So hatte man das Seehaus der „Lady“, diesen fast ikonographischen Ort der Unterdrückung, noch nie gesehen. Im sonst verwaisten Garten saßen Dutzende Journalisten auf herbeigeschafften Möbeln und warteten auf das ungewöhnliche Paar. Als Aung San Suu Kyi und ihr hoher Gast aus Amerika, Außenministerin Clinton, auf die Terrasse traten, stürzten Kameraleute und Fotografen auf Stühle und Tische, um den historischen Moment einzufangen. Nichts erzählt mehr über die neue Lage in Burma als das Bild vom ungestörten Zusammentreffen dieser Frauen.
Den größten Teil des politischen Programms hatte Frau Clinton schon am Vortag in Naypidaw abgewickelt, die Begegnung in Rangun markierte den emotionalen Höhepunkt ihrer Reise. Nur in Großbritannien, wo Frau Suu Kyi viele Jahre lang gelebt hat, wird ihr Kampf für die Demokratie mit ähnlich viel Anteilnahme verfolgt wie im freiheitsliebenden Amerika. Frau Clinton war sichtlich bewegt, als sie die Friedensnobelpreisträgerin am Ort ihres langjährigen Hausarrests eine „Inspiration“ nannte und vom gemeinsamen Einsatz für die Demokratie in Burma sprach. Wie Weggefährtinnen standen die beiden fast gleich alten Frauen nebeneinander, und doch machte der Augenblick sichtbar, wie viel entbehrungsreicher der Weg der burmesischen Oppositionspolitikerin verlaufen ist.
Von Anfang an waren die Vereinigten Staaten darauf bedacht gewesen, die Annäherung an die Regierung mit Frau Suu Kyi abzustimmen. Präsident Obama ließ sich den Besuch seiner Außenministerin und Amerikas neuen Kurs persönlich in einem Telefongespräch absegnen. So blieb die „Erkundungsmission“ Frau Clintons ganz auf der Linie der „Lady“. Sie respektierte die Reformen des neuen Präsidenten Thein Sein als ernstzunehmenden Anfang, ohne ihm zu viel politischen Kredit einzuräumen. Über eine Aufhebung der Sanktionen wurde – öffentlich – nicht gesprochen. Was Frau Clinton anzubieten hatte, waren Gesten guten Willens, verbunden mit der Aufforderung, weitere Schritte auf dem Weg zu Demokratie und Rechtsstaat zurückzulegen. Für Thein Sein bedeutete die Visite allein eine willkommene Stärkung gegenüber den Reformkritikern in den eigenen Reihen.
Auf der Terrasse des Seehauses machte Frau Clinton deutlich, dass Amerika die Demokratisierung des Landes auch weiterhin unterstützen will. Das ist kein Widerspruch mehr, seit Frau Suu Kyi bekanntgegeben hat, bei den Nachwahlen Anfang kommenden Jahres anzutreten und den Reformprozess offenbar von innen heraus mitzugestalten. Die beiden größten unmittelbarsten „Bedürfnisse“ Burmas, sagte Frau Suu Kyi am Freitag, seien Rechtsstaatlichkeit und die Verhinderung eines Bürgerkrieges. Alle Feindseligkeiten zwischen der Armee und den ethnischen Rebellengruppen müssten eingestellt werden. Noch sei man nicht auf der Straße der Demokratie, „aber wir hoffen, mit Hilfe unserer Freunde so schnell wie möglich dahin zu kommen“.
Sie soll daheim bleiben!
chantalle ezer (ezer)
- 04.12.2011, 08:13 Uhr
