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Bundeswehr in der Türkei Am liebsten gar nicht schießen

Erklärtes Ziel der deutschen Soldaten in der Türkei ist es, ihre Patriot-Abwehrbatterien gar nicht einzusetzen. Käme aber doch eine Rakete aus Syrien, blieben der Bundeswehr kaum fünf Minuten.

© REUTERS Vergrößern Erster Einsatz: Eine Patriot-Raketenbatterie in Kahramanmaras - 3549 Kilometer von Rostock oder 3613 Kilometer von Hamburg entfernt, auf dem Landweg

Der deutsche Beitrag zur Verteidigung der Türkei wartet auf einem Hügel über dem nördlichen Ende der Stadt. Eine Handvoll schwerer Lastwagen steht im Gelände, beladen mit Lenkflugkörpern. Sie stehen einsam auf dem Feld. Wenn die Waffen scharf geschaltet sind, bleiben ihnen die Soldaten wegen der starken Strahlung des Radargeräts fern. Die Steuerung erfolgt aus der Ferne, aus einem Operationszentrum, das ein paar hundert Meter weiter unten aufgebaut ist. Syrien sieht man von hier nicht, die Grenze ist hundert Kilometer entfernt. Selbst die Schutzbefohlene der Deutschen, die anatolische Stadt Kahramanmaras mit ihren 600.000 Einwohnern, verbirgt sich an diesem Morgen unter einer Dunstglocke im Tal. Nur ein bunter Freizeitpark, in den türkische Familien zum Picknick kommen, ist zu sehen. Er liegt direkt unterhalb der deutschen Stellung. Vom Restaurant aus haben die Gäste einen Panoramablick auf das schwere Gerät, das die Bundeswehr hierhin verlegt hat.

Nikolas Busse Folgen:      

Seit einer Woche sind die deutschen Patriot-Batterien einsatzbereit, und das ist für die Bundeswehr eine Premiere. Sie hat zwar schon einmal Flugabwehrraketen in die Türkei verlegt, das war 1991 während des Golfkriegs. Aber das waren andere Modelle, die längst ausgemustert sind. Mit den Patriots, einem besonders leistungsstarken Waffensystem, das bis zu hundert Ziele gleichzeitig verfolgen kann, war die Bundeswehr noch nie im Einsatz. Einmal im Jahr übt sie mit dem Gerät auf einem Nato-Schießplatz auf Kreta. Sonst wird mit Computersimulationen trainiert.

In der deutschen Stellung in Kahramanmaras herrscht trotzdem keine Aufregung, sondern das geschäftige Treiben, das auch in Feldlagern in Afghanistan oder im Kosovo zu erleben ist. Die deutschen Soldaten sind in einer weitläufigen Kaserne der türkischen Armee untergekommen, am Tor steht jetzt auch auf Deutsch: „Militärische Sicherheitszone, Eintritt verboten“. Drinnen steht das Gerät der Bundeswehr in tiefem Schlamm, mit 300 Soldaten und 200 Fahrzeugen sind die Flugabwehrraketengruppen 21 und 24 aus Sanitz und Bad Sülze angereist. Die beiden Städte lägen bei Rostock, in der Nähe der Ostsee, erklärt ein Offizier ausländischen Besuchern. Als er fragende Blicke erntet, sagt er, Hamburg sei auch nicht weit weg.

Der größtmögliche Schutz mit begrenzten Mitteln

Dass die beiden Verbände im Südosten der Türkei stehen, hat mit einem Beschluss der Nato vom Dezember zu tun. Immer wieder hatten die syrischen Streitkräfte im vergangenen Jahr über die Grenze hinweg auf türkisches Territorium geschossen. Das waren zwar nur kleinere Geschosse. Im Bündnis kam aber trotzdem die Sorge auf, dass das Assad-Regime in einem letzten Aufbäumen vielleicht auf die Idee kommen könnte, ballistische Raketen in das Nachbarland zu feuern, um den Bürgerkrieg zu internationalisieren. Gegen sein eigenes Volk setzt Assad bereits ohne Skrupel Raketen ein. Die potentielle Bedrohung erschien den Militärs in der Allianz besonders hoch, da bekannt ist, dass das syrische Regime Chemiewaffen besitzt.

Infografik / Karte / Türkei Syrien Grenze © F.A.Z. Bilderstrecke 

Ob es die auf Raketen montieren kann, ist zwar unklar. Die Nato beschloss aber einstimmig, ihren Verbündeten für den Fall der Fälle mit einer geeigneten Verteidigung zu versehen. Das türkische Militär hat eine große Flugabwehr, aber keine Waffensysteme gegen ballistische Raketen. In der Nato gibt es nur drei Länder, die den benötigten modernsten Typ der Patriots unterhalten: die Vereinigten Staaten, die Niederlande und Deutschland. Und deshalb ist jetzt jede dieser Nationen mit jeweils zwei Batterien an der Südflanke des Bündnisses stationiert. Zwei müssen es sein, falls eine ausfällt.

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