Home
http://www.faz.net/-gq5-sgbq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bundeswehr in Afghanistan Kampfhandlungen bei Kundus

28.06.2006 ·  Minengefahr, Materialverlust, verbrauchte Munition: In Afghanistan steht die Bundeswehr vor vielfältigen Problemen. Mehr Verantwortung bedeutet auch mehr Anschläge. Zudem hat sich die Qualität der Angriffe geändert.

Von Stephan Löwenstein, Berlin
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (4)

Es war die klassische Zeit für einen Angriff: in den frühen Morgenstunden. Auf eine Bundeswehrpatrouille aus Faizabad wurde an jenem 6. April eine Panzerfaust abgefeuert, sie verfehlte zum Glück ihr Ziel. Dann wurde die Patrouille unter Gewehrfeuer genommen. Die Soldaten traten sofort den Rückzug an und schossen nur ungezielt zurück. Statt - wie früher die klassische Reaktion gewesen wäre - sich dabei auszubreiten, lautet die Regel in Auslandseinsätzen wie dem in Afghanistan: möglichst immer in der eigenen Spur zurück.

Sich der ständigen Minengefahr bewußt zu sein, gehört zu den wichtigsten Ausbildungsabschnitten in der Einsatzvorbereitung. Dabei wird es heikel, wenn ein Fahrzeug liegenbleibt. Soldaten schildern, einer der „Wolf“-Geländewagen sei wegen Schwierigkeiten mit der Bordelektronik nicht angesprungen: Man habe ihn „praktisch unter Feuer“ abschleppen müssen, und dann sei auch noch das Seil gerissen. Einige Ausrüstungsgegenstände seien bei jenem vorösterlichen Überfall auf der Strecke geblieben. Das Verteidigungsministerium bestreitet diese Darstellung: Ihm seien diese KFZ-Probleme „nicht bekannt“.

„Hit and Run“ - Schießen und Verschwinden

Materialverlust oder verbrauchte Munition infolge von Kampfhandlungen - solche Meldungen sind auf Bundeswehrformulare wohl erst selten getippt worden. Es könnte allerdings immer öfter vorkommen. Erst in der Nacht vom Mittwoch ereignete sich ein ähnlicher Vorfall, wieder mit einer Panzerfaust. Diese sogenannten RPG (von „Rocket Propelled Grenade“) meist sowjetischer Bauart sind in Afghanistan aus Zeiten des Krieges der Mudschaheddin gegen die kommunistischen Invasoren fast ebenso verbreitet wie das Sturmgewehr AK-47, die „Kalaschnikow“.

Diesmal beschädigte der Schuß eines der beiden Patrouillenfahrzeuge, drei Soldaten wurden durch Splitter leicht verletzt. Eine weitere Patrouille konnte schnell zur Hilfe kommen, man feuerte aus den Bordwaffen in Richtung der Angreifer - ob dort jemand getroffen wurde, oder ob sie nach dem modernen Guerilla-Prinzip „Hit and Run“, Schießen und Verschwinden, vorgingen, war am Mittwoch ungewiß.

Drei Anschläge in den letzten drei Tagen

Oft allerdings bekommen die ausländischen Soldaten in Afghanistan überhaupt nicht Gelegenheit zurückzuschießen. Die meisten Angriffe sind Anschläge durch selbstgebastelte Bomben. Die Zahl allerdings nimmt zu. Den ersten Anschlag gegen deutsche Kräfte gab es 2003, 2004 waren es vier, 2005 neun. Diese Zahl ist 2006 schon in dem bislang verstrichenen ersten halben Jahr übertroffen worden, registriert wurden 13 Anschläge gegen deutsche Kräfte, davon drei in den letzten drei Tagen.

Da wurde am Montag - wohl eher zufällig - das Fahrzeug eines deutschen Verbindungsoffiziers bei einem Anschlag auf eine amerikanische Kolonne nahe dem Stützpunkt Bagram mitgetroffen. Am Dienstag dann der Selbstmordanschlag in Kundus, bei dem der Täter auch zwei afghanische Passanten tötete; und am Mittwoch das Feuergefecht bei Kundus.

Zwei ungeschützte Lastwagen in Kolonne

Neben den geschilderten Überfällen mit Feuerwaffen war das etwa ein Anschlag mit einem zeitgezündeten Sprengsatz auf einem abgestellten Fahrrad im Februar, als deutsche Soldaten gerade auf dem Markt einkaufen gingen. Ein Bundeswehrmann wurde verletzt, ebenso zehn afghanische Passanten, von denen einer später starb. Auch einem Fahrrad-Sprengsatz etwa 25 Kilometer nördlich von Kundus fiel Anfang April wieder ein Afghane zum Opfer.

Am 22. Mai wurde ein „Fuchs“-Spähpanzer des PRT („Provincial Reconstruction Team“) Kundus schwer beschädigt, als eine Sprengladung genau unter ihm gezündet wurde. Am 13. Juni wurden zwei deutsche Soldaten bei Faizabad verwundet, als unter einem Fahrzeug ein Sprengsatz detonierte. Nach Darstellung der „Süddeutschen Zeitung“ bestand die Kolonne aus mehreren Fahrzeugen, wobei „gepanzerte Geländewagen vom Typ Wolf“ zwei ungeschützte Lastwagen eingeschlossen hätten. Der Sprengsatz sei unter einem dieser Lastwagen hochgegangen.

Chiffre für „Al Qaida“ oder „Taliban“

Das Verteidigungsministerium bestätigt in einer Stellungnahme die Zahlen und die von der F.A.Z. genannten Vorfälle dem Grundsatz nach, nicht aber in Details. Der Schutz der Soldaten verbiete im übrigen die Veröffentlichung von Details der Tathergänge. Allerdings sind einige Details für die Beurteilung der Lage und für politische Folgerungen relevant. So deuten die Bombenanschläge in Kundus, bei denen auf einheimische Passanten keinerlei Rücksicht genommen wurde, nach Einschätzungen in Sicherheitskreisen auf „auswärtige Täter“ hin.

Das ist eine Chiffre für „Al Qaida“ oder „Taliban“, welche Begriffe freilich ihrerseits vor allem Chiffren sind für organisierten, islamistisch motivierten Widerstand. Und auch die Tat vom Dienstag in Kundus unterscheidet sich von anderen Vorfällen, die sich eher der Opium-Kriminalität zuordnen lassen: Selbstmordanschläge sind deren „Handschrift“ nicht.

Vermehrung durch laufende Erweiterung

In Hinblick auf Schlußfolgerungen wird also vor allem die „Qualität“ der einzelnen Vorfälle beurteilt werden müssen, nicht nur die reinen Zahlen. Deren Anstieg ist, worauf auch das Ministerium in Berlin hinweist, „vor dem Hintergrund der zunehmenden Raumaufteilung durch deutsche Kräfte zu sehen“. Entsprechendes gilt für die internationale Afghanistan-Schutztruppe. Isaf registrierte nach Auskunft des Verteidigungsministeriums im Jahr 2003 11, 2004 13 „Zwischenfälle“, dann ging die Zahl schlagartig nach oben.

Die Vermehrung ist allerdings vor dem Hintergrund der laufenden Erweiterung zu sehen. Zu Beginn der Mission Anfang 2002 war Isaf auf die Hauptstadt Kabul beschränkt, das Konzept lautete: von der Kapitale aus Sicherheit auf das Land ausstrahlen. Dann übernahm Isaf von den amerikanischen Streitkräften, die unter dem Anti-Terror-Mandat „Enduring Freedom“ operierten (OEF), das Provinzwiederaufbauteam (PRT) Kundus im Norden des Landes.

Im Gegen-Uhrzeigersinn ausweiten

Es folgte der Nato-Beschluß, Isaf im Gegen-Uhrzeigersinn auszuweiten, von den Nordprovinzen über den Westen und den Süden bis in den Osten. Die ersten beiden Phasen wurden im vergangenen Jahr absolviert, die dritte (Süd) findet derzeit statt, die vierte soll nach den Planungen auch in diesem Jahr in Angriff genommen werden.

Süd und Ost sind die Abschnitte, in denen bisher schon der Schwerpunkt des Anti-Terror-Kampfs lag, amerikanisch geführt unter dem Mandat „Enduring Freedom“. Auch wenn die Mandate OEF und Isaf formal weiter getrennt bleiben sollen, die Ausweitung wird auch ihre Folgen auf die Art und Weise haben, wie Isaf sich verhalten muß.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2006, Nr. 148 / Seite 3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3