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Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan Zielstrebig ins Gefecht

 ·  Die Bundeswehr geht in Nord-Afghanistan offensiver vor als bisher. Ein „klassisches Gefecht“ im Mai markierte die Wende. „Die Taliban mussten schmerzlich erkennen, dass wir auch kämpfen können“, beschreiben deutsche Soldaten ohne Häme ihre Auseinandersetzung mit den Aufständischen.

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Es war purer Zufall, dass die beiden Hubschrauber vom Typ CH-53 gerade in der Luft waren. Der Abend dämmerte an diesem 7. Mai bereits, als die Besatzungen verdächtige Bewegungen am Boden unter sich ausmachten. Mindestens vier geländetaugliche Motorräder chinesischer Bauart zogen in schneller Fahrt kleine Staubwolken hinter sich her. Auf den Sätteln saßen jeweils zwei Männer mit Kalaschnikow-Gewehren in der Hand und Panzerfäusten auf dem Rücken. So bewegen sich üblicherweise Aufständische in Afghanistan, besonders Kämpfer der radikalen Taliban, fort. „Bewaffnete Kräfte nördlich von Kundus“, funkte der Pilot der ersten Maschine an die Operationszentrale im deutschen Feldlager und gab die Koordinaten des Standortes an.

Wenig später erreichte die Nachricht Hauptfeldwebel L. Die Uhr zeigte 19 Uhr, vor einer halben Stunde etwa war der Fallschirmjäger aus dem Saarland mit 28 Soldaten in einer Handvoll Fahrzeuge vom Typ Fuchs und Dingo zu einer Nachtpatrouille aufgebrochen. Ihr Auftrag: Aufklärung in einem weiträumigen Gebiet nordwestlich von Kundus. Sie fuhren in die gleiche Richtung wie die verdächtigen Motorräder, in den Distrikt Chahar Darreh, ein paschtunisches Siedlungsgebiet, in dem es in den vergangenen Wochen wiederholte Angriffe auf Patrouillen gegeben hatte. Der Distrikt und seine Umgebung sind für die Bundeswehr Feindesland.

Erinnerungen wurden wach. Jeder Soldat der Patrouille wusste, was am 29. April nur einige Kilometer entfernt geschehen war: ein Hinterhalt, ebenfalls gegen einen stark gepanzerten Erkundungstrupp der Bundeswehr, Feuer aus Kleingewehren und Panzerfäusten. Eine dieser gefährlichen, Panzerungen durchschlagenden Raketen traf einen Transportpanzer. Ein Hauptgefreiter fiel, vier weitere wurden verwundet.

Ein „klassisches Gefecht“

Hauptfeldwebel L. funkte nun also an die Fahrzeuge seiner Patrouille: „Gefahr durch Aufständische auf Motorrädern“, doch das konnten die Soldaten bereits selbst sehen. Der Taliban-Trupp bewegte sich in einiger Entfernung parallel zur Patrouille, stoppte dann, um mit weiteren Kämpfern anzugreifen. Die Fallschirmjäger hielten ebenfalls, sprangen, bewaffnet mit Maschinengewehren und Handfeuerwaffen, aus ihren Fahrzeugen, verteilten sich und näherten sich, um Deckung bemüht, dem Gegner an.

Von dem Moment an, in dem der die Soldaten begleitende Dolmetscher den Aufständischen zurief: „Isaf. Legen Sie die Waffen nieder“, entwickelte sich das, was ein ranghoher Bundeswehroffizier später als „klassisches Gefecht“ beschrieb. Aus ihren Kalaschnikows eröffneten die Taliban das Feuer, das die deutschen Infanteristen aus Maschinengewehren, Maschinenpistolen und Scharfschützengewehren erwiderten. Es war, berichtete ein Soldat später, eindeutig das Ziel der Angreifer, „ihre Panzerfäuste in Stellung zu bringen, um eines unserer Fahrzeuge zu treffen. Für einen erfolgreichen Schuss werden den Aufständischen 200 bis 300 Dollar gezahlt.“

Doch die Fallschirmjäger warteten, bis sich die Taliban bewegten, ehe sie feuerten, boten so ihrerseits kein Ziel, unterbanden aber mit massivem Feuer jeden Stellungswechsel des Gegners. Wie viele Angreifer zu diesem Zeitpunkt bereits getötet und verwundet worden waren, ließ sich später nicht mehr rekonstruieren. Sicher ist, dass das Gefecht schon mehr als eine Stunde dauerte, ehe aus Kundus Verstärkung durch die Afghanische Nationalarmee eintraf. Der Kampf dauerte bis zum nächsten Morgen an, die afghanischen Soldaten gingen dabei direkt gegen die Stellungen der Taliban und ihre Mitstreiter vor, überrannten sie und machten Gefangene. Als die Waffen schwiegen, waren sieben Aufständische tot und 14 von ihnen verletzt. Als sicher gilt, dass die Fallschirmjäger zwei Angreifer erschossen haben.

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