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Bulgarische Krankenschwestern Ein einigendes Drama

17.07.2007 ·  In ihrer Heimat sind die fünf in Libyen inhaftierten Krankenschwestern längst zu Heldinnen geworden. Zyniker behaupten, dass ihr schweres Los für die angeschlagene Regierung in Sofia ein Glücksfall sei. Mit Spannung wird die Entscheidung des obersten Richterrats erwartet.

Von Michael Martens, Wien
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Als Christiana, Nassja, Valentina, Walja und Sneschana in den neunziger Jahren Bulgarien verließen, lag ihr Heimatland am Boden. Damals waren die fünf Krankenschwestern noch nicht im ganzen Land unter ihren Vornamen bekannt. Als gewöhnliche bulgarische Bürgerinnen verließen Frau Waltschewa, Frau Nenowa, Frau Siropoulou, Frau Tscherwenjaschka und Frau Dimitrowa Bulgarien, um der wirtschaftlichen Misere in dem ehemaligen sowjetischen Satellitenstaat zu entkommen.

Sie waren darin keine Ausnahme. Mehrere hunderttausend Bulgaren haben im vergangenen Jahrzehnt zumindest zeitweise ihr Land verlassen, um im Ausland Geld zu verdienen. In einem Krankenhaus der libyschen Hafenstadt Bengasi wollten die Frauen das Auskommen suchen, das in Bulgarien nicht mehr zu finden war.

Eine Serie von Prozessen

Bis dahin war ihre Geschichte nicht ungewöhnlich. Das änderte sich am 9. Februar 1999: An diesem Dienstag wurden im Al-Fateh-Krankenhaus von Bengasi 23 bulgarische Mediziner verhaftet. Die meisten kamen zwar bald wieder frei, doch fünf von ihnen sind bis heute in Haft. Sie wurden beschuldigt, für die HIV-Infektion von mehr als 400 libyschen Kindern verantwortlich zu sein; sie hätten das vorsätzlich im Auftrag des Mossad und der CIA getan. Die Anklage wurde am 7. Februar gegen sechs Bulgaren und einen Palästinenser erhoben. Ein bulgarischer Arzt wurde später freigesprochen, die anderen blieben in Haft - obwohl international angesehene Fachleute in Gutachten die Vorwürfe widerlegten.

Video: Libysches Todesurteil gegen bulgarische Krankenschwestern bestätigt

Es begann eine Serie von Prozessen, die aber alle mit dem Todesurteil endeten. Hoffnung kam erst mit der Überweisung des Falls an den Obersten Justizrats auf. Dieses Gremium, das die Angeklagten begnadigen, die Todesstrafen bestätigen oder in Haftstrafen umwandeln kann, tagte am Montagabend in Tripolis. Nach bulgarischen Presseberichten schien diesmal eine Einigung aussichtsreich, da auch mit den letzten Familien der an HIV-positiven oder schon an Aids erkrankten Kinder eine Abmachung über eine finanzielle Abfindung erzielt. Damit sei die letzte Hürde für eine Begnadigung beseitigt worden. Nun sei eine Umwandlung der Todesurteile in Haftstrafen sowie eine Überstellung die Bulgarinnen in ihre Heimat denkbar.

„Ihr seid nicht allein“

Dort können sie mit einem triumphalen Empfang rechnen. Denn sie sind in Bulgarien längst zu Heldinnen geworden, von deren Schicksal schon die Erstklässler gehört haben. In einem beispiellosen Schulterschluss haben sich Politiker, Künstler und Journalisten, aber auch die bulgarische orthodoxe Kirche zur Unterstützung ihrer Landsleute zusammengetan. Kaum ein Monat vergeht in Bulgarien ohne eine als gesellschaftliches Großereignis zelebrierte Solidaritätsbekundung für das berühmteste Pflegepersonal des Landes.

Im Februar hielten die populärsten Unterhaltungssänger Bulgariens ein gemeinsames Konzert für die Inhaftierten ab. Zwei Größen der bulgarischen Schlagerszene, der Komponist Stefan Dimitrow und der Sänger Michail Beltschew, hatten ein Lied über das Schicksal der Frauen komponiert. Die Komposition wurde unter dem Titel „Ihr seid nicht allein“ von der Big Band des Bulgarischen Rundfunks, einem Symphonieorchester sowie mehreren Dutzend Sternen und Sternschnuppen des bulgarischen Klimperhimmels eingespielt und vor der ehrwürdigen Kulisse der Sofioter Alexander-Newski-Kathedrale uraufgeführt. Dort sollte im Mai dann auch der Patriarch der bulgarischen Orthodoxie, Maksim, ein öffentliches Gebet für die Frauen abhalten lassen, zu dem wundertätige Ikonen aus den Klöstern des Landes herangebracht worden waren.

Und als die ehemalige Ehefrau eines erfolgreichen britischen Musikanten, Bianca Jagger, in der Angelegenheit von „Gaddafis Geiseln“ nach Sofia kam, und den libyschen Führer Gaddafi aufforderte, die Bulgarinnen freizulassen, wurde sie wie selbstverständlich zu einem langen Gespräch von Ministerpräsident Sergej Stanischew empfangen. Bei keiner Auslandsreise vergisst Stanischew, für das sie die Unterstützung der Staatengemeinschaft einzufordern.

Der Einsatz für die Frauen ist populär

Wer aus dem traurigen Geschick der Frauen politisches Kapital schlagen will, bekommt allerdings schnell den Zorn des Regierungschefs zu spüren. Als eine populistische Splitterpartei die Krankenschwestern als eigene Kandidatinnen für die Wahlen zum Europäischen Parlament am 20. Mai nominieren wollte, schritten Stanischew und die gesamte politische Elite energisch ein. Der sozialistische Ministerpräsident schimpfte über den „moralischen und politischen Missbrauch“ des mit dem Leid der Todeskandidatinnen getrieben werde, und auch Staatspräsident Parwanow wetterte, es sei „eine Sünde“, die Frauen für parteipolitische Zwecke einzuspannen.

Zyniker behaupten, dass das schwere Los der Bulgarinnen in Libyen für die angeschlagene Regierung in Sofia ein Glücksfall sei: Der Einsatz für die Frauen ist unumstritten und populär, er dient dem Wahren, Schönen, Guten. Dass er für Popularität sorgt, lässt sich ahnen, wenn er an dem Ärger gemessen wird, mit dem sich Stanischew sonst konfrontiert sieht: In der vergangenen Woche etwa musste er erst einen der Korruption geziehenen Minister entlassen und dann am Donnerstag vor dem Parlament zur Ermordung des Unternehmers Manol Welew Stellung nehmen. Welew war am Mittwoch vor seinem Büro von Attentätern überfallen und angeschossen worden. Sein Zustand ist kritisch, die Ärzte versuchen, die Kugel aus seinem Kopf zu entfernen. Stirbt er, wäre er das letzte Opfer in einer nicht enden wollenden Reihe von Auftragsmorden, die den ohnehin lädierten Ruf des EU-Neumitglieds stark belasten.

Nicht mehr das Land, das sie einst verließen

Stanischew wies alle Insinuationen über die möglichen Verbindungen des Opfers zu den bulgarischen Sozialisten zurück: Welew habe zwar den (ebenfalls der sozialistischen Partei entstammenden) Präsidenten Parwanow in Fragen der Sportpolitik beraten, „aber er hatte nie den Status eines offiziellen Beraters“. Ebenfalls sei er nicht wie behauptet ein geheimer Parteispender der Sozialisten. Seine Spenden seien alle von der Partei gemeldet worden, so Stanischew. Wer sich mit derlei Widrigkeiten herumschlagen muss, setzt sich sicher gern für zu Unrecht inhaftierte Bürger im Ausland ein.

Die Frauen, um die es geht, haben indes selbst bei einem glücklichen Ausgang ihres Falls noch viele schwere Stunden vor sich: Das Bulgarien, in das sie womöglich bald zurückkehren können, ist nicht mehr das Land, das sie einst verließen. Es ist der Nato und der EU beigetreten, die Wirtschaft wächst und zumindest in den großen Städten herrscht Vollbeschäftigung. Gemessen an der Lage vor einem Jahrzehnt ist das Bulgarien des Jahres 2007 nicht mehr wiederzuerkennen. Und selbst, wenn die Bulgarinnen tatsächlich in die Freiheit entlassen werden sollten: Die mehr als acht Jahre Lebenszeit, die sie in häufiger Todesangst in einem fremden Land hinter Gefängnismauern verbracht haben, während in einigen fernen Städten am Balkan ihre Kinder heranwuchsen, Verwandte starben und manche ihrer Nächsten zu anderen Menschen wurden, kann ihnen diese Freiheit nicht ersetzen.

Zurückhaltung in Osteuropa

Die Stellungnahmen in der Tschechischen Republik, in der Slowakei und in Kroatien zum Bericht der französischen Zeitung „Le Figaro“ über die finanzielle Entschädigung der libyschen HIV-Infizierten wurden auffallend vorsichtig formuliert. Die Bereitschaft der drei Länder, gemeinsam mit Bulgarien die betroffenen Familien in der Form einer Abschreibung libyscher Schulden finanziell zu entschädigen, wurde weder bestätigt noch ausdrücklich in Abrede gestellt.

Die Sprecherin des tschechischen Außenministeriums bezeichnete solche Überlegungen als „verfrüht“, da das Verfahren gegen den palästinensischen Arzt und die bulgarischen Krankenschwestern noch nicht abgeschlossen sei. In Zagreb hieß es, man habe keine Kenntnis von einer diesbezüglichen „offiziellen Initiative“.

In Pressburg (Bratislava) gab es zwar keine Stellungnahme der Regierung, dafür deutete die Sprecherin der linksnationalistischen Regierungspartei „Smer“ an, dass die Slowakei sich an einer Entschädigung beteiligen könnte, falls Tripolis seine Schulden an die Slowakei begleiche. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico bemüht sich besonders darum, zu einem guten Einvernehmen mit Revolutionsführer Gaddafi zu kommen, um die slowakischen Exporte zu steigern. Im Februar hatte Fico während eines Besuches in Libyen dazu aufgerufen, den Opfern der Aids-Tragödie wenigstens ebenso viel Aufmerksamkeit zu schenken wie „den Tätern“ - die in dieser Formulierung enthaltene Verurteilung der Krankenschwestern hatte in Bulgarien heftige Proteste hervorgerufen.

Offiziell gibt es keine Angaben über die Höhe der libyschen Schulden an die beiden Nachfolgestaaten der Tschechoslowakei. Nach Berichten in tschechischen Medien schuldet Libyen der Tschechischen Republik rund 300 Millionen Dollar, der Slowakei rund 94 Millionen. In den siebziger und achtziger Jahren lieferte Prag Übungsflugzeuge, Panzer, Militärtransporter und Munition an Gaddafi. 1990 sagte der damalige tschechoslowakische Präsident Václav Havel, das kommunistische Regime habe zudem tausend Tonnen des Sprengstoffs Semtex an Libyen verkauft.

Quelle: F.A.Z., 17.07.2007, Nr. 163 / Seite 3
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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