17.11.2003 · Der amerikanische Präsident George W. Bush besucht diese Woche seinen wichtigsten Verbündeten Tony Blair in London. Viele Briten sehen darin einen Affront.
Von Bernhard Heimrich, LondonSelten ist der Auftritt eines amerikanischen Präsidenten so glänzend vorbereitet worden, aber selten hat er von seinen Gastgebern auch so viel Selbstverleugnung verlangt wie der Besuch, zu dem George Bush diese Woche nach Großbritannien kommt.
Schon die Proteste auf den Straßen Londons versprechen der "Special Relationship" einen neuen Kontrapunkt zu setzen. Nicht nur das Irak-Syndrom legt einen Schatten auf das Gepränge. Auch zwei andere, durchaus nicht gefeierte amerikanische Besucher namens "Caloosahatchee" und "Canisteo" drohen die gute Laune zu verderben. Aber wenigstens Botschafter Craig Murray, ein allzu penetranter Menschenfreund im undiplomatischen Dienst Ihrer Majestät, ist am Wochenende vorsorglich in die usbekische Steppe abgereist worden, wohin er auch gehört.
Erinnerungen an Präsident Wilson
Bush bleibt von Dienstag abend bis Freitag morgen. Er kommt nicht zum erstenmal, und auch für seine Vorgänger ist hier immer wieder der rote Teppich ausgerollt worden. Doch nach Maßgabe des Protokolls ist es der erste Staatsbesuch aus Washington seit Beginn der Amtszeit Elisabeths II. 1952, wenn nicht gar seit Woodrow Wilsons Aufenthalt 1919. Bill Clinton wäre 1998 herzlich gern als Staatsbesucher gekommen; doch wegen des damaligen Aufhebens um Fräulein Lewinskys lockere Moral wurde es nur ein "Besuch". Bush senior ist zwar Gast im Palast gewesen, doch nur zum Essen. Präsident Reagan hatte 1982 im Schloß Windsor gewohnt; doch Windsor Castle ist das private Wochenendhaus der Königin. Nur Präsident Wilson hatte sein Quartier in jener Einliegerwohnung im Buckingham-Palast gehabt, die für Staatsgäste abgestaubt wird.
Die Festredner werden für diese Eselsbrücke dankbar sein. 1919 war Wilson gekommen, um nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die zertrümmerte alte Welt im Sinn seiner wohlgemeinten "14 Punkte" neu zu ordnen. Heute kommt Bush, um eine andere Neuordnung der Welt zu begehen. Doch der Vergleich ist heikel. Der Friedensvertrag von Versailles, Anlaß der Reise Wilsons, hatte die Welt schließlich doch nicht sicherer und schöner gemacht. Und wohin die Reise geht, die zuerst nach Afghanistan und dann in den Irak geführt hat, ist heute schwieriger vorauszuahnen denn je.
Bärenfellmützen und Gardekavallerie
Aber vermutlich bestimmt nicht der internationale Kalender den Termin, sondern der amerikanische. Der Thanksgiving-Feiertag und die Herbstferien des Kongresses stehen vor der Tür. Die Innenpolitik hat also Pause, und die amerikanische Öffentlichkeit hat Zeit, ihren feierlichen Präsidenten im Frack zu betrachten. Für den beginnenden amerikanischen Wahlkampf könnte es kein besseres Tableau geben als Old England, die Bärenfellmützen und die Gardekavallerie. Königin Elisabeth und Tony Blair kommen zudem selbst einem amerikanischen Wähler auf Anhieb bekannt vor.
Der politische Nutzen ist aber einseitig. Bush wäre Blair als Wahlhelfer so willkommen wie Leibweh. Nach einer Umfrage der vergangenen Woche meint mehr als die Hälfte der Öffentlichkeit, die Beziehungen zu Bush seien zu eng und schadeten Großbritannien. In einem Leitartikel des "Daily Mirror", des Boulevardblattes für den einfacheren Anhänger Labours, liest man: "Britannien organisiert großes Zeremoniell besser als jedes andere Land der Welt. Laßt uns das nicht verschwenden an George W. Bush!" Zu den Gebildeten unter Bushs Verächtern hat die Schriftstellerin Doris Lessing gesagt, Blair renne herum wie ein Kaninchen, um den Amerikanern zu Diensten zu sein. Blairs erster Außenminister Cook nennt heute den Staatsbesuch "einen Affront für unsere nationale Würde". Deshalb wird der Präsident seine Rede auch nicht im Parlament halten, wo einige Abgeordnete, die hier Hausrecht haben, ungezogen werden könnten, sondern in einem Saal vor gefiltertem Publikum. Schon die Empfangszeremonie am Mittwoch morgen findet nicht auf dem üblichen offenen Paradeplatz der Garde statt, sondern hinter dem Eisenzaun des Buckingham-Palastes.
"Caloosahatchee" und "Canisteo"
George Bush wird wieder gehen, doch "Caloosahatchee" und "Canisteo" bleiben. So heißen zwei verrostete amerikanische Schiffe, die in der vergangenen Woche im nordenglischen Hartlepool festgemacht haben. Wenn alles schlechtgeht, werden noch elf andere Seelenverkäufer folgen. Die Geisterflotte ist derart mit Umweltgift verseucht, daß nicht einmal die amerikanischen Firmen bereit waren, sie zu Hause zu verschrotten. Deshalb hat ein englisches Unternehmen den Auftrag übernommen. Hiesige Umweltschützer haben das aber bekanntgemacht, und deshalb hat ein Gericht verboten, mit dem Abwracken anzufangen. Doch zumindest die zwei Schiffe, die schon da sind, werden hier überwintern müssen. Ihr Umweltgift verpestet die öffentliche Meinung am unpassendsten Wochenende. Ein Labour-Gemeinderat in Hartlepool hat zornig gesagt, England sei "doch nicht das Klo Amerikas".
Auch die Affäre um den Botschafter Murray lenkt die Augen zur falschen Zeit auf stumpfe Flecken der glänzenden Beziehungen. Murray hatte in Taschkent respektlos gesagt, das usbekische Regime sei nicht besser als die Herrschaft Saddams. Vor allem hatte er gerügt, daß man zwei Dissidenten zu Tode gekocht habe. Zur Strafe war er im August abberufen worden. Doch dann begann in London ein Raunen, die Maßregelung sei von Washington verordnet worden, und damit wurde alles noch einen Grad peinlicher. In der Tat ist Usbekistan ein geschätzter Verbündeter Amerikas beim Kampf gegen das Böse, und Präsident Bush selbst hatte dem befreundeten Präsidenten Karimow im Weißen Haus herzlich die Hand geschüttelt. Murray ist in London schließlich nur ausgiebig ärztlich behandelt, aber nicht entlassen worden. Am Samstag hat das Ministerium ihn wieder nach Taschkent entsandt.
"Bush unwillkommen heißen!"
Zur Zahl der Protestler gehen abenteuerliche Schätzungen um. Bei der letzten großen Wochenend-Demonstration im Februar waren eine Million gekommen. Auch deshalb hat das Programm jetzt nur Werktage. Dennoch ist die Polizei auf hunderttausend Demonstranten gefaßt. Deren Gegenprogramm unter dem Titel "Bush unwillkommen heißen!" läuft in Städten wie Swindon und Newcastle schon seit Samstag. Scotland Yard hat Fachleute abgestellt, die unablässig die Plauderecken des Internets durchkämmen, um mit den Plänen der Ruhestörer Schritt zu halten. Doch das scheue Wild scheint sich schon in tieferes elektronisches Dickicht geschlagen zu haben, nämlich in die SMS-Kette per Handy. Vor allem unter Schülern soll derzeit besonders lebhaft "getextet" werden. Niemand möchte wissen, wie die Obrigkeit das nun wieder herausbekommen hat; aber für alle Fälle ist an die Schulen die Anweisung ergangen, zu warnen, wer diese Woche antiamerikanisch schwänze, könne sich auf etwas gefaßt machen.
Die Londoner Polizei ist allerdings bestrebt, ihre Sorgen herunterzuspielen, damit die Regie ihr nicht vollends aus der Hand genommen wird. Sie hat ohnehin schon genug Angst, die amerikanischen Kollegen könnten sich beim Umgang mit Schußwaffen an ihre eigenen, mehr virilen Regeln halten, nicht an die betulicheren britischen Vorschriften. Der klassische "Bobby" hat nicht einmal eine Pistole. Es geht beileibe nicht nur um Zivilisation und Rechthaberei; zu frisch ist auch noch die Erinnerung an die britischen Soldaten, die im Irak wieder amerikanischem "freundlichem Feuer" zum Opfer gefallen sind. Deshalb ist den Vorauskommandos der CIA begütigend versichert worden, man werde energisch alle neuen Sondervollmachten nutzen, die hier nach amerikanischem Vorbild gelten. Danach darf ein Verdächtiger verhaftet werden, wenn er nur Gegenstände besitzt, die im weitesten Sinn dem Terrorismus dienlich sein könnten. Unter Umständen würde also schon der Besitz eines Telefonbuchs Maßnahmen erforderlich machen.
Kutschenpartie mit der Königin
Außerdem leitet derselbe Police-Commander Messenger die Operation, der schon den umstrittenen Besuch des chinesischen Präsidenten Jiang Zemin 1999 erfolgreich betreut hatte. Damals war die Abriegelung gegen die Demonstrationen so wohlgelungen, daß der Gast aus Peking sich in London und Oxford fühlen konnte wie zu Hause. In einer geheimen Anweisung, die unverzüglich bekannt wurde, wird diesmal sogar den Beamten von Whitehall geraten, angesichts der Absperrungen lieber von zu Hause aus zu arbeiten.
Die Polizei hält höflichen Kontakt mit den einschlägigen Organisationen von der "Stop the War Coalition" über die "Muslim Association of Britain" zur "Global Resistance". Auch an diesem Montag wird man wieder miteinander reden. Das heißt, die Polizeioffiziere werden wieder versuchen, den Verdacht der Protestler einzulullen, sie sollten geknebelt werden; und die Protestler werden wieder listig trachten, herauszufinden, wann und wo sie Bush am besten öffentlich zujubeln könnten. Derzeit ist viel die Rede von einer Kutschenpartie mit der Königin die "Mall" herunter. Der Gedanke allein läßt natürlich alle 250 amerikanischen Geheimdienstler hinter ihren Sonnenbrillen erbleichen, die sich seit Tagen aufdringlich unauffällig in London tummeln. Vielleicht wird aus der zugigen offenen Kutsche also doch eine gemütlich gepanzerte Limousine.