http://www.faz.net/-gpf-7uo5j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.10.2014, 10:13 Uhr

Bulgariens Staatspräsident Plewneliew „Russland ist ein nationalistischer, aggressiver Staat“

Der bulgarische Staatspräsident Rossen Plewneliew spricht im F.A.Z.-Interview über die Beziehungen seines Landes zum Kreml, das Gasleitungsprojekt South Stream und Gasprom als Befehlsgeber des bulgarischen Wirtschaftsministeriums.

© Reuters Bulgariens Staatspräsident Rossen Plewneliew: „Bulgarien ist nicht irgendeine 16. Sowjetrepublik“

Herr Präsident, ein Sprecher von Gasprom sagte unlängst, Moskau erwarte, dass Bulgarien nach der Parlamentswahl am 5. Oktober die eingefrorenen Bauarbeiten für das Gasleitungsprojekt South Stream wiederaufnehme. Die EU verlangt dagegen, dass das Moratorium in Kraft bleibe. Was wird nach den Wahlen geschehen in Bulgarien?

Wir wollen South Stream, aber als Mitglied der EU wird Bulgarien es nicht zulassen, dass die Leitung gegen europäisches Recht gebaut wird. Russland hat immer wieder versucht, mit den an South Stream beteiligten Ländern direkte zwischenstaatliche Vereinbarungen zu treffen. Zwar hat jeder Staat das Recht, bilaterale Abkommen zu schließen, aber es war stets ein großer Fehler Russlands, die Europäische Kommission zu unterschätzen. Nun muss Russland lernen, dass es in Europa eine starke Europäische Kommission und einen starken Willen gibt, rechtsstaatliche Prozeduren einzuhalten. Ich glaube zwar, dass South Stream am Ende gebaut wird, aber das kann nur über die Europäische Kommission gehen.

Ist South Stream ohne eine Lösung des Ukraine-Konflikts denkbar?

Ich war einer der ersten europäischen Präsidenten, der das russische Vorgehen auf der Krim deutlich verurteilt hat. Russland sagt zu Europa und den Vereinigten Staaten, die Großmächte sollten über die Ukraine entscheiden. Das ist Politik aus dem 19. Jahrhundert. Es ist gefährlich. Das ukrainische Volk muss über seine Zukunft entscheiden, nicht irgendwelche Großmächte.

Angenommen, der Konflikt spitzt sich zu: Wie lange könnte Bulgarien ohne russisches Gas auskommen?

Unsere Gasspeicheranlage in Nordwestbulgarien ist zu 80 Prozent gefüllt und kann den Bedarf von 40 Tagen decken. Derzeit füllen wir sie so weit wie möglich auf. Außerdem soll die Anlage erweitert werden. Aber das ändert nichts daran, dass wir 87 bis 90 Prozent unseres Gases aus Russland beziehen. Die leichten Schwankungen ergeben sich aus unserer eigenen Förderung im Schwarzen Meer, die mal gut und mal weniger gut ausfällt, in einigen Jahren aber ohnehin erschöpft sein wird. Wir haben zwar viele Konzessionen für die Erkundung von Gasvorkommen vor unserer Küste vergeben und sind sehr optimistisch, dass die damit beauftragten Unternehmen wie Total aus Frankreich oder OMV aus Österreich fündig werden, aber das ändert kurzfristig natürlich nichts.

Hat Bulgarien eine Strategie zur Diversifizierung seiner Abhängigkeit?

Während der großen europäischen Gaskrise im Januar 2009 fielen die Lieferungen nach Bulgarien für fast drei Wochen komplett aus, und daraus haben wir gelernt. Wir hängen noch immer an nur einem Rohr und einem Lieferanten. Das wollen wir ändern. Wir wollen so viele Rohre, Leitungen und Verbindungen wie möglich haben – für Gas, Öl, Strom. Alles, was zur Diversifizierung unserer Energieversorgung beiträgt, begrüßen wir. Wir haben das europäische Gasleitungsprojekt Nabucco unterstützt, und wir unterstützen auch South Stream – aber nur unter Bedingungen, die mit europäischem Recht vereinbar sind.

Ein großer Teil der Verträge zwischen Gasprom und Bulgarien ist noch geheim. Wissen Sie, was South Stream Bulgarien bringen könnte und was es kosten würde?

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Osteuropäische Identität Die Eingeklemmten

In der Bredouille zwischen Putin und Conchita Wurst: Ein bulgarischer Philosoph und ein österreichischer Historiker erklären, warum viele Osteuropäer dem Westen nicht mehr nacheifern wollen. Mehr Von Michael Martens

25.05.2016, 14:19 Uhr | Feuilleton
Internationale Kritik In Russland erscheint Schoko-Eis Obamka”

Ein Eis am Stiel sorgt in Russland für Diskussionen. Seit Mai ist das Schoko-Eis im Handel. Der Name: Kleiner Obama - auf russisch Obamka. Viele Russen finden das unangebracht. Mehr

20.05.2016, 08:58 Uhr | Gesellschaft
Trotz politischer Spannungen Nord Stream treibt Erdgas-Pipeline durch Ostsee voran

Laut ambitioniertem Zeitplan soll die Trasse schon Ende 2019 in Betrieb gehen. Von den Spannungen zwischen Russland und der EU zeigt sich das Projekt unbeeindruckt. Mehr

24.05.2016, 10:04 Uhr | Wirtschaft
Erlebnis Europa Ausstellung in Berlin soll über Europa informieren

Ein Stück EU-Kommission und EU-Parlament in Berlin. Am Donnerstag eröffneten Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz und der Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker die Ausstellung Erlebnis Europa im Europäischen Haus in Berlin. Die Ausstellung im Europäischen Haus in der Nähe des Brandenburger Tors ist ab dem 14. Mai täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Mehr

13.05.2016, 13:12 Uhr | Politik
Kampfszenario der Nato Abschreckung mit Speerspitze im Baltikum

Was tun, wenn plötzlich kleine grüne Männchen wie auf der Krim auch im Baltikum auftauchen? Die Nato zerbricht sich seit zwei Jahren den Kopf darüber. Jetzt nimmt ihre Antwort gegenüber der militärischen Bedrohung aus Russland Gestalt an. Mehr Von Thomas Gutschker

14.05.2016, 12:46 Uhr | Politik

Anleitung zur Reparatur

Von Jasper von Altenbockum

Die SPD hält das Integrationsgesetz für ein neues Einwanderungsgesetz. Warum nur? Beim Thema Einwanderung geht es um eine ganz andere Frage. Mehr 215