Der deutsche Beitrag zur Verteidigung der Türkei wartet auf einem Hügel über dem nördlichen Ende der Stadt. Eine Handvoll schwerer Lastwagen steht im Gelände, beladen mit Lenkflugkörpern. Sie stehen einsam auf dem Feld. Wenn die Waffen scharf geschaltet sind, bleiben ihnen die Soldaten wegen der starken Strahlung des Radargeräts fern. Die Steuerung erfolgt aus der Ferne, aus einem Operationszentrum, das ein paar hundert Meter weiter unten aufgebaut ist. Syrien sieht man von hier nicht, die Grenze ist hundert Kilometer entfernt. Selbst die Schutzbefohlene der Deutschen, die anatolische Stadt Kahramanmaras mit ihren 600.000 Einwohnern, verbirgt sich an diesem Morgen unter einer Dunstglocke im Tal. Nur ein bunter Freizeitpark, in den türkische Familien zum Picknick kommen, ist zu sehen. Er liegt direkt unterhalb der deutschen Stellung. Vom Restaurant aus haben die Gäste einen Panoramablick auf das schwere Gerät, das die Bundeswehr hierhin verlegt hat.
Seit einer Woche sind die deutschen Patriot-Batterien einsatzbereit, und das ist für die Bundeswehr eine Premiere. Sie hat zwar schon einmal Flugabwehrraketen in die Türkei verlegt, das war 1991 während des Golfkriegs. Aber das waren andere Modelle, die längst ausgemustert sind. Mit den Patriots, einem besonders leistungsstarken Waffensystem, das bis zu hundert Ziele gleichzeitig verfolgen kann, war die Bundeswehr noch nie im Einsatz. Einmal im Jahr übt sie mit dem Gerät auf einem Nato-Schießplatz auf Kreta. Sonst wird mit Computersimulationen trainiert.
In der deutschen Stellung in Kahramanmaras herrscht trotzdem keine Aufregung, sondern das geschäftige Treiben, das auch in Feldlagern in Afghanistan oder im Kosovo zu erleben ist. Die deutschen Soldaten sind in einer weitläufigen Kaserne der türkischen Armee untergekommen, am Tor steht jetzt auch auf Deutsch: „Militärische Sicherheitszone, Eintritt verboten“. Drinnen steht das Gerät der Bundeswehr in tiefem Schlamm, mit 300 Soldaten und 200 Fahrzeugen sind die Flugabwehrraketengruppen 21 und 24 aus Sanitz und Bad Sülze angereist. Die beiden Städte lägen bei Rostock, in der Nähe der Ostsee, erklärt ein Offizier ausländischen Besuchern. Als er fragende Blicke erntet, sagt er, Hamburg sei auch nicht weit weg.
Der größtmögliche Schutz mit begrenzten Mitteln
Dass die beiden Verbände im Südosten der Türkei stehen, hat mit einem Beschluss der Nato vom Dezember zu tun. Immer wieder hatten die syrischen Streitkräfte im vergangenen Jahr über die Grenze hinweg auf türkisches Territorium geschossen. Das waren zwar nur kleinere Geschosse. Im Bündnis kam aber trotzdem die Sorge auf, dass das Assad-Regime in einem letzten Aufbäumen vielleicht auf die Idee kommen könnte, ballistische Raketen in das Nachbarland zu feuern, um den Bürgerkrieg zu internationalisieren. Gegen sein eigenes Volk setzt Assad bereits ohne Skrupel Raketen ein. Die potentielle Bedrohung erschien den Militärs in der Allianz besonders hoch, da bekannt ist, dass das syrische Regime Chemiewaffen besitzt.
Ob es die auf Raketen montieren kann, ist zwar unklar. Die Nato beschloss aber einstimmig, ihren Verbündeten für den Fall der Fälle mit einer geeigneten Verteidigung zu versehen. Das türkische Militär hat eine große Flugabwehr, aber keine Waffensysteme gegen ballistische Raketen. In der Nato gibt es nur drei Länder, die den benötigten modernsten Typ der Patriots unterhalten: die Vereinigten Staaten, die Niederlande und Deutschland. Und deshalb ist jetzt jede dieser Nationen mit jeweils zwei Batterien an der Südflanke des Bündnisses stationiert. Zwei müssen es sein, falls eine ausfällt.
Als Standorte hat sich die Allianz, nach intensiver Rücksprache mit dem türkischen Militär, drei große Bevölkerungszentren ausgesucht, von denen Kahramanmaras eines ist. Die Amerikaner stehen in Gaziantep, etwas näher an der Grenze, die Niederländer weiter westlich in Adana. Die Städte sind wenige Autostunden voneinander entfernt. Es soll mit begrenzten Mitteln der größtmögliche Schutz gewährt werden. Insgesamt leben 3,5 Millionen Menschen in dem Einzugsgebiet, das von den Nato-Batterien abgedeckt wird. Das ist beileibe nicht das gesamte Grenzgebiet zu Syrien, aber es geht ja auch vor allem darum, Assad die Botschaft zu schicken, dass das Bündnis fest an der Seite der Türkei steht. Den deutschen Steuerzahler wird das voraussichtlich 25,1 Millionen Euro für die ersten zwölf Einsatzmonate kosten.
Ein rein defensiver Einsatz
Oberstleutnant Frank Schulz, dem stellvertretenden Befehlshaber der Stellung, gefällt der Aspekt der Bündnissolidarität besonders gut. „Hier kann man sehen, was die Nato ausmacht“, sagt er. Ein Verbündeter fühle sich bedroht, ein anderer helfe. Schulz hat sich außerdem gefreut, dass er und seine Kameraden mit einem belgischen Flugzeug ins Einsatzgebiet gekommen sind. Auch das sei eben gute Zusammenarbeit im Bündnis. Bequem sei der belgische Flieger obendrein noch gewesen.
Oberst Marcus Ellermann, der Kommandeur, der ein Ortsschild seiner Heimat Husum am Eingang seines Bürocontainers aufgehängt hat, hebt noch einmal hervor, dass es sich um einen rein defensiven Einsatz handle. Die Patriot-Raketen seien bewusst in gehörigem Abstand zur syrischen Grenze aufgestellt worden, so dass ein Abschuss nur über türkischem Gebiet möglich sei. Sechs Startgeräte seien aufgebaut, bis zu zehn könne man aufbieten, ganz wie die Lage es erfordere. „Es wäre aber gut, wenn wir gar keinen Schuss abgeben müssen.“ Im Ernstfall bliebe seinen Männern nicht viel Zeit, denn eine Scud-Rakete, die von Syrien aus Richtung Norden gefeuert wird, lässt den Verteidigern weniger als fünf Minuten Reaktionszeit. Deshalb wird hier rund um die Uhr Dienst geschoben. Dass ein Abschuss stattgefunden hat, können die Patriots mit ihrem eigenen Radar feststellen; in der Nato werden aber auch andere Aufklärungserkenntnisse ausgewertet, etwa aus Satelliten.
Viel Lob für die türkischen Gastgeber
Der Befehl zum Abschuss käme aus Ramstein in Deutschland, wo das Luftwaffenkommando der Nato liegt, der Knopf würde in Kahramanmaras gedrückt. Anfliegende ballistische Raketen kann das Waffensystem sogar automatisch abschießen. Das geschieht bei der neueren Version PAC-3, indem ein Lenkflugkörper in die angreifende Rakete gesteuert wird; bei der älteren Version PAC-2 wird der Lenkflugkörper in der Nähe der Rakete zur Explosion gebracht. In der deutschen Stellung gibt es beide Systeme, so wie auch bei den Amerikanern und Niederländern. Die Lastzüge mit den PAC-3-Raketen tragen 16 Lenkflugkörper, die anderen vier. Wenn sie leergeschossen sind, wird nachgeladen, was etwa eine halbe Stunde dauert. „Wir haben genug, um unseren Auftrag zu erfüllen“, versichert Oberstleutnant Schulz.
Der Einsatz läuft, aber die Bundeswehr ist noch damit beschäftigt, sich in der Stellung einzurichten. Ihre türkischen Gastgeber renovieren gerade eine Unterkunft und bauen eine neue für die Kameraden aus Deutschland. Das soll Ende Februar erledigt sein. So lange schlafen die Soldaten noch in Hotels in der Stadt. Später sollen Türkischkurse angeboten werden, auch wenn das Kontingent nach vier Monaten abgelöst wird. Die deutschen Offiziere sind voll des Lobes für die türkischen Gastgeber. Mancher fragt sich im Stillen, wie er sich wohl gefühlt hätte, wenn über Nacht ein halbes ausländisches Bataillon in der heimischen Kaserne aufgetaucht wäre und sich mit Hunderten Fahrzeugen und Containern breitgemacht hätte. Dass es zu Beginn des Einsatzes einen letztlich harmlosen Angriff nationalistischer Demonstranten auf die deutschen Soldaten gab, habe niemanden beunruhigt, berichtet Kommandeur Ellermann. In einer Demokratie müsse man mit Protest leben.
Wie lange wird die Bundeswehr auf dem Hügel von Kahramanmaras bleiben? „So lange es nötig ist.“
Aus Soldatensprache übersetzt,
Carsten Berg (Carberg)
- 09.02.2013, 11:27 Uhr
Bitte nochmal nachfragen!
Jean Claude (jeanclaudemerlot)
- 08.02.2013, 17:50 Uhr
Ich verstehe es nicht, kann mir jemand helfen
klaus keller (klkeller)
- 08.02.2013, 15:49 Uhr
