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Burma Das Gummiband der Hoffnung

29.12.2011 ·  Vor einigen Wochen wurde Burmas bekanntester politischer Häftling entlassen. Jetzt ist „Zarganar“ zum ersten Mal in seinem Leben außer Landes, wo er staunt und erzählt.

Von Jochen Buchsteiner, Bangkok
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Was ist das für ein Gebäude?“, fragt der Fremde und zeigt mit dem Finger durch die Windschutzscheibe. „Das ist ein Bahnhof für den Sky-Train“, antwortet sein thailändischer Begleiter. „Eine Bahn über der Straße?“, fragt der Fremde ungläubig und hakt nach: „Ich habe gehört, dass die Bahn in Bangkok unter der Erde verlaufen soll!“ „Das wäre dann die U-Bahn“, erklärt der Begleiter geduldig. „Damit würde ich gerne mal fahren“, sagt Zarganar versonnen.

Mit seinen Fragen und Wünschen, seinen Gummilatschen und dem Longyi, dem traditionellen burmesischen Beinkleid, wirkt er wie aus einer anderen Welt gefallen, und das ist er auch. Vieles, was hinter dem Autofenster im Stautempo an ihm vorbeigleitet, hat er noch nie gesehen: gläserne Bürotürme, glatt asphaltierte Straßen, Leuchtreklamen internationaler Markennamen. „Am meisten beeindrucken mich aber die Gesichter der Menschen - sie sehen nach Freiheit aus, nach Sicherheit und Selbstbewusstsein“, sagt Zarganar und brummt nach einer Pause: „All das wünsche ich mir auch für mein Land und mein Volk.“

Mehr als ein Dutzend mal hat Zarganar in seiner abgeschotteten Heimat einen Pass beantragt. Vor einigen Tagen hat er ihn bekommen, nach 17 Jahren. „Thura“ steht darin, sein Geburtsname. Seine erste Reise nutzt er nun, um Kontakte in Thailand zu knüpfen. Er will mit Filmemachern und Studioleitern über ein Festival in Rangun sprechen, aber das öffentliche Interesse an seiner Person ist so groß, dass er ständig von sich selbst erzählen muss. Der kanadische Botschafter, der wie viele seiner Kollegen in Bangkok auch für Burma zuständig ist, hat ihn zum Mittagessen in die Residenz eingeladen. Angekündigt waren zwei weitere Diplomaten, aber am Ende sitzen zwanzig Männer in Anzügen am Tisch; selbst die Botschafter Mexikos und Brasiliens sind gekommen und Repräsentanten der Vereinten Nationen und der Weltbank.

Neben der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist Zarganar vermutlich der prominenteste Bürger seines Landes. Millionen Burmesen sahen seine Filme, lachten über seine Witze und litten mit, als er immer wieder ins Gefängnis gesteckt wurde. Viele Geschichten sind im Umlauf über ihn und sein Schicksal, aber in Ermangelung einer burmesischen Öffentlichkeit wussten bislang nur engste Freunde, was wahr ist und was Legende. Jetzt, im Alter von fünfzig Jahren, reist Zarganar zum ersten Mal ins Ausland und kann frei erzählen.

„Gefängnis ist kein Restaurant“

Übersetzt heißt Zarganar „Pinzette“, und Millimeterarbeit definierte sein Leben lange Zeit. Hineingeboren in eine Oberschichtfamilie - sein Vater, ein Schriftsteller, arbeitete bis 1992 im Kulturministerium - studierte Zarganar Zahnmedizin, bevor er sich in den achtziger Jahren ganz dem politischen Kabarett hingab. Seine riskanten Späße über die Militärjunta waren so bemessen, dass sie seine Zuschauer verstanden, ohne dass sie ihm die Aufpasser vom Geheimdienst zu einem Strick drehen konnten. Nach dem Demokratieaufstand von 1988 wurde er als einer der Rädelsführer eingesperrt - und nach ein paar Monaten zurück in Freiheit ein weiteres Mal. Dass er die berüchtigte Haftanstalt von Insein nicht als gebrochener Mann verlassen hat, grenzt an ein Wunder.

„Gefängnis ist kein Restaurant“, sagt Zarganar, wenn man ihn nach seinen Erlebnissen fragt, doch hinter dem lapidaren Satz versteckt sich nacktes Grauen. Die Offiziere vom Geheimdienst verlangten die Namen und Aufenthaltsorte untergetauchter Studentenaktivisten, und weil Zarganar schwieg, wollten sie ihn zum Reden bringen. Sie schlugen ihn, versetzten ihm Elektroschocks, und als das nichts half, buddelten sie ihn in den Boden ein. Nur noch sein Kopf guckte heraus, als die Folterspezialisten einen Armeelaster so dirigierten, dass die Reifen jeweils knapp an seinem Schädel vorbeirollten.

Fünf Jahre lang verbrachte Zarganar in Einzelhaft. Seine Zelle maß zwei mal drei Meter, war fensterlos und ausgestattet mit einer Bastmatte und einem Plastikeimer. „Nicht einmal Klopapier haben sie mir gegeben“, sagt Zarganar. Fünf Jahre lang sah er nur den Wärter, der die Exkremente leerte und ihm Essen hinstellte - keinen Anwalt, weder Frau noch Kinder, nicht einmal Mitgefangene. Eine gelbe 25-Watt-Birne baumelte von der Decke, und nur einmal am Tag schien die Sonne durch ein Loch in der Decke. Weil er die Zelle nicht verlassen durfte, sprang Zarganar auf der Stelle, um sich beweglich zu halten. Mehr Phantasie kostete es, Geist und Seele in Betrieb zu halten, sagt er. Seine Rettung lag in sieben Gummibändern, die er so spannte, dass sie Töne von sich gaben. Hin und wieder drangen burmesische Radiohits vom Gefängnishof in die Zelle, und er versuchte, sie auf den Gummibändern nachzuspielen. Mit der Zeit entwickelte er ein eigenes Notensystem, das er später sogar für Kompositionen einsetzte.

Als er in den politischen Frühling hinein entlassen wurde, der die Militärdiktatur Mitte der neunziger Jahre für kurze Zeit erwärmte, begann seine produktivste Zeit. Er drehte zwanzig Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme - in vielen tauchte er selbst auf - und war Burmas bekanntester Künstler, als ihm die Junta elf Jahre später ein Berufsverbot erteilte. Bis zu seiner dritten (kurzen) Inhaftierung, nach dem Mönchsaufstand im Herbst 2007, schlug er sich als Werbefilmer durch: „Meine Witze schenkte ich in dieser Zeit den Freunden, die noch arbeiten durften.“

„Allein dass ich hier sitze, zeigt den Fortschritt in Burma“

Nach dem Wirbelsturm Nargis verschwand Zarganar im Herbst 2008 zum vierten Mal im Gefängnis. Er hatte westlichen Journalisten Interviews gegeben, in denen er die unzureichenden staatlichen Hilfsmaßnahmen verspottete. Das Urteil: 59 Jahre Haft. Das Strafmaß war drakonisch, selbst nach der Verringerung auf 24 Jahre, aber unter der Oberfläche ostentativer Härte begann das System langsam zu bröckeln. Zarganar erlebte das am eigenen Leib, denn in seinem neuen Gefängnis im Norden des Landes wurde er zum ersten Mal menschlich behandelt. Er hatte Hofausgang, durfte Besuch empfangen, Nachrichten und Filme sehen, sogar eine westliche Dokumentation über sich selbst. Vor allem aber gab es aktuelle Bücher, darunter Henry Kissingers „On China“, Larry Diamonds „The Spirit of Democracy“ - sogar eine Studie über politische Strategie, die er ins Burmesische übersetzte. Von einer „vergleichsweise sehr guten Erfahrung“ spricht er. Zarganar, der Buddhist, der nie Trost im Beten fand, schöpfte seine Hoffnung auf Freiheit aus einem scheinbar profanen Bild: „Ich habe immer an eine Tür gedacht - wenn sie zugeht, muss sie auch wieder aufgehen.“

Gleich nach seiner Entlassung am 11. November traf er Frau Suu Kyi, die er „Auntie“ nennt, Tante. Gemeinsam entwickelten sie die Idee zu einem Filmfestival, das der Freiheit gewidmet sein soll. Mehr als hundert Beiträge wurden in den vergangenen sechs Wochen eingereicht - fast ausnahmslos burmesische Kurzfilme, die im vergangenen Jahr entstanden sind. Zarganar mietete eine Etage in einem Ranguner Einkaufszentrum und erwartet mehr als 3000 Besucher, wenn „die Lady“ am Silvesterabend das Grußwort spricht. „Kaum etwas zeigt eindrucksvoller, welchen Schub es in Burma gegeben hat“, sagt Moritz Kleine-Brockhoff von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Bangkok.

Manche glauben schon, Zarganar könne Kulturminister eines demokratischen Burma werden. Aber der sieht sich als Künstler, mag die neue Hauptstadt nicht und will es bei gelegentlichen Treffen mit Ministern belassen. Er ist optimistisch, dass sich seine Heimat weiter öffnet, und hofft auf mehr Hilfe aus dem Westen. Die zivile Regierung, die aus der Junta hervorgegangen ist, verdiene Unterstützung, sagt er - auch ein Ende der Sanktionen. Von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit will er aber nicht sprechen. Noch immer sitzen 593 politische Gefangene ein; er kennt jeden einzelnen. Seinen Freunden im Exil, die über eine Rückkehr nachdenken, rät er zu Vorsicht. Ohne persönliche Versicherung des Staatspräsidenten Thein Sein sollten sie das Risiko nicht eingehen, sagt er. Entsprechende Anfragen leitet er gerne in die Hauptstadt weiter, und in sechs Fällen haben sie auch schon gefruchtet.

Im überfüllten Club der Auslandskorrespondenten sagt Zarganar an seinem letzten Abend in Bangkok: „Allein dass ich hier sitze, zeigt den Fortschritt in Burma.“ Und weil er darum gebeten wird, erzählt er einen seiner Witze: Ein alter Burmese nähert sich dem Dienstsitz des langjährigen Juntachefs und fragt den Wächter: Kann ich General Than Shwe sehen? Der Wächter sagt: Nein, der General ist pensioniert. Am nächsten Tag kommt der alte Mann wieder und fragt dasselbe, worauf der Wächter dieselbe Antwort gibt. Als der Burmese am dritten Tag ankommt, fragt der Wächter ungehalten zurück: Warum fragen Sie mich eigentlich jeden Tag dasselbe? - „Weil ich Ihre Antwort nicht oft genug hören kann!“

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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