27.10.2006 · Erst durch den merkwürdigen Zwischenfall mit den israelischen Kampfflugzeugen wurde offenbar, daß noch ein weiteres deutsches Schiff zu dem Einsatzverband im Nahen Osten gehört. Das bislang verborgene Flottendienstboot „Alster“ gilt als „schwimmendes Ohr“.
Von Stephan LöwensteinAls die deutschen Schiffe für den Unifil-Verband vor gut einem Monat Wilhelmshaven verlassen hatten, um Kurs auf den Libanon zu nehmen, wurde das mit großem Bahnhof begangen. Der Verteidigungsminister sprach von einem „historischen Tag“ für die Deutsche Marine und schärfte den Soldaten noch einmal ein, sie müßten „Augenmaß, Sensibilität, Flexibilität, militärischen Sachverstand und das nötige Taktgefühl“ wahren; er sei sicher, daß sie diesen Auftrag „hervorragend erfüllen werden“. Dann hieß es „Leinen los“ für zwei Fregatten, vier Schnellboote und zwei Versorgungsschiffe.
Daß noch ein weiteres deutsches Schiff zu dem Einsatzverband gehört, wurde erst jetzt durch den merkwürdigen Zwischenfall mit den israelischen Kampfflugzeugen offenbar. Was da genau geschah, liegt noch im Dunst der widerstreitenden Darstellungen.
Aus Sicht der Bundeswehr hört sich das so an: Zwei israelische F-16-Kampfflugzeuge näherten sich einem der deutschen Kriegsschiffe, überflogen es dann, stießen dabei Infrarot-Täuschkörper aus und feuerten sogar zwei Schüsse aus der Bordkanone in die Luft. Nach israelischer Darstellung war ein Hubschrauber aufgestiegen, wurde angefunkt, reagierte aber nicht; daraufhin seien die Flugzeuge näher gekommen, um das Flugobjekt zu identifizieren, geschossen hätten sie nicht.
„Schwimmendes Kreiskrankenhaus“
Nicht nur hinsichtlich der angeblichen Schüsse sind die beiden Darstellungen nicht miteinander in Einklang zu bringen, sondern auch, was den Hubschrauber betrifft. Bei dem deutschen Schiff handelte es sich nämlich, wie es heißt, um das Flottendienstboot „Alster“.
Das ist aber keineswegs eines der beiden Versorgungsschiffe, von denen bislang nur bekannt war, daß sie zur Unterstützung des Einsatzverbands mitgeschickt wurden: weder der Tender „Elbe“ noch der Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“.
Diese Versorger tragen Gebrauchs- und Betriebsstoffe für die Schnellboote und die Fregatten. Die „Frankfurt“ ist außerdem vor der Abfahrt mit dem Marineeinsatzrettungszentrum ausgerüstet worden: gleichsam ein Container-Rüstsatz, der aus dem Versorger zusätzlich ein „schwimmendes Kreiskrankenhaus“ macht. Nur die „Frankfurt“ und die beiden Fregatten tragen Hubschrauber.
Bewaffnet ist die „Alster“ nicht
Die „Alster“ hingegen ist ein reiner Aufklärer, ein „schwimmendes Ohr“ vor der libanesischen Küste, wie es ein Fachmann für den Laien ausdrückt. Das Flottendienstboot hat hochmoderne Ortungsgeräte an Bord, die sowohl elektromagnetische Signale wie auch Geräusche im Wasser aufspüren können.
Und außerdem hat sie „elektro-optische Ortungsgeräte“ an Bord, also Fotokameras. Mit diesem feinen Gerät ist angeblich auch der Überflug der israelischen F-16 aufgenommen worden, samt dem Ausstoß der Täuschkörper. Bewaffnet ist die „Alster“ nicht.
Falscher Alarm
Das wirft weitere Fragen auf. Hitzefackeln, wie sie die israelischen Flugzeuge ausgestoßen haben sollen, sind keine Angriffswaffen, sondern dienen dem Passivschutz. Sie sollen den Infrarotsuchkopf einer Luft-Luft- oder Boden-Luft-Rakete, der nach Hitzequellen sucht, um die Triebwerke zu zerstören, täuschen und die Rakete vom Flugzeug ablenken. Diese sogenannten Flares werden automatisch ausgestoßen, wenn Sensoren ihrerseits eine Infrarotquelle erfassen.
Manchmal kommt es auch zu falschem Alarm, zum versehentlichen Ausstoß der Flares. Sie können aber auch aktiv ausgestoßen werden. Vom Flottendienstboot kann eine Bedrohung der Flugzeuge nicht ausgegangen sein. War noch ein anderes Kriegsschiff in der Nähe? Oder sollten die Hitzefackeln wie auch die angeblichen Warnschüsse Eindruck schinden?
Raketenbeschuß von Land aus
Das Aufklärungsschiff, von dem in den bisherigen Mitteilungen nicht die Rede gewesen war und das auch auf der Internetseite der Bundeswehr nicht unter den „teilnehmenden Einheiten“ aufgeführt ist, soll zur Sicherung der Einsatzgruppe beitragen. Wenn etwa ein Zielerfassungssystem oder ein Feuerleitradar auch aus größerer Entfernung betätigt wird, etwa von Land aus, so kann es das angeblich sofort erfassen.
Zu den Bedrohungsszenarien, denen die Marinekräfte begegnen müssen, gehört unter anderem ein Raketenbeschuß von Land aus. Durch einen solchen Angriff war eine israelische Korvette während des Libanon-Feldzugs im Juni beschädigt worden, wobei mehrere Soldaten getötet wurden.
Über die Kostensätze wird immer noch verhandelt
So bildet das Flottendienstboot ein Frühwarnsystem für die maritime Task Force, die seit zehn Tagen unter deutschem Kommando vor dem Libanon unter der hellblauen UN-Flagge fährt. Sein Einsatz ist zwar vom deutschen Unifil-Mandat gedeckt, doch gehörte es nicht zu den von den Vereinten Nationen bestellten Einheiten. Offenbar hielt aber die militärische Führung seinen Einsatz für die Sicherheit der Soldaten für erforderlich.
Der Hintergrund dürfte ein schlichter sein: Die UN zahlen für Soldaten, die unter ihrer Flagge Dienst tun, und auch für Einheiten wie Schiffe bestimmte Sätze an die Truppensteller. Die Sätze sind nicht kostendeckend, jedenfalls nicht für modern ausgerüstete europäische Soldaten, doch für die notorisch klamme Weltorganisation machen sie einen durchaus ins Gewicht fallenden Faktor aus.
Für Schiffe im UN-Einsatz liegt der Fall noch komplizierter: Weil entsprechende Präzedenzfälle fehlen, muß der Satz ausgehandelt werden. Obwohl der Einsatz längst läuft, wird immer noch verhandelt.
Kein weiteres deutsches Schiff
Zumindest zum Teil aus diesen Gründen ist die Beteiligung des Aufklärungsschiffs wohl bislang diskret behandelt worden. Doch dürfte es auch sonst nicht üblich sein, seinen Einsatz an die große Glocke zu hängen. So wird es jedenfalls auch mit den anderen Einheiten seines Geschwaders gehalten: das ist das 1. U-Bootgeschwader in Eckernförde. Nach Angaben des Verteidigungsministerium gibt es kein weiteres deutsches Schiff oder Boot im maritimen Unifil-Einsatzverband, von dem bislang nichts bekannt war.
Doch wenn beispielsweise ein U-Boot in der Nähe operieren würde, beispielsweise im Rahmen der in dieser Woche verlängerten Anti-Terror-Mission der Nato im Mittelmeer, und dieses Boot seine Sicherungs- und Aufklärungsleistung auch dem deutsch geführten Kontingent zur Verfügung stellte, würde das dem nicht widersprechen.