Die Journalisten können es gar nicht erwarten, endlich ihre Stimme abzugeben. Sie drängeln sich vor einem Tisch. Es sind vor allem Männer in den landestypischen weißen Hemden mit Stehkragen sowie dem Longyi genannten burmesischen Wickelrock. Es ist keine Wahl, mit der die Führung des Landes auserkoren wird. Aber für die anwesenden Redakteure und Verleger ist sie dennoch wichtig. Zum ersten Mal können sie selbst bestimmen, wer sie repräsentieren soll.
Es ist der Gründungskongress der neuen „Myanmar Journalistic Association“, eines eigenen burmesischen Journalistenverbands, der in einem Hotel in der früheren Hauptstadt Rangun stattfindet. „Ich bin aufgeregt, weil wir zum ersten Mal ein solches Treffen haben. Und wir haben es selbst organisiert, ohne die Regierung. Die Journalisten wollen unabhängig sein“, sagt Po Naing Lin, Chefredakteur der wöchentlich erscheinenden „Popular News“.
Neue Hoffnung auf eine freie Presse
Der für die Medien zuständige Informationsminister ist nicht einmal eingeladen. Denn in den vergangenen zwei Jahren hat sich in Burma viel geändert, auch für die Journalisten. Der Präsident Thein Sein hat aus dem Militärregime eine Zivilregierung gemacht. Er hat das Volk ein Parlament wählen lassen, wobei zumindest die Nachwahlen im April als frei und fair eingeschätzt wurden, und er hat die Ikone des burmesischen Widerstands, Aung San Suu Kyi, aus dem Hausarrest entlassen.
Der Presse wurde eine Rolle als „vierte Säule“ der neuen burmesischen Demokratie und ein Ende der Zensur versprochen. Heute können Artikel erscheinen, die noch vor Monaten undenkbar gewesen wären. Aung San Suu Kyi, die mittlerweile die Opposition im Parlament führt, ist so präsent in den burmesischen Zeitungen, dass manche Journalisten das Ausmaß der Berichterstattung schon wieder übertrieben finden. Vom Titel der „Myanmar Times“ grinsen schelmisch die „Moustache Brothers“ aus der zweitgrößten Stadt Mandalay, die für ihre satirischen Witze über das Militär bekannt sind.
„Stop killing press“
Doch die Auseinandersetzung geht weiter. Beide Seiten bemühen sich um politischen Geländegewinn. Die Journalisten testen ihre Grenzen aus. Auf der anderen Seite steht die Regierung, die ihre alten Gewohnheiten noch nicht vollkommen ablegen will. Noch immer ist kein neues Pressegesetz verabschiedet. „Ich erwarte noch mehr Fortschritte, aber es könnte auch Rückschläge geben“, sagt der Journalist Ko Ko während des Kongresses in Rangun. Es ist ein fragiler Reformprozess, in dem täglich über die Regeln verhandelt wird.
Am Eingang zu dem Konferenzsaal im Yuzana Garden Hotel, in dem der erste Nationalkongress des burmesischen Journalistenverbandes tagt, steht ein Fotograf. „Stop killing press“ prangt auf seinem T-Shirt. Mit diesem Slogan auf Bauch und Brust hatten eine Woche zuvor junge burmesische Journalisten in Rangun und Mandalay gegen die vorläufige Suspendierung zweier Wochenzeitungen demonstriert.
Solidarität zeigt Wirkung
Den zwei Zeitungen war offiziell vorgeworfen worden, einige später beanstandete Artikel nicht der Zensurbehörde zur Genehmigung vorgelegt zu haben. Aus Solidarität mit den bestraften Blättern erschienen drei andere Zeitungen mit einem schwarzen Titelblatt. Die Aktionen zeigten offenbar Wirkung. Die zuständige Behörde verkündete, dass die zwei Zeitungen wieder erscheinen dürfen. Eines der beiden Wochenblätter, in Burma „Journal“ genannt, heißt „The Voice“. Ihr Chefredakteur
Kyaw Min Swe ist ein schmaler, ernster Mann, der unter anderem in einem Familienunternehmen gearbeitet hat, im Gesundheitsministerium und als Fotograf, bevor er mit einem Artikel über Düngemittel den Weg in den Journalismus fand. Schon sechs Mal durfte seine Zeitung vorübergehend nicht erscheinen, meistens wegen Berichten über Korruption.
Ärger mit dem Informationsminister
Früher habe er die Suspendierung sogar leichter akzeptieren können, weil von dem Militärregime nichts anderes zu erwarten gewesen sei, sagt Kyaw Min Swe. Es gehörte eben zum Spiel. Doch mittlerweile haben sich die politischen Vorzeichen geändert. Nun hofft er, dass seine Zeitung zum letzten Mal Ziel einer Strafmaßnahme geworden ist. Beobachter sprechen auch von einer Art „Unfall“, der an der insgesamt positiven Richtung wenig ändere. Doch was war überhaupt geschehen? „The Voice“ hatte doch nur ein paar Details über eine geplante Kabinettsumbildung am Regierungssitz in Naypidaw auf der Titelseite veröffentlicht.
Diese Nachrichten sollen den Informationsminister, der zu den politischen Hardlinern gezählt wird, allerdings sehr geärgert haben. Denn wie es unter den Journalisten heißt, wird der ungeliebte Minister wahrscheinlich selbst nicht mehr lange im Amt sitzen. „Wenn es einen neuen Minister gibt, dann gibt es auch mehr Pressefreiheit“, sagt einer der Journalisten.
Die Satzung des Presserates soll geändert werden
Zugleich ging es wohl um Machtkämpfe zwischen dem Minister und einigen reformorientierten Kabinettskollegen sowie dem Herausgeber von „The Voice“, der ebenfalls dem Reformlager zugerechnet wird. Doch als beim Medienkongress die Hotelbedienungen zum Mittagessen duftende burmesische Speisen servieren, geht es in den Tischgesprächen vornehmlich noch um ein anderes Thema.
Schließlich hatte die Regierung nur einen Tag zuvor die Einberufung eines temporären burmesischen Presserats verkündet, der aus Sicht der Journalisten jedoch vor allem dazu dienen soll, die Kontrolle und Zensur weiter aufrechtzuerhalten. „Sie wollen immer noch die alten Methoden anwenden“, sagte Ko Ko, der mit vier Kollegen für das aus 20 Personen bestehende Gremium benannt worden ist. Und so war es die erste Amtshandlung des neu gegründeten Journalistenverbands, die Teilnahme seiner Vertreter an den Sitzungen des Rates so lange zu verweigern, bis wesentliche Punkte in dessen Satzung geändert sind.
Artikel müssen immer noch vorgelegt werden
Denn eigentlich sollte die Zensur mit der Einführung dieses Presserats Vergangenheit sein, sagt Hane Latt, der stellvertretende Chef der Firma „Asian Fame Media Group“, die unter anderem die „Popular News“ mit einer Auflage von 30000 Exemplaren herausbringt. „Aber wir haben noch keine neuen Regeln bekommen.
Die Prozedur ist jedenfalls nach wie vor die gleiche“, so der Journalist. Der Nachrichtenteil müsse immer noch vor Veröffentlichung den Behörden vorgelegt werden. Zuständig für die Zensur ist die berüchtigte „Press Scrutiny and Registration Division“ (PSRD). Am Vormittag oder frühen Nachmittag bringt ein Kurier einen Vordruck der Zeitung zu der Behörde. In der Regel nicht früher als 21 Uhr abends bekommt die Redaktion dann ihre Zeitungsseiten mit den offiziell verfügten Änderungen zurück.
Immer noch Tabuthemen
Allerdings müssen seit einem Jahr etwa 180 Pressetitel, die sich mit für die Regierung wenig verfänglichen Themen aus den Bereichen Sport, Wirtschaft, Unterhaltung, Technik, Kinder und Gesundheit befassen, ihre Publikationen nicht mehr vor der Veröffentlichung genehmigen lassen. Die Journalisten profitieren außerdem davon, dass viele ihrer Gesprächspartner keine Angst mehr vor Verfolgung haben und immer offener mit ihnen reden. Über einst heikle Fragen wie die vom Militär blutig niedergeschlagene Studentenbewegung von 1988, Landenteignungen und die Opposition kann nun wie selbstverständlich berichtet werden.
Aber es gibt auch heute noch Tabuthemen: Die Verfassung und Regierung dürfen die Journalisten offenbar nicht direkt kritisieren. Über die seit langem andauernden Kämpfe zwischen dem Militär und den Armeen der ethnischen Minderheiten sowie die Unruhen im Rakhaing-Staat wird aus Rücksicht auf die „Stabilität“ des Gesamtstaates nur eingeschränkt berichtet.
Es fehlt an Technik
Weil der Zensurprozess so langwierig ist, haben sich die meisten von privaten Verlagen herausgegebenen Pressetitel lange auf den wöchentlichen Erscheinungsrhythmus eingestellt. Angespornt durch den politischen Wandel, bereiten sich manche von ihnen nun aber schon darauf vor, in Zukunft womöglich täglich zu erscheinen. Doch auf dem Weg zu einer goldenen Presselandschaft gibt es noch viele praktische Hindernisse zu überwinden.
Davon zeugt nicht nur der plötzliche Stromausfall im Redaktionsgebäude der „Popular News“ in der 35. Straße im Zentrum von Rangun. Dort fehlt es eigentlich an allem. So schreiben die meisten Redakteure ihre Artikel noch mit der Hand, wie der Chefredakteur Po Naing Lin berichtet. Die handgeschriebenen Texte werden dann von Schreibkräften in den Computer übertragen. Nur ein paar leitende Redakteure sitzen an Computern und Laptops.
Zu wenig Nachwuchsjournalisten
Das drängendste organisatorische Problem für die Presse in Burma sei aber Mangel an ausgebildeten Nachwuchsjournalisten, wie ihre Vertreter in Rangun sagen. Die jahrelange Gängelung hat dazu geführt, dass auch die Qualität der Berichterstattung dürftig ist. Wie in allen Bereichen sei es auch im Journalismus wichtig, Kompetenzen aufzubauen, sagt der Chefredakteur von „The Voice“, Kyaw Min Swe.
Es fehle vor allem an Ausbildungsmöglichkeiten an den Universitäten. Dabei wären wahrscheinlich gerade jetzt junge und frische Köpfe wichtig, bei denen die Zensur und Selbstzensur noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind. Denn wie sich zeigt, verzeichnen gerade die frechen Publikationen, die jetzt die Grenzen des Machbaren austesten, wachsende Verkaufszahlen. Und somit rechnet sich der zivile Ungehorsam für die Zeitungen sogar.
