03.06.2006 · Nahe Mazar-i-Sharif in der nördlichen Einöde Afghanistans, fernab von den Unruhen Kabuls, hat das Isaf-Kontingent der Bundeswehr sein Lager aufgeschlagen. Die Gegend ist friedlich, aber keineswegs stabil.
Von Ahmad Taheri, Mazar-i-SharifDer heftige Sandsturm verdeckt die glühende Sonne. Die Temperaturen sind aber mörderisch, mehr als 40 Grad im Schatten. Für ihr hartes Klima ist die nordafghanische Stadt Mazar-i-Sharif, die „edle Grabstätte“, bekannt.
Nach dem Volksglauben befindet sich in der drittgrößten afghanischen Stadt unweit des Flusses Amu Darja das Grab Alis, des vierten Kalifen und Neffen und Schwiegersohns des Propheten. Sein türkisblaues Mausoleum in der Mitte der Stadt ist für Schiiten und Sunniten das höchste Heiligtum Afghanistans. Daß Ali tatsächlich im irakischen Nadschaf seine letzte Ruhestätte hat, kümmert die Afghanen nicht.
Einöde ohne Bäume
Mazar-i-Sharif ist von einer einzigen Einöde umgeben. Es gibt keine Bäume, die Schatten spenden, nur gelbgraue Erde. Zwanzig Minuten Autofahrt von der Stadt entfernt hat das deutsche Kontingent der internationalen Schutztruppe Isaf sein Lager errichtet. Anfang März 2006 kamen etwa 450 Soldaten aus Deutschland nach Mazar, um hier ihr Feldlager aufzubauen.
Das gesamte Material wurde eingeflogen. Der Komplex aus Baracken, Containern und Zelten ist nun fast fertig. Die Außenwände der Container sind aus Stahl, die Innenwände aus Aluminium. In den Containern spendet die Klimaanlage kühle Luft.
Die Stuben der Mannschaft reihen sich entlang der langen Flure aneinander. Zur Zeit wohnen die Soldaten und Offiziere in den kleinen Räumen zu zweit. Wenn im August weitere 450 Soldaten kommen, müssen die Zimmer mit drei Kameraden belegt werden. Der einzige, der einen Raum allein bewohnt, ist der Oberbefehlshaber der Isaf in den neun nördlichen Provinzen des Landes, der Brigadegeneral Markus Kneip.
Leberkäse und Brezeln
Gegessen wird in einem riesigen Zelt. Es gibt drei Mahlzeiten am Tag. Die Lebensmittel werden aus Deutschland eingeflogen. Nur das Obst wird im heimischen Basar gekauft. Die Soldaten sollen die gewohnte heimatliche Kost bekommen. Einmal kam sogar eine Lieferung mit 300 Kilo Leberkäse und 2000 Brezeln, gespendet von seiner Exzellenz, dem deutschen Botschafter.
Die einfachen Soldaten haben kaum Kontakt zur Bevölkerung. Die einzigen Afghanen, die sie bis jetzt zu Gesicht bekommen haben, sind Dolmetscher, Arbeiter und drei Berater, die die Deutschen in afghanischen Sitten und Bräuchen unterweisen.
Doch die hohen Offiziere und vor allem der General haben enge Kontakte mit den Honoratioren der Stadt. Der Imam des Mausoleums besuchte das Lager, und der Gouverneur der Provinz Balgh, dessen Hauptstadt Mazar-i-Sharif ist, stattete dem Brigadegeneral einen Gegenbesuch ab.
„Wir sind beide Arier“
Ata Mohammad Nur, ein baumlanger Tadschike, der einst Mitkämpfer von Ahmad Schah Masud war, hat die Provinz fest im Griff. Vor einem Jahr hat er seinen Rivalen Abdulraschid Dostum aus der Stadt vertrieben. Der ehemalige Krieger Ata Mohammad tritt inzwischen in Anzug und weißen italienischen Lederschuhen auf.
Früher trug er Mudschahedinkluft und einen langen schwarzen Bart, der inzwischen einem Dreitagebart gewichen ist. Der Gouverneur hat nach eigenem Bekunden eine Schwäche für die Deutschen. „Wir sind froh, daß sie hier sind. Wir sind beide Arier, wir sind also Vettern“, sagt er.
Vier Monate bleiben die deutschen Soldaten jeweils in Masar-i-Sharif, dann werden sie abgelöst. Haben sie Langeweile? „Nein“, sagt der Unteroffizier Denis H., „dafür haben wir hier keine Zeit. Wir müssen zwölf Stunden am Tag arbeiten.“
Friedlicher Norden
Denis H., 23 Jahre alt, hat sich für fünf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Seine Eltern und seine Freundin seien besorgt, sagt er, wegen der Berichte in den deutschen Medien über die zunehmende Gewalt in Afghanistan. Doch Denis versucht, sie mit Telefonaten und Briefen zu beruhigen. Die Feldpost kostet nicht mehr Porto als ein deutscher Inlandsbrief und braucht vier Tage bis eine Woche. Angst hat hier anscheinend keiner. Zu schaffen macht den Soldaten nur das ungewohnte Wetter.
Zwischen dem Norden und dem Süden Afghanistans liegen tatsächlich Welten. „Seit wir hier sind, wurde die Lage nur ein einziges Mal bedrohlich“, sagt der Pressesprecher des Kontingents, Oberstleutnant Markus Werther. Das Bild Afghanistans im Westen, so der Presseoffizier, sei von den Kämpfen im Süden des Landes geprägt. Daß in den nördlichen Provinzen relative Ruhe und Frieden herrschten, bleibe unbekannt.
„Eine Reihe von Unruhestiftern“
Am späten Nachmittag findet der Brigadegeneral Markus Kneip Zeit für den Besucher aus Deutschland. Der 50 Jahre alte Offizier, der zuvor in Sachsen diente, betrachtet die Aufgabe der Isaf als „sehr komplex“. Von Stabilität in den nördlichen Provinzen könne man noch nicht reden, sagt er. Doch Gefahr für Leib und Leben der Soldaten bestehe hier nicht.
Die Zusammenarbeit mit der örtlichen Verwaltung sei ausgezeichnet. Schönfärberei ist nicht die Sache des hochgewachsenen, schlanken Generals mit dem freundlichen Lächeln. „Es gibt in der Region eine Reihe von Unruhestiftern“, sagt er. Es gebe kriminelle Banden, politisch motivierte Gruppen, die miteinander kämpfen, und schließlich Extremisten, die die staatliche Ordnung untergraben wollen.
Vier Helfer ermordet
Die Isaf solle sich demnächst im Westen, Süden und Osten unter dem Oberkommando der Nato erweitern. „Mir sind aber 200 zivile Helfer lieber als 200 Soldaten mehr“, sagt Markus Kneip. Zur einer weiteren Erläuterung kommt er leider nicht. Denn der Pressesprecher betritt den Raum und überreicht dem General ein Stück bedrucktes Papier.
Dessen freundliche Miene verdunkelt sich. Eine gewisse Spannung herrscht im Raum. Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Eine halbe Stunde später erfährt der Besucher den Grund für den Stimmungswechsel: Auf dem dem Weg nach Schabarghan, 100 Kilometer entfernt von Masar, wurden vier Mitarbeiter der Hilfsorganisation Action Aid von Unbekannten ermordet.
Kämpfe um Projektgelder
Die Isaf ist zuständig für den Schutz der Wiederaufbauprojekte. Solche Anschläge werden gewöhnlich von den Regierungsstellen den Taliban zugeschrieben. Es gibt zwar im Norden auch kleine Gruppen der „Koranschüler“, aber viel seltener als ihre Gesinnungsgenossen im Süden schlagen sie so blutig zu. Viel öfter werden ausländische Helfer Opfer der Kämpfe zwischen Gruppen, die versuchen, die Projektgelder an sich zu reißen.
In unserer Herberge sitzt der Wirt mit einem halben Dutzend weiterer Männer in der Halle vor dem Fernseher. Bilder vom blutigen Aufruhr in Kabul laufen über den Bildschirm. Der Privatsender „Ariana“ ist eingeschaltet. Vor dem Kabuler Sitz des Fernsehsenders unweit des Parlaments brennen einige Autos. Über die Mauern des Gebäudes lodern Flammen.
Die Menge ruft „Tod Amerika, Tod Karzai!“ Im Untertext laufen ständig Appelle an die Sicherheitskäfte: „Wir bitten euch, uns zu helfen.“ Doch auch nach einer halben Stunde ist kein Polizist in Sicht. Die Bilder werden wackelig, die Flammen schlagen immer höher. Plötzlich brechen die Bilder ab. Gezeigt wird in der nächsten Stunde ein Film über indische Elefanten. Auf den anderen Kanälen werden Bilder von Plünderungen gezeigt.
„Besoffene amerikanische Soldaten“
Der Wirt, ein Tadschike, der in Kabul Verwandte hat, versucht mit seinem Mobiltelefon vergeblich, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Er schüttelt jedesmal den Kopf. Der Amerikaner sei bestimmt betrunken gewesen, sonst hätte er nicht 22 Autos gerammt. Doch er schimpft mehr über den Mob, der Geschäfte in Brand steckt und Gästehäuser plündert, als über „besoffene amerikanische Soldaten“.
Am Abend ist auf allen Kanälen die Stunde der Diskussion. Die Politiker reden von geplantem Aufruhr gegen den Staat, die Wissenschaftler von sozial motivierter Unzufriedenheit der Jugend. Die Moderaten werfen dem Kabuler Polizeichef Dschamil Dschonbesch vor, er habe seine Männer nicht rechtzeitig in Marsch gesetzt, um die Plünderungen zu verhindern.
„Ich habe einmal einen Mörder erschießen lassen“, sagt der Polizeichef. „Dann protestierten etliche Menschenrechtsorganisationen.“ Jetzt aber habe Herr Karzai befohlen, bei solchen Anlässen solle die Polizei sofort eingreifen. „Nun wehe dem, der einen falschen Schritt macht“, sagt er. Bis auf weiteres hat er eine Ausgangssperre von 22 Uhr bis 4 Uhr morgens verkündet.
„Dumme Politiker“
Da die meisten Demonstranten Tadschiken aus dem Norden sind, können die Politiker nicht die paschtunischen Taliban ins Spiel bringen. „Es war eine kommunistische Verschwörung“, sagt Sibgatullah Mudschadadi, ehemals Mudschahedinführer und derzeit Präsident der Meschrano-Jirga, des afghanischen Senats.
Denn die Kommunisten hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum, begründet er seine merkwürdige Vermutung. „Wenn wir von solchen dummen Politikern regiert werden, wird Afghanistan nie zur Ruhe kommen“, sagt der Wirt. Er war früher selbst ein Anhänger der Kommunisten.