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Mission in der Wüste : Darum kommt der Bundeswehr-Einsatz in Mali nicht voran

  • -Aktualisiert am

Sehr gefragt: Aufklärungsdrohne der Bundeswehr Bild: Michael Seidel/Bundeswehr

Um Fluchtursachen zu bekämpfen, beteiligt sich Deutschland am UN-Einsatz in Mali. Doch die Mission steht vor großen Problemen.

          Um vier Uhr morgens nimmt die Skywalker Fahrt auf. Die Heron-Drohne beschleunigt, Staubfahnen steigen in das trübe Licht, das von den großen Feldlagern am Rande des Flugplatzes von Gao auf die Start-und-Lande-Bahn fällt. Seit Stunden geht ein starker Wind, der den Wüstenstaub in die Atmosphäre wirbelt. Die Sicht ist schlecht. Nach ein paar hundert Metern hebt die Drohne mit dem Funkrufnamen Skywalker ab. Kurz darauf verschmelzen ihre blinkenden Positionslichter mit den Sternen am Himmel. In drei Kilometer Höhe dreht sie nach Norden ab und verschwindet über der Wüste.

          In Camp Castor, dem Feldlager von gut 800 Bundeswehr-Soldaten im Norden Malis, sitzen Pilot und Operator der Drohne an einem Steuerpult, vor sich fünf Bildschirme und eine Tasse Kaffee. Die beiden Offiziere sind zwei von zehn deutschen Heron-Soldaten in Gao. Sie lenken von hier aus die Drohne und bedienen ihre Kameras. Sie möchten nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. Denn ihre Aufgabe ist es, Terroristen und andere bewaffnete Milizen aufzuspüren, die sich gerade wieder ausbreiten. Terror und Instabilität in Mali – das bedeutet über kurz oder lang auch Flüchtlinge in Richtung Norden und Instabilität in Europa. Auch für Migranten aus anderen Staaten spielt das westafrikanische Land eine wichtige Rolle: Es liegt auf der Route über Algerien nach Spanien. Deutschland und die EU investieren Hunderte Millionen Euro, um die Migrationsströme aus der Sahelzone in Richtung Mittelmeer zu stoppen.

          Vor sechs Jahren stand das Land schon einmal kurz vor dem Zusammenbruch. Damals nutzten Dschihadisten einen Tuareg-Aufstand im Norden, um weite Gebiete Malis zu besetzen. Als sie auf die Hauptstadt Bamako zumarschierten, griffen französische Kampfeinheiten ein. Sie schlugen die terroristischen Milizen zurück. Nach dem Ende der Kämpfe schickten die Vereinten Nationen 12.000 Soldaten, um den Norden Malis zu stabilisieren.

          Die Zahl terroristischer Milizen wächst

          Doch das gelingt nicht. Nach wie vor gibt es unzählige bewaffnete Gruppen, die teils auf der Seite der Regierung, teils auf der Seite der Aufständischen stehen. Auch die Zahl terroristischer Milizen wächst. Sie sind mit Ansar al Dine, einer lokalen Terrororganisation, Al Qaida im islamischen Maghreb oder dem sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) verbunden.

          Der IS und Al Qaida kämpfen inzwischen nicht mehr nur im Norden Malis um die Macht, sondern auch in der Mitte des Landes. Wie schon vor sechs Jahren nutzen die Terroristen auch diesmal einen regionalen Konflikt: In Zentralmali mit der Stadt Mopti im Zentrum kämpfen Nomaden gegen sesshafte Bauern um fruchtbares Land. In dem Streit um Weidegrund geben sich die Terroristen als Schlichter. Sie übernehmen auf diese Weise sukzessive die Macht in den Dörfern und führen dann die Scharia ein.

          Das können sie, weil die Regierung um Präsident Ibrahim Boubacar Keita nicht in der Lage ist, in den Städten und Dörfern Recht und Gesetz durchzusetzen. Dafür gibt es drei Gründe. Erstens stammen Soldaten und Polizisten überwiegend aus Volksgruppen, die im Süden Malis siedeln. Sie weigern sich, ihr Leben für die Ethnien in Nord- und Zentralmali zu riskieren, deren Sprache sie zudem nicht sprechen. Zweitens sind Armee und Polizei unterbezahlt, schlecht ausgerüstet und unzureichend ausgebildet. Sie haben gegen die häufig besser bewaffneten und gut motivierten Milizen keine Chance. Und drittens schließen sich viele Einwohner den Terroristen an, weil sie arm und perspektivlos sind. Sie fühlen sich vom Staat im Stich gelassen.

          Überdies hat sich Mali mit Burkina Faso, Niger, Tschad und Mauretanien zusammengeschlossen, um mit einer gemeinsamen Eingreiftruppe gegen den islamistischen Terrorismus in der Sahelzone vorzugehen. Das bedeutet allerdings, dass das Land seine eigenen Bewohner bekämpfen muss, denn kaum einer der Dschihadisten stammt aus dem Ausland. „Das sind überwiegend Kinder Malis“, sagt ein Diplomat in Bamako.

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          Fünf Stunden nach dem Start der Heron-Drohne gibt es ein Problem. „Golf Oscar 123, this is Skywalker. Radio check. How do you read?“ Mit diesem Funkspruch versucht der Operator, einen UN-Konvoi mit der Kennung „Golf Oscar 123“ zu erreichen, der sich auf dem Weg von Kidal nach Gao befindet. Doch nichts passiert. „Wir sind doch an der richtigen Stelle, oder?“, fragt der Operator den Piloten. „Ja, aber wieso ist der Konvoi nicht zu sehen?“, fragt der Pilot zurück, „er sollte längst zu sehen sein.“ Der Operator versucht es noch einmal. „Golf Oscar 123, this is Skywalker. Radio check. How do you read?“ Doch „Golf Oscar 123“ antwortet nicht.

          Als die Bundeswehr vor zwei Jahren drei Heron-Drohnen nach Gao schickte, herrschte im Hauptquartier der UN-Mission namens „Minusma“ in Malis Hauptstadt Bamako große Freude. Ein modernes und hochwertiges Aufklärungssystem wie dieses konnte man hier gut gebrauchen. Die Drohnen eignen sich besonders gut als fliegendes Auge der UN-Truppen. Das ist auch an diesem Tag die Aufgabe der „Skywalker“: Die Drohne soll den Begleitschutz des Konvois warnen, wenn sich Bewaffnete nähern oder ein Erdhügel auf der Straße auf eine vergrabene Bombe hinweist. Immer wieder überfallen Milizen die Transporte auf ihrem langen Weg durch die Wüste und töten die Fahrer.

          Die UN-Mission ist auf diese Konvois angewiesen. Ihre Stützpunkte liegen weit voneinander entfernt, jede Versorgungsfahrt gleicht einem Himmelfahrtskommando. Direkt eingreifen kann die Heron-Drohne allerdings nicht. Sie hat nur Aufklärungskameras an Bord, aber keine Waffen. Das wird auch noch einige Jahre so bleiben. Die deutsche Politik konnte sich bisher nicht durchringen, bewaffnungsfähige Drohnen für die Bundeswehr zu beschaffen. Die Heron-Besatzung kann den Konvoiführer daher vor einem Angriff nur warnen. Doch selbst das ist schwierig, denn dazu müsste sie ihn erst einmal erreichen. Das versucht sie inzwischen schon seit mehreren Stunden.

          „Skywalker“ überfliegt jetzt ein Gebiet 220 Kilometer nördlich von Gao. Der Operator nimmt ein Mobiltelefon vom Bedienerpult, steht vom Stuhl auf und verlässt die Bodenstation. „Er spricht mit dem Hauptquartier in Bamako“, sagt der Pilot, „vielleicht wissen die ja, wo der Konvoi ist.“ Nach ein paar Minuten kehrt der Operator zurück. „Das ist das Schöne am Drohnenfliegen“, witzelt er. „Man kann das Cockpit einfach mal kurz verlassen.“ Der Pilot schaut ihn fragend an. „Sie rufen zurück“, sagt der Operator. Bald darauf läutet das Telefon. Der Operator nimmt einen Zettel und notiert sich zwei Koordinaten. „Endlich“, sagt er, nachdem der Anrufer aus Bamako aufgelegt hat. „Dort sollen sie sein.“  Der Pilot tippt die GPS-Koordinaten in den Computer und setzt die Drohne auf einen neuen Kurs. „Der Konvoi ist ganz woanders, als sie es uns gestern gesagt haben“, erklärt er kopfschüttelnd, „sie haben einfach eine andere Route genommen, ohne uns zu informieren.“

          Pannen wie diese gibt es im Mali-Einsatz der Bundeswehr immer wieder. Das liegt daran, dass westliche Truppen wie die Deutschen besser ausgerüstet und ausgebildet sind als ihre Partner. Der Konvoi aus Kidal wird von ägyptischen Truppen begleitet, deren Funkgeräte eine so kurze Reichweite haben, dass die Drohne schon fast über ihnen fliegen muss, damit Bodenstation und Eskorte miteinander kommunizieren können. „Hey, da sind sie“, sagt plötzlich der Operator. Mit seiner rechten Hand biegt er den Joystick auf der Konsole vor sich hin und her und richtet die Kameras der Drohne auf eine Staubfahne aus, die am oberen Bildschirmrand aufgetaucht ist. Nach ein paar Sekunden sehen Pilot und Operator eine schier endlose Reihe von schwarzen Rechtecken. Das sind Lastwagen, die auf dem Monitor schemenhaft dargestellt werden. „Ich zähle dreißig“, sagt der Pilot. „Nein, warte“, erwidert der Operator, „hier hinten sind noch welche. Das sind mehr als fünfzig, ein riesiger Konvoi. Ein Hochwertziel für einen Angriff.“

          „Wir sind hier, um euch zu schützen.“

          Dann setzt er sich das Headset auf den Kopf: „Golf Oscar 123, this is Skywalker.“ Endlich meldet sich eine Stimme im Funk: „This is Golf Oscar 123.“ „Wir sind hier, um euch zu schützen“, sagt der Operator. „Wir begleiten euch bis Gao.“ „Roger, danke, ,Tiger'“, erwidert der ägyptische Konvoiführer. „Wir sind nicht ,Tiger', sondern ,Skywalker'. Wir sind kein Hubschrauber, wir sind eine Drohne“, erklärt der Operator. „Sie verwechseln uns mit einem Hubschrauber“, sagt der Pilot lächelnd. Der Operator lauscht im Funk. Dort herrscht nun Stille. „Sie haben vermutlich noch nie mit einer Drohne zusammengearbeitet“, sagt er. „Sie wissen nicht, wie sie uns einsetzen können und wie sie mit uns sprechen müssen. Deshalb schweigen sie lieber.“

          Plötzlich stoppt der Konvoi. Auf dem Monitor ist zu sehen, dass ein Sattelzug die Straße blockiert. „Könnte sein, dass das Terroristen sind, die Zeit gewinnen wollen, um weiter vorn einen Hinterhalt aufzubauen“, sagt der Pilot und lenkt die Drohne einige Kilometer die Straße hinab. „Mal sehen, ob sich dort was tut“, murmelt er und beobachtet den Bildschirm. „Drei Pick-up abseits der Straße“, sagt der Operator bald darauf.

          „Kannst du sehen, ob sie bewaffnet sind?“, fragt der Pilot. „Keine Waffen zu sehen“, antwortet der Operator. Die Kamera bleibt eine Weile auf die Pick-ups gerichtet. Sie bewegen sich nicht. „Was machen wir jetzt?“, fragt der Pilot. „Sollten wir den Konvoi nicht warnen?“ Der Operator überlegt. „Nein, wir machen erst einmal nichts. Sie verstehen uns einfach zu schlecht, das würde jetzt nur Verwirrung stiften.“

          Kurz darauf setzen sich die schwarzen Rechtecke auf dem Bildschirm wieder in Bewegung. Der Konvoi fährt weiter. Er befindet sich jetzt gut hundert Kilometer vor Gao. „Wann machen sich die ,Tiger' los?“, fragt der Pilot. „Tiger“ sind Kampfhubschrauber der Bundeswehr, die seit etwas über einem Jahr in Mali eingesetzt werden. Sie können gut drei Stunden in der Luft bleiben, ehe sie zum Tanken wieder ins Feldlager müssen. Deshalb können sie den Konvoi nicht die ganze Zeit begleiten. „Sie starten gleich“, antwortet der Operator. „Okay, das ist gut“, erwidert der Pilot. „Wenn Kampfhubschrauber über dem Konvoi sind, greift ihn niemand mehr an.“ Am Abend erreicht die Lastwagen-Kolonne unversehrt Gao. Die Nacht verbringen die Fahrer und ihre ägyptischen Begleiter im UN-Camp, bevor es am nächsten Morgen weitergeht in Richtung Bamako. Für die Ägypter ist es der Moment, um Abschied von einem Kameraden zu nehmen. Vor ein paar Tagen noch saß der Soldat im Führungsfahrzeug des Konvois auf dem Weg von Gao nach Kidal. Er starb bei der Explosion einer Straßenbombe. Einige bei dem Anschlag verwundete Soldaten liegen immer noch im Feldlazarett und können aufgrund ihres kritischen Zustands nicht in ihre Heimat gebracht werden. Dass sie überhaupt noch leben, verdanken sie zwei deutschen Hubschrauber-Besatzungen. Die waren trotz Dunkelheit gestartet und an der Anschlagsstelle gelandet, obwohl sie weder die Konturen des Bodens noch Hindernisse erkennen konnten. Einige Tage darauf besuchte ein UN-General die deutschen Helikopter-Besatzungen und bedankte sich für den riskanten Einsatz.

          Im Hangar bereiten die Techniker die „Skywalker“-Drohne für die nächste Mission vor. Es könnte sein, dass sich der Einsatzraum schon bald auf Zentralmali konzentriert. Das UN-Hauptquartier in New York will auf die angespannte Sicherheitslage reagieren und höchstwahrscheinlich Truppen aus dem Norden dorthin verlagern. In Zentralmali leben drei Millionen Menschen auf vergleichsweise engem Raum, im Norden hingegen nur 500.000 in einem Gebiet von der doppelten Größe der Bundesrepublik. Eine solche Entscheidung würde allerdings bedeuten, dass weitere Gebiete im Norden an Terroristen, Drogen- und Menschenschmuggler fallen könnten. „Wenn sich politisch nicht bald etwas ändert und der malische Staat nicht für Sicherheit sorgen kann, dann droht die Gefahr, dass das Land wieder im Chaos versinkt und weite Teile unregierbar werden“, sagt ein europäischer Diplomat in Bamako. Mali steht an einem Scheideweg. Und mit ihm der Einsatz der Bundeswehr.

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