16.09.2009 · Von einem „Einschnitt“ sprach der Außenminister, von einem „Brennglas“ die Kanzlerin: Für die deutschen Soldaten in Kundus hat sich nach dem verheerenden Luftangriff auf den Tanklastzug die Lage verschärft. Entsetzt verfolgen sie die Debatte über Oberst Klein.
Von Stephan Löwenstein, Kundus/KabulAls das Wasser in das umgestürzte Fahrzeug schoss, dachte der Soldat auf dem Beifahrersitz sofort an die drei Kameraden, die im Juni in einem Transportpanzer ertrunken sind. Die Sicherheitsgurte hatten ihn nach der Explosion fest an den Sitz gezogen. Der Oberfeldwebel hatte die Augen offen gelassen, solange es ging, um besser reagieren zu können. Er hatte den roten Blitz aus dem Auto des Selbstmordattentäters gesehen, und wie dessen Tür sich „aufpellte“. „Dann war da schon der Blast.“ Den elf Tonnen schweren Dingo-Transporter schleuderte es längs und quer um die eigene Achse, bis er in einen Wassergraben stürzte.
Der Mann sah zu, dass sein Fahrer, der unten lag, herauskam, dann schnitt er sich selbst los und kletterte aus dem Dingo, dessen Panzerung seinen Insassen das Leben gerettet hatte. Auch die anderen konnten schnell herauskommen; zum Glück war der Graben diesmal nicht so tief. Dann griff sofort die Routine: Umgebung sichern, sich um verwundete Kameraden kümmern, die womöglich unter Schock stehen, nach möglichen anderen Bomben suchen.
„Die Kompanie wusste, was auf sie zukommt“
Es sind sehr einsatzerfahrene Männer und Frauen, die Soldaten der Infanteriekompanie aus dem Fallschirmjägerbataillon 261, das zu Hause im saarländischen Lebach stationiert ist. Seit Somalia 1993 ist diese Truppe auf fast allen Schauplätzen gewesen, wo die Bundeswehr an Land eingesetzt wurde, von Kongo bis Kundus. Hier waren sie erst letztes Jahr schon einmal gewesen. „Die Kompanie wusste, was auf sie zukommt“, sagt ihr Chef, Hauptmann Thomas K. Der Unterschied zum vorigen Jahr ist signifikant. 14 „Tics“ hat diese Truppe bereits gehabt, seit sie Anfang Juli wieder hierher kam; das Kürzel steht im Nato-Jargon für Feindberührungen, „Troops in Contact“.
Darunter waren zwei schwere Feuergefechte, die sich über mehrere Stunden hinzogen. Am Dienstag, als der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, die Truppe in Kundus besucht, wird ein weiterer gemeldet: „IED in Taloqan“, ruft ein Soldat in eine Gesprächsrunde. Eine Bodenmine, aber keine Verletzten. Erleichtert stößt der General die Luft aus.
„Eindeutig Mord“
„Man kann sich als Soldat nicht mehr frei bewegen“, sagt Hauptfeldwebel W., der eine Teileinheit der Kompanie führt, den „Golf“-Zug. Letztes Jahr sind sie noch in leicht geschützten Fahrzeugen in die Dörfer gefahren, um mit den Leuten zu sprechen. Jetzt brauchen sie die schweren Dingos und Fuchs-Transportpanzer. Die böten guten Schutz, sagt ein anderer Zugführer, aber man sei aufgrund der Größe und des Gewichts mit ihnen auch „gehandicapt“. Und früher seien sie „mit offenen Armen empfangen“ worden. Jetzt hielten die Dorfbewohner auf Distanz: Sie würden von den Taliban mit dem Tode bedroht, wenn sie mit den westlichen Truppen sprechen. Er habe selbst beobachten können, sagt der Hauptfeldwebel, wie sich Bewaffnete auch am helllichten Tag zwischen Frauen und Kindern im Dorf frei bewegen.
Zu Hause, in Deutschland, ist es vielen wie eine Zäsur erschienen, als der Kommandeur in Kundus, Oberst Georg Klein, vor bald zwei Wochen einen Luftangriff auf mutmaßliche Talibankämpfer befohlen hat, die zwei Tanklastwagen gekapert hatten. Eine Bundestagsdebatte wurde anberaumt. Von einem „Einschnitt“ sprach der Außenminister, von einem „Brennglas“, in dem sich die Fragen dieses Einsatzes bündelten, die Kanzlerin. Verurteilungen kamen von der Linkspartei: „Eindeutig Mord“ sei es, wenn unschuldige Dorfbewohner, die bloß für sich Benzin abzweigen wollten, bombardiert würden, befand der frühere Richter Neskovic, der später Wert darauf legte, dass dieser Wenn-Satz eine einschränkende Konditionierung darstelle. In Zeitungsartikeln wurden Überlegungen über die Höhe des Strafmaßes angestellt, das Oberst Klein drohe.
Binnen drei bis fünf Sekunden müsse man handeln
Die Soldaten hier erscheinen immer noch fassungslos über die Reaktionen, und sie haben offensichtlich das Bedürfnis, diesem Empfinden nach außen hin Ausdruck zu geben. „Mir ist es völlig unverständlich, wie sich nur Stunden nach dem Vorfall Politiker in Deutschland gleich zu Wort gemeldet haben“, sagt einer. Um Vorteile im Wahlkampf zu bekommen, „werden die Entscheidung und die Soldaten in den Dreck gezogen“. Die Berichterstattung der Medien wird als verzerrend empfunden: Über mögliche Ziviltote werde geschrieben, aber nicht über die Taliban und dass sie beispielsweise die Fahrer der Lastwagen kaltblütig ermordet haben. „Wir stehen als Kompanie voll und ganz hinter dem Oberst.“
Belastend ist für die Soldaten das Wissen, dass die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wird, wenn womöglich „Zivilisten“ umgekommen sind. „Wir haben jede Woche die Entscheidung zu treffen: Schießen - nicht schießen“, sagt ein Hauptfeldwebel. Binnen drei bis fünf Sekunden müsse man handeln. Jeder Führer müsse dabei abwägen, was für Folgen seine Entscheidung für Dritte haben könne. Es sei im Grunde dieselbe Entscheidung, wie sie in einem anderen Maßstab der Oberst getroffen habe.
Von deren Drängen, massiver vorzugehen
Aus heiterem Himmel kam der Vorfall nicht. Er fügte sich in eine Entwicklung, in der die Soldaten auf immer intensivere, „kriegsmäßige“ Angriffe reagierten. Seit Ende 2007 wurden immer öfter Raketen auf das Feldlager Kundus geschossen. Im vergangenen Jahr häuften sich die Angriffe mit selbstgebastelten Bomben, sogenannten IEDs. Auch Angriffe mit Handwaffen und Panzerfäusten wurden häufiger. Im Frühjahr änderte sich die Qualität dieser Hinterhalte, sie wurden geplanter, „militärischer“, näherten sich der Intensität an, wie sie die Nato-Truppen im Süden und Osten des Landes schon seit Jahren kennen. Dabei fordern die Bomben der Aufständischen unter den afghanischen Sicherheitskräften, der Armee und vor allem der Polizei, aber auch in der Bevölkerung den weitaus größten Blutzoll. Am Tag der Präsidentenwahl im August wurden erstmals seit dem Bürgerkrieg in den neunziger Jahren wieder Raketen auf die Stadt Kundus geschossen.
Aber auch die Reaktion der Bundeswehr änderte sich. Patrouillen legten es nicht mehr nur darauf an, durch Hinterhalte „hindurchzustoßen“, sondern sie nahmen Gefechte an, verfolgten Angreifer, setzten zum ersten Mal ihre Schützenpanzer Marder ein, die mit einer Zwanzig-Millimeter-Kanone verheerende Sprengbrandgeschossen auf einen Feind bringen kann. Es sei Zeit gewesen, „diese Eskalation jetzt vorzunehmen“, sagte damals Schneiderhan. Doch manchen unter den afghanischen Sicherheitskräften scheint das nicht genug gewesen zu sein. Von deren Drängen, massiver vorzugehen, zeugen Äußerungen nach dem Luftschlag vom 4. September, wonach es noch einiger weiterer solcher Angriffe bedürfe, dann sei das Problem erledigt.
danke FAZ
Matthias Hühn (matthiashuehn)
- 15.09.2009, 21:05 Uhr
Wer Kriegsrecht statt Zivilrecht will, der muss erstmal wählen gehen
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 15.09.2009, 21:09 Uhr
Fassungslosigkeit über "Lug und Betrug" bzgl. der Afghanistaneinsatzes....
Anna-Maria Lanz (am.lanz)
- 15.09.2009, 21:09 Uhr
Wenn die Soldaten so bloed sind an den Sinn ihres Einsatzes zu glauben
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 15.09.2009, 21:10 Uhr
Verwunderung
Ulrich Haselmann (oliver12345)
- 15.09.2009, 21:13 Uhr