Niederkleine)
- 10.01.2008, 19:44 Uhr
Bushs Friedensgequatsche ohne Arafats Mausoleum
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 10.01.2008, 22:20 Uhr
George Bush befriedet den Nahen Osten!!
Frank Neuhaus (frankalex1)
- 11.01.2008, 14:27 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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