25.07.2007 · Eins wissen die Bulgaren aus ihrer Geschichte: Wer ein Unrecht erleidet, muss die Kunde davon in die Welt tragen. Und so machte das Land das Schicksal der Krankenschwestern zur europäischen Angelegenheit. Von Michael Martens.
Von Michael MartensDie Gladstone-Straße von Sofia liegt in einem Teil der Stadt, den Immobilienmakler als „Top-Lage“ bezeichnen. Sie führt vom Christo-Botew-Boulevard durch das innere Stadtzentrum, quert die nach dem Vitoscha-Gebirge benannte Hauptflaniermeile Sofias und verliert sich wenige hundert Meter weiter im Straßenknäuel der Hauptstadt. Gladstone? Wer mit der bulgarischen Geschichte nicht vertraut ist, wird sich fragen, warum eine der attraktivsten Straßen in Bulgariens einziger Millionenmetropole ausgerechnet nach einem einstigen britischen Premierminister heißt, der seit mehr als einem Jahrhundert tot ist.
Dabei war es nicht zuletzt dem britischen Staatsmann zu verdanken, dass der bulgarische Aprilaufstand von 1876 zumindest nachträglich zum ersehnten Ziel der Unabhängigkeit Bulgariens vom „osmanischen Joch“ führte. Militärisch war der Kampf der bulgarischen Freischärler auf ganzer Linie gescheitert.
Kanonen aus Kirschbaumholz
Mit viel Idealismus, aber ohne strategisches Konzept waren die Freiheitskämpfer gegen das zwar geschwächte, aber in Istanbuls bulgarischem Vorhof durchaus noch wehrhafte Reich des Sultans gezogen. Die Ausrüstung der Aufständischen war mangelhaft. Ihre schrecklichsten Waffen, so sagte man, seien selbstgezimmerte Kanonen aus Kirschbaumholz, die als äußerst gefährlich galten - für ihre Kanoniere und alle, die sich nach einem Abschussversuch nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten, bevor die Geschütze explodierten.
Die Türken schlugen den Aufstand ohne große Mühen nieder. Sie wandten dabei aber eine das militärisch Gebotene weit überschreitende Grausamkeit an, die ihnen später zum Verhängnis wurde. Der amerikanische Journalist John MacGahan, der Wochen später das Land bereiste, schilderte die Spuren der Massaker in bulgarischen Dörfern in einer Serie von Reportagen für die „Daily News“ in London so eindringlich, dass er damit Europas öffentliche Meinung für die Sache der Bulgaren einnahm.
3000 Artikel in 200 europäischen Zeitungen
Für die Osmanen war es ein regelrechtes PR-Desaster. Zwar war MacGahans Darstellung von 8000 ermordeten Zivilisten allein in dem Ort Batak übertrieben. Doch darauf kam es nicht mehr an, wie der Historiker Misha Glenny schreibt: „In den folgenden achtzehn Monaten erschienen mehr als 3000 Artikel in 200 europäischen Zeitungen, die Batak anprangerten. Diese Ereignisse spielten die entscheidende Rolle bei der Veränderung der Wahrnehmung der östlichen Krise in den Hauptstädten der großen Mächte.“
Im eher türkenfreundlichen Großbritannien war es William Gladstone, der dem öffentlichen Gewissen auf die Sprünge half. Von seiner Schrift „Die bulgarischen Schrecken und die Frage des Ostens“ wurden innerhalb einer Woche 40.000 Exemplare verkauft. Es folgten Appelle von Victor Hugo in Frankreich und Garibaldi in Italien. Russland, wo die Öffentlichkeit ohnehin nicht erst überzeugt werden musste, intervenierte, diesmal vom Westen ungestört. Kaum zwei Jahre nach dem Ende des Aprilaufstands war Bulgarien unabhängig.
PR-Schlacht um das Leben der Krankenschwestern
Die Lehre von Batak haben sich die Bulgaren gemerkt: Es genügt nicht, ein Unrecht zu erleiden - man muss die Kunde davon in die Welt hinausbringen, wenn man von ihr Hilfe erwartet. So entwickelte sich auch der Kampf Sofias für eine Rückkehr der in Libyen in einer Justiz-Farce zunächst zum Tode durch Erschießen und nach der Strafumwandlung durch den sogenannten Obersten Justizrat des Landes zu lebenslanger Haft verurteilten bulgarischen Krankenschwestern zu einer PR-Schlacht.
Das Inland wurde mit einer Solidaritätskampagne überzogen. Die Angehörigen der Inhaftierten gaben Pressekonferenzen in Sofia und Brüssel, und jeder ausländische Staatsgast, auch jede offizielle Delegation in Sofia, wurde mit dem Schicksal der fünf bulgarischen Krankenschwestern und des aus Palästina stammenden Arztes vertraut gemacht.
Der Unterschied zwischen acht und 480 Millionen
Daher wurde auch der EU-Beitritt des Landes am ersten Januar dieses Jahres von den Aktivisten für eine Befreiung der Gruppe als Fortschritt gedeutet. „Nach dem Beitritt werden unsere Schwierigkeiten auch die Schwierigkeiten der EU sein“, sagten sie oft. Es sei schließlich etwas anderes, ob Forderungen an Tripolis im Namen von weniger als acht Millionen Bulgaren vorgebracht werden - oder stellvertretend für mehr als 490 Millionen EU-Bürger.
Bis zuletzt hatte es in Bulgarien nach den vielen Verzögerungen und Rückschlägen der Vergangenheit allerdings Zweifel an einer baldigen Rückkehr der Inhaftierten gegeben. Noch in der am Tag ihrer Rückkehr an den Kiosken ausliegenden Ausgabe der auflagenstarken Zeitung „Dneven Trud“ hieß es etwa: „Libyen erpresst mit neuen Ansprüchen“. Gleich 18 Bedingungen habe das Regime aufgestellt, bevor an eine Freilassung gedacht werden könne, wurde berichtet. Angeblich gehe es auch um Forderungen zur Unterstützung für libysche Infrastrukturprojekte.
Am nächsten Morgen war es plötzlich Gewissheit
Noch am Montagabend wurde berichtet, Bulgariens Staatspräsident Parwanow habe sich in einem Telefongespräch mit seinem französischen Gegenpart Sarkozy zwar optimistisch gezeigt, dass eine Lösung nahe sei, doch von einem Datum war nicht die Rede. Informationen über eine nahende Freilassung kursierten nur als Gerüchte, wie schon so oft in den vergangenen Jahren.
Doch am nächsten Morgen war es plötzlich Gewissheit: „Unser Botschafter in Libyen hat uns mitgeteilt, dass die sechs Mediziner Libyen an Bord eines französischen Regierungsflugzeugs verlassen haben“, teilte der Sprecher des bulgarischen Außenministeriums am frühen Dienstag mit. „Wir erwarten, dass sie gegen zehn Uhr in Sofia landen werden.“ Tatsächlich landete das Flugzeug dann um zwölf Minuten vor zehn am Morgen des 24. Juli in Sofia - mehr als acht Jahre und vier Monate nach der Verhaftung der Mediziner in Bengasi.
Umgehende Begnadigung
Nach Präsident Parwanow begrüßte auch Regierungschef Stanischew die Gruppe, die in Begleitung der französischen Präsidentengattin Cécilia Sarkozy und der EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner in Sofia angekommen waren.
Umgehend wurden die Frauen und der palästinensische Arzt, dem im vergangenen Monat die bulgarische Staatsbürgerschaft zuerkannt worden war, vom Staatspräsidenten begnadigt. Noch im Regierungstrakt des Sofioter Flughafens gab Außenminister Kalfin bekannt, der Präsident sei von der Unschuld der sechs überzeugt und habe deshalb sein in der Verfassung vorgesehenes Recht auf einen Straferlass eingesetzt. Damit war die Geschichte von „Gaddafis Geiseln“ tatsächlich zu Ende - jedenfalls der Teil von ihr, der die Öffentlichkeit etwas angeht.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
Jüngste Beiträge