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Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan „Jeder denkt an Tod und Verstümmelung“

28.05.2007 ·  9000 weitere Soldaten der Bundeswehr werden im Juli nach Afghanistan gehen. In Sachsen-Anhalt bereiten sie sich auf ihren Einsatz vor. Dabei überspielt das kameradschaftliche „Wir“-Gefühl die Angst vor der Zeit am Hindukusch.

Von Nicolas Wolz
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Die halbverfallenen Häuser, die schmutzigen Gewänder, die misstrauischen Blicke der Dorfbewohner, die Anspannung der schwerbewaffneten deutschen Soldaten: Für einen Moment könnte man glauben, wirklich in Afghanistan zu sein. Nur der breite sächsische Dialekt, den die Afghanen sprechen, passt nicht ganz ins Bild. Es sind Rollenspieler, junge Männer aus der Region, die ihren Wehrdienst am Gefechtsübungszentrum des Heeres in Letzlingen in Sachsen-Anhalt ableisten.

Wann immer Soldaten der Bundeswehr hierher, auf den größten Truppenübungsplatz der Republik, kommen, um sich auf einen Einsatz im Ausland vorzubereiten, sind die Dienste der Rollenspieler gefragt. Alles soll so echt wie möglich wirken. „Natürlich stößt man irgendwann an die Grenze dessen, was man abbilden kann“, sagt Generalmajor Hans-Lothar Domröse. „Wir können das afghanische Flair hier nicht 1:1 rüberbringen.“

„Die Männer haben die Situation souverän gelöst“

Domröse ist Kommandeur der Division Spezielle Operationen (DSO), zu der auch das elitäre Kommando Spezialkräfte (KSK) gehört. Mit der Übung, bei der die Soldaten das Treffen eines afghanischen Dorfältesten mit einem hohen Offizier der Isaf, der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan, überwachen sollten, ist er zufrieden. „Die Männer haben die Situation souverän gelöst. Ich habe ein ausgesprochen gutes Gefühl dabei, sie da rüberzuschicken.“

Video: Steinmeier sagt Afghanistan weitere Unterstützung zu

Da rüber: Das ist der Norden Afghanistans. Die Männer: Das sind zwei Kompanien Fallschirmjäger der in die DSO integrierten Oldenburgischen Luftlandebrigade 31, insgesamt etwa 300 Mann. Seit Februar werden die Infanteristen auf den Einsatz in Afghanistan vorbereitet. Zu ihren Aufgaben gehört es, Straßensperren und Kontrollpunkte zu errichten, Patrouille zu fahren und Konflikte zu lösen, notfalls mit militärischer Gewalt.

„Auch im Norden musste man mit sowas rechnen“

Zusammen mit rund 600 weiteren Soldaten, die für Koordination und Logistik verantwortlich sind, werden sie Anfang Juli für vier Monate an den Hindukusch geflogen. Zurzeit sind dort knapp 3000 Soldaten der Bundeswehr als Teil der Isaf-Truppe stationiert, verteilt auf die Standorte Kabul, Mazar-i-Sharif, Faizabad und Kundus. Als der General von seinem „guten Gefühl“ sprach, konnte er nicht wissen, dass wenige Tage später ein Selbstmordattentäter in Kundus drei deutsche Soldaten mit in den Tod reißen würde.

„Auch im Norden Afghanistans musste man mit so etwas rechnen“, sagt Hauptmann Thomas Müller, der - wie alle Soldaten vor dem Einsatz - seinen richtigen Namen nicht nennen und nicht fotografiert werden darf. Der 31 Jahre alte Bielefelder ist Chef der 4. Kompanie des Fallschirmjägerbataillons 313, die in Letzlingen für Kabul trainiert. Etwa 150 Soldaten stehen unter seinem Kommando, in Kabul wird er weitere 50 aus verschiedenen Nationen hinzubekommen. Müller, ein ruhiger, besonnener Typ mit der drahtigen Statur eines Langstreckenläufers, ist seit elf Jahren bei der Bundeswehr, Afghanistan ist sein erster Auslandseinsatz.

„Es gibt für einen Offizier nichts Tolleres“

1999 wäre er um ein Haar ins Kosovo abkommandiert worden, musste dann aber doch zu Hause bleiben. „Um so schöner ist es, dass ich jetzt als Chef gehen kann. Es gibt für einen Offizier nichts Tolleres, als mit den Männern, die man selbst ausgebildet hat, in den Einsatz zu fahren.“ Müllers Hauptaufgaben werden zwar eher planerischer Natur sein, doch will er regelmäßig auch selbst mit auf Patrouille fahren. Über die Gefährlichkeit der Mission macht er sich keine Illusionen. Angst habe er aber keine, sagt er. „Angst hat für mich immer den Beigeschmack von Handlungsunfähigkeit.“

Aber er fürchtet, dass das „ganze Elend, das man dort sieht“, ihn verändern wird. Ob er recht behält, wird sich in einem halben Jahr zeigen: Alle befragten Soldaten haben sich bereiterklärt, uns nach ihrer Rückkehr über ihre Eindrücke und Erfahrungen zu berichten. Momentan gilt Müllers größte Sorge jedoch seiner Frau und der kleinen Tochter. „Wir haben zwar einige Erfahrung im Getrenntsein, ich kann aber nicht sagen, wie das bei vier Monaten aussehen wird.“

„Was mache ich, wenn einer meiner Männer stirbt?“

Auch den Soldaten in seiner Kompanie hat er ans Herz gelegt, eine Lebensversicherung abzuschließen, ein Testament zu machen. Oft stellt er sich in diesen Tagen die Frage: „Was mache ich, wenn einer meiner Männer stirbt?“ Darauf, sagt Müller, könne einen niemand vorbereiten. Er ist sichtlich stolz auf seine Kompanie, die seit einem Jahr zusammen ist. Auch darauf, dass nur vier Soldaten dem Einsatzbefehl widersprochen haben. Hat er selbst darüber nachgedacht? „Die Frage gibt es für mich nicht.“

So sehen das auch Oberfeldwebel Thilo Trampe und seine Männer. Sie gehören nicht zu Müllers Einheit, sondern zu einer Schwesterkompanie, der 2. des Fallschirmjägerbataillons 373, die nach Kundus gehen wird. „Trotzdem“, wie der Wahlspruch auf dem Kompaniewappen verkündet - nie war er aktueller als jetzt. Zu sechst bilden sie eine Gruppe, eine der kleinsten militärischen Einheiten. Der 27 Jahre alte Trampe, der eine Tischlerlehre gemacht hat, bevor er sich für zwölf Jahre bei der Armee verpflichtete, ist der Gruppenführer. Die vielen Tage im Freien haben seinen Teint dunkel werden lassen. Er spricht mit leiser Stimme, die rechte Hand ruht auf seinem Sturmgewehr, das er keine Sekunde aus den Augen lässt.

Schon zum zweiten Mal im Jahr nach Afghanistan

Trampe macht keinen Hehl daraus, dass er den Einsatz im Ausland für den Höhepunkt seines militärischen Berufslebens hält. „Es geht schon auch darum zu beweisen, dass man was kann. Wenn man immer nur übt, ein Haus zu bauen, dann will man irgendwann sehen, ob es auch stehenbleibt.“ Seit mehr als drei Jahren sind die Männer zusammen, und bis auf Oberfeldwebel Markus Meier, den stellvertretenden Gruppenführer, waren alle schon einmal in Afghanistan. Als der neue Einsatzbefehl kam, hat auch Meier keine Sekunde gezögert. „Es käme für mich nie in Frage, meine Kameraden alleine gehen zu lassen.“

So pathetisch es für einen Außenstehenden klingen mag: Für viele Soldaten ist genau dieses kameradschaftliche „Wir“-Gefühl die wichtigste Grundlage ihrer Motivation. Der Zusammenhalt schafft erst die emotionalen Bindungen, ohne die wohl die wenigsten in der Lage wären, Einsätze wie den in Afghanistan durchzuhalten. „Irgendwann kennen einen die Kameraden besser, als es die eigene Familie tut“, sagt Mike Schmidt, ein Soldat aus Trampes Gruppe. Für vier Jahre hat der 24 Jahre alte Stabsgefreite aus der Nähe von Berlin sich bei den Fallschirmjägern verpflichtet. Dass er nun innerhalb eines Jahres schon zum zweiten Mal nach Afghanistan gehen soll, stößt in seiner Familie auf wenig Verständnis. Umstimmen ließ er sich trotzdem nicht.

„Ich würde die anderen nie im Stich lassen“

„Ich habe immer gesagt, das kann passieren. Aber als es so weit war, haben sie gesagt: Bleib doch hier! Sie wussten aber auch, dass ich die anderen nie im Stich lassen würde.“ Für die Angehörigen, sagt Schmidt, dessen kriegerische Aufmachung in seltsamem Kontrast zu seinem noch jungenhaften Gesicht steht, sei es immer viel schwieriger als für einen selbst. Einmal, beim ersten Einsatz in Kabul, war er 27 Tage am Stück in einem Außenlager, ohne Kontakt nach Hause.

Unglaublich viel Post habe er da bekommen. Er selbst hat aber nur wenig geschrieben. „Was will man auch schreiben? Nur, dass es einem gutgeht. Den Rest kann sich sowieso keiner vorstellen.“ Auch jetzt wieder versucht er den Fragen der Eltern oder seiner Freundin auszuweichen. Er will nicht über das sprechen, was ihm alles zustoßen kann, auch wenn ihn selber die Gedanken daran nicht loslassen. „Jeder denkt an Tod und Verstümmelung. Das gibt aber keiner gern preis.“

„Das ist dann aber eine ganz andere Liga“

Dass Soldaten, die in den Einsatz gehen, auf einem schmalen Grat wandeln, empfinden sie alle. Einerseits sollen und müssen sie sich die Folgen vor Augen führen, die persönlichen wie die politischen. Andererseits kann es fatal sein, zu viele Fragen zu stellen. „Wenn es drauf ankommt, müssen alle funktionieren“, sagt Gruppenführer Trampe. „Jeder muss sich auf jeden verlassen. Die kleinste Nachlässigkeit kann tödlich sein.“ Die Männer legen großen Wert darauf, keine „Adrenalinjunkies“ zu sein. Trotzdem würden sie, wenn es sein muss, jederzeit auch in den umkämpften Süden Afghanistans gehen. „Das ist dann aber eine ganz andere Liga“, sagt Trampe.

Dass nach dem Anschlag in Kundus nun in Deutschland wieder Stimmen laut werden, die den Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan fordern, kümmert ihn wenig. „Solange die Bundesregierung den Einsatz legitimiert, stellt sich die Frage für mich nicht. Uns als Soldaten obliegt es ohnehin nicht, über Sinn und Unsinn dieses Unternehmens zu entscheiden.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.05.2007, Nr. 21 / Seite 4
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