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Buschmänner : Die Letzten ihrer Art

Gejagte Jäger: Die Buschmänner in Afrika Bild: AFP

Botswana hält sich viel auf seinen sanften Tourismus zugute. Die Ureinwohner des Kalahari-Nationalparks merken davon nichts. Ihnen, den Buschmännern, gräbt die Regierung buchstäblich das Wasser ab.

          Das Auftauchen der kleinen Karawane hat etwas Gespenstisches. In der flirrenden Luft der Kalahari sind zunächst nur Schemen zu erkennen, unscharfe Konturen im gleißenden Gegenlicht; die einen hochgewachsen und aufrecht, die anderen breit und gedrungen. Erst beim Näherkommen sind Einzelheiten zu erkennen: drei Männer mit Stöcken in den Händen und vor ihnen die Gruppe von sechs Eseln, schwer beladen mit weißen und blauen Plastikkanistern. Der Ort der Begegnung – das macht das Zusammentreffen noch unwirklicher – liegt rund hundert Kilometer entfernt von allem, was man Zivilisation nennen kann.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Zwei Tage schon sind die drei Buschmänner und ihre Tiere unterwegs, von Kuke Corner am Rande des Kalahari-Naturschutzgebietes nach Molapo im Innern der Wüste, um Wasser für ihre Siedlung zu holen. Das ist eine Strecke von rund 110 Kilometern durch glühend heißen, weichen Sand und durch eine Gegend, in der es mehr als ein Dutzend Arten von Giftschlangen gibt, dazu Würgeschlangen, Skorpione, Löwen, Wildhunde und Hyänenrudel.

          Ihre Regierung tut alles, um sie aus der Wüste zu vertreiben

          Die weite Reise wäre eigentlich nicht nötig, denn ganz in der Nähe von Molapo, in Mothomelo tief im Innern der Kalahari, existiert ein künstliches Wasserloch. Das aber dürfen die Buschmänner nicht mehr benutzen, sagt die botswanische Regierung. Sie findet, die Buschmänner hätten in der Kalahari nichts zu suchen. Deshalb müssen die Buschmänner von Molapo Wasser von außerhalb des Naturschutzgebietes heranschaffen. Zweimal jeden Monat machen sie sich auf die gefährliche Reise.

          Roy Sesana nahm im Namen der Buschmänner 2005 den alternativen Nobelpreis in Empfang
          Roy Sesana nahm im Namen der Buschmänner 2005 den alternativen Nobelpreis in Empfang : Bild: picture-alliance/ dpa

          Es gibt eine Menge unwirtlicher Gegenden auf dieser Welt. Gäbe es eine Rangliste der menschenfeindlichen Orte, würde die Kalahari in Botswana mit Sicherheit einen Spitzenplatz belegen. Es herrschen Temperaturen von beständig 35 Grad, die bis auf 50 Grad steigen können. Und es gibt nur ganz vereinzelt Wasserstellen in dem Naturschutzgebiet, das mit 52.000 Quadratkilometern größer ist als Niedersachsen. Und dennoch ist die Kalahari seit Urzeiten Siedlungsgebiet der Buschmänner, die zu den ältesten Kulturvölkern des Kontinents zählen. Früher einmal waren diese Jäger und Sammler überall im südlichen Afrika anzutreffen, von den Drakensbergen in KwaZulu-Natal in Südafrika bis jenseits des Kunene-Flusses, der die Grenze zwischen Namibia und Angola markiert. Heute leben nur noch die Buschmänner in Botswana wie ihre Vorfahren. Doch ihre Regierung tut alles, um sie aus der Wüste zu vertreiben und sie zu zwingen, sich außerhalb der Kalahari anzusiedeln. Und sei es, indem sie ihnen den Zugang zu Wasser verweigert.

          Die Auseinandersetzung zwischen der botswanischen Regierung und den Buschmännern begann Mitte der neunziger Jahre und fiel zusammen mit der Entdeckung großer Diamantenvorkommen in der Kalahari. Damals ordnete die Regierung die Umsiedlung der Buschmänner an, worauf diese sich in der Organisation „First People of Kalahari“ zusammenschlossen. Mit Hilfe der internationalen Hilfsorganisation „Survival International“, die auf den Schutz indigener Völker spezialisiert ist, verklagten die „First People of Kalahari“ 2002 die botswanische Regierung. Gleichzeitig widersetzten sich zahlreiche Buschmänner den Zwangsumsiedlungen und kehrten in die Wüste zurück, wo sie regelmäßig verprügelt, auf Lastwagen verladen und wieder weggebracht wurden. 2006 schließlich erklärte das Oberste Gericht des Landes die Umsiedlungen für verfassungswidrig.

          Um die rund fünfhundert in der Wüste verbliebenen Buschmänner trotzdem zu vertreiben, ließ die Regierung das einzige Wasserloch im Umkreis von Hunderten von Kilometern schließen. Wieder klagten die Buschmänner, doch diesmal, das war im vergangenen Juni, urteilte ein Gericht, die Regierung sei nicht verpflichtet, den Wüstenmenschen eine Wasserversorgung zu garantieren. Dabei hatten die Buschmänner der Regierung angeboten, das Wasserloch selbst instand zu setzen. Sie hatten sogar eine Firma in Gaborone gefunden, die das mehrere hundert Meter tiefe Loch auf eigene Kosten geöffnet hätte. Auch dieses Angebot wurde abgelehnt.

          Verantwortungsbewusstes Ökomanagement

          Die drei Männer begutachten mit sichtlicher Schadenfreude den schier hoffnungslos im Sand feststeckenden Geländewagen. Dann helfen sie ohne viele Worte, das Auto freizuschaufeln, und genießen anschließend den schwarzen Tabak, den die Besucher als kleine Aufmerksamkeit mitgebracht haben. Die Esel schreien derweil vor Durst. Jedes der Tiere trägt zwei Kanister mit je 25 Liter Wasser. Ein Esel, so erklären die Buschmänner, benötige in diesem Klima rund vier Liter Wasser täglich, um nicht zu verenden. Das heißt, dass bei einer Reise von zweimal 110 Kilometern, die die Buschmänner in vier Tagen absolvieren, 16 der insgesamt 50 Liter pro Esel für den Transport benötigt werden. Hinzu kommt der Wasserverbrauch der Männer. „Wenn wir einen Fehler machen, verdursten nicht nur wir, sondern auch unsere Familien in Molapo“, sagt einer von ihnen.

          Gleichzeitig aber darf die in der Kalahari explorierende Diamantenfirma so viele Wasserlöcher bohren, wie sie für nötig hält. Im vergangenen Jahr genehmigte die botswanische Regierung zudem einem Tourismusunternehmen den Bau einer Luxus-Lodge im Naturschutzgebiet – mit Wasserloch und Swimmingpool. Dieses Unternehmen, Wilderness Safaris, ist Weltmeister in der Vermarktung seiner angeblich so sensitiven Firmenpolitik. Wilderness Safaris erhielt unlängst einen internationalen Preis für sein verantwortungsbewusstes Ökomanagement. Den Buschmännern in der Kalahari aber verweigern die Südafrikaner die Benutzung ihres Wasserlochs. Vermutlich können sie nicht anders, denn im Aufsichtsrat des Unternehmens sitzt unter anderem der persönliche Anwalt des botswanischen Präsidenten Ian Khama.

          Eine Umsiedlung kommt nicht in Frage

          Die „Bushmen“, wie sie in Botswana genannt werden, oder „San“, wie sie in Südafrika heißen, sind ein einzigartiges Volk. Sie kennen sich aus mit Wüstenfrüchten und ihrer Genießbarkeit, und sie wissen, wie man selbst den ansonsten tödlichen Biss einer Schwarzen Mamba überlebt. Ihre Religion ist ein Ahnenkult, dessen Kraft sich aus dem Respekt speist, dem man dem Ort entgegenbringt, an dem die Vorfahren gelebt haben. Eine Umsiedlung kommt daher nicht in Frage. „Natürlich ist das Leben in der Kalahari hart und entbehrungsreich. Aber es ist unser Leben, und darüber wollen wir frei entscheiden“, sagt Jumanda Gakelebone, der Sprecher von „First People of Kalahari“: „Wir waren lange vor den Bantu in der Region. Wir haben keine Tierart dezimiert und keinen Wald gerodet. Wir leben in Einklang mit der Natur.“ Doch statt das Wissen der Buschmänner zu nutzen, um in der Kalahari einen ökologisch verträglichen Tourismus zu fördern, bekämpft die botswanische Regierung die Letzten ihrer Art mit allen Mitteln.

          Das ist gerade deshalb unverständlich, weil Botswana vom Tourismus lebt. Auf alles Mögliche wird dort Rücksicht genommen: auf empfindliche Touristen aus Amerika, die es nicht mögen, wenn Elefanten abgeschossen werden, obwohl es davon eindeutig zu viele gibt in Botswana, bis hin zu den Südafrikanern mit ihren überdimensionierten Geländewagen, die es für ein Grundrecht halten, die dürre Vegetation der Kalahari unter ihre groben Reifen zu nehmen. Die Buschmänner aber zählen nicht.

          Analphabetentum und eine geringe Lebenserwartung

          Allein die Bezeichnung „Bushmen“ verrät einiges über die Arroganz, mit der dem ältesten Kulturvolk des Kontinents begegnet wird. Den Namen haben die Kolonialherren erfunden, genau wie die Bezeichnung „San“ für die in Südafrika lebenden Buschmänner. Sie selbst nennen sich Kua, nach ihrer gemeinsamen Sprache, dem von Klicklauten durchsetzten Kek. Doch Buschmänner, das steht für eine primitive Lebensweise, für Analphabetentum und geringe Lebenserwartung. Die Buschmänner sind in Botswana genauso schlecht angesehen wie die Pygmäen in Zentralafrika oder die Aborigines in Australien. In der öffentlichen Wahrnehmung sind sie Untermenschen. „Benimm dich nicht wie ein Buschmann“ ist in Botswana ein geflügelter Ausdruck für törichtes Verhalten.

          Roy Sesana hat nichts von einem Kämpfer. Sein Händedruck ist schüchtern, und wenn er spricht, dann mit leiser Stimme. Roy Sesana ist das Gesicht von „First People of Kalahari“. Er war es, der sich immer wieder den Umsiedlungen widersetzte und in die Wüste zurückkehrte. Sein Bruder wurde 2004 wegen Wilderei von den Wildhütern totgeschlagen. Roy Sesana war es auch, der im Namen der Buschmänner 2005 den alternativen Nobelpreis in Stockholm in Empfang nahm.

          „Wir Buschmänner sterben ohne unser Land“

          Jetzt steht er in Rakops, einem Kaff am östlichen Rand des Nationalparks, neben einem uralten Pick-up-Truck, den er gerade bis knapp vor dem Achsbruch mit Wasserkanistern beladen hat. Der Besitz dieses Autos ist ein Privileg, das Roy seiner Stellung als Anführer der Buschmänner verdankt. Manchmal hat er Sprit für den Wagen, manchmal nicht. „Wenn nicht, benutzen wir halt die Esel“, sagt er. Roy hat ein paar Jahre seines Lebens in den Goldbergwerken von Johannesburg gearbeitet, bevor er in die Kalahari zurückkehrte, zu seinen Wurzeln. Seine Weigerung, ein Leben in einer Siedlung zu führen, erklärt er mit der mythologischen Bedeutung der Wüste für sein Volk. „Wir Buschmänner sterben ohne unser Land“, sagt er.

          New Xade am westlichen Rand der Kalahari ist eine dieser Ortschaften, die eigens für die Umsiedlung der Buschmänner aus dem Boden gestampft wurden. Es gibt eine Schule, ein Krankenhaus und eine funktionierende Stromversorgung. Es gibt proper angestrichene Häuschen mit Vorgärten und Solarpanelen für die Klimaanlage auf den Dächern, in denen das Personal der Schule und des Krankenhauses lebt. Ansonsten gibt es in New Xade staubige Straßen und Unmengen an Ziegen, die sich den Rücken mit Vorliebe an den Stoppschildern kratzen, mit denen der nahezu verkehrsfreie Ort regelrecht zugestellt ist. Mit dreitausend Einwohnern ist New Xade die größte der drei Buschmänner-Siedlungen.

          Die Stimmung der entwurzelten Menschen

          James Kilo wohnt auch hier. Dreizehn Jahre ist es her, dass er die Siedlung Molapo verließ, jenen Ort in der Kalahari, aus dem die drei Männer mit ihren Eseln stammen. James hat damals ein bisschen Geld von der Regierung bekommen, zwei Rinder für den Start in sein neues Leben und ein parzelliertes Grundstück. Mit dem Geld hat er sich ein winziges Häuschen gebaut und ein uraltes Auto angeschafft, für das er sich allerdings kein Benzin leisten kann. Doch als Unterkunft dient ihm, seiner Frau und den vier Kindern eine der traditionellen Rundhütten der Buschmänner gleich neben dem Steinbau. Um die Hütte herum haben sie eine Holzpalisade gebaut, als müssten sie sich immer noch vor hungrigen Raubtieren schützen. Sie kochen nicht auf dem Gaskocher in dem Häuschen, sondern auf einem offenen Feuer, so, wie sie es immer gemacht haben. Die beiden Rinder sind längst verlorengegangen, vermutlich von Löwen gerissen, James weiß das nicht so genau. Arbeit hat er keine. Weil es keine Arbeit gibt in New Xade. Trotzdem sagt James, er vermisse die Wüste nicht. Dabei lebt er immer noch so, als habe er die Kalahari nie verlassen.

          „Das ist das Problem mit diesen Siedlungen“, sagt Jumanda Gakelebone: „Wir verlieren dort unsere Kultur, unsere Sprache, unser altes Wissen und machen uns abhängig von Almosen der Regierung.“ Welche Stimmung unter diesen entwurzelten Menschen herrscht, lässt sich allein am Grad der Zerstörungen in New Xade ablesen. Die Fenster des Internats etwa, wo die Kinder der in der Wüste lebenden Buschmänner wohnen, sind nahezu alle eingeschlagen; die des Getränkeladens ebenso. Ohne Arbeit und Lebensperspektive verfallen die Einwohner massenhaft dem Alkoholismus. Zudem hat die Siedlung eine der höchsten Aidsraten im Land; eine Krankheit, die im Busch unbekannt ist. Neuerdings hört man auch von Selbstmorden unter den Buschmännern von New Xada. Auch das ist ein Phänomen, das dieses Volk bislang nicht kannte. Roy Sesana nennt New Xade eine „Stätte des Todes“.

          Quelle: F.A.Z.

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