26.07.2005 · Als Simeon Sakskoburggotski vor vier Jahren bulgarischer Ministerpräsident wurde, galt er als nationaler Retter. Nun verlor er die Wahlen und kämpft um seine Macht - denn ein „gewöhnlicher Bürger“ will der Zar nicht sein.
Von Michael Martens, SofiaBühnenanweisung zu einem bulgarischen Drama, erster Akt, erste Szene: Von rechts, von links oder aus der Mitte kommt der Zar auf die Bühne und sagt nichts, jedenfalls nichts Eindeutiges. Dennoch ist das Publikum begeistert. Der zweite Akt spielt vier Jahre später: Der Zar steht immer noch auf der Bühne, auch wenn er viel von der Gunst des Publikums eingebüßt hat. Da betritt, angeblich von links, ein junger alerter Held die Szene, erklärt sich zum Widersacher des Zaren und nimmt den größeren Teil des Publikums für sich ein. Zar ab. Vorhang.
Dieses Stück wurde jüngst in Bulgarien gespielt, und man hat dem Hauptdarsteller durchaus freundlichen Beifall gespendet - doch letztlich ließ er das Publikum ratlos zurück. Man fragt sich, ob noch ein dritter Akt folgen wird. Ausgeschlossen ist das nicht, denn es gehört zu den beständigen Momenten im Auftreten von Simeon Sakskoburggotski, dem früheren Zaren und noch amtierenden Ministerpräsidenten Bulgariens, daß er Freund und Feind über seine Absichten im unklaren läßt. So war es schon bei seiner Rückkehr nach Bulgarien vor vier Jahren, die er mit einem deutlichen Sieg seiner „Nationalen Bewegung Simeon II.“ bei den Parlamentswahlen krönte.
Seine Unverbindlichkeit ist sprichwörtlich
Sakskoburggotskis Unverbindlichkeit ist längst in den bulgarischen Sprachschatz eingegangen: „Wir werden sehen, wenn die Zeit kommt“ ist in Bulgarien fast ein geflügeltes Wort, dem „Schaun' mer mal“ von Fußballerlegende Franz Beckenbauer ähnlich. Es war die Antwort Sakskoburggotskis auf fast alle Fragen, die ihm als Kandidat für - oder treffender: als Prätendent auf - das Amt des Regierungschefs in Sofia gestellt wurden. Manche brachte er damit derart in Rage, daß ein Journalist sich schließlich nicht anders zu helfen wußte, als Sakskoburggotski nach der Uhrzeit zu fragen.
Geschadet hat die Liebe zur Vagheit diesem bulgarischen König Ungefähr anfangs jedoch nicht. Im Gegenteil: Die „Zarenpartei“ war nur wenige Wochen vor den Wahlen 2001 gegründet worden, sie hatte keine Infrastruktur, keine politische Ausrichtung, sie bestand aus einer heterogenen Ansammlung von nicht selten völlig unerfahrenen Kandidaten. Geeint wurde sie nur durch den Umstand, daß sich ihre Mitglieder um den 1943 zum Zaren proklamierten, aber nie gekrönten Simeon II. von Sachsen-Coburg-Gotha scharten.
Zarewitsch als nationaler Retter
Dennoch errang Simeons gemischte Truppe vor vier Jahren aus dem Stand die Hälfte aller Parlamentssitze. Die Bulgaren feierten ihren verlorenen Zarewitsch als nationalen Retter. Die Geschichte des Simeon erinnert an ein Märchen: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er als Kind vor den Kommunisten aus dem Lande fliehen müssen, mehr als ein halbes Jahrhundert später kehrte er als Bürger Sakskoburggotski zu seinen inzwischen zu Wählern gewordenen ehemaligen Untertanen zurück. Nebenbei zerstörte er dabei auch das bipolare Parteiensystem aus Sozialisten und Konservativen um die Union der demokratischen Kräfte, das sich nach dem Zerfall des Kommunismus in Bulgarien etabliert hatte.
Das bürgerliche Lager ist heute zersplittert wie nie zuvor, was einige Beobachter zu der Vermutung verleitet, Sakskoburggotski sei vor vier Jahren von den Sozialisten ins Land gerufen worden. Eine unsinnige Behauptung, sagt der ehemalige Staatspräsident Schelew und erinnert daran, daß er 1991 gegen den Willen der Sozialisten einen bulgarischen Paß an Sakskoburggotski ausstellen und an die Botschaft des Landes nach Madrid schicken ließ, wo der ehemalige Zar im Exil lebte. „Sein Erscheinen war gut für Bulgarien“, sagt Schelew heute. Er habe nicht nur das Zweiparteiensystem aufgebrochen, sondern auch einen toleranteren Ton in die Politik des Landes gebracht.
Sein neuer Gegner ist Sozialist
Es konnte jedoch nicht ausbleiben, daß Sakskoburggotski die völlig überzogenen Erwartungen seiner Anhänger enttäuscht. So büßte seine Bewegung - die einzige europäische Regierungspartei, die nach ihrem Führer benannt ist - bei den Parlamentswahlen im Juni mehr als die Hälfte ihrer Mandate ein. Zur stärksten Kraft wurden die Bulgarische Sozialistische Partei unter ihrem jungen Chef Sergej Stanischew, der weltgewandtes Auftreten im Ausland mit sozialistisch-erdiger Rhetorik bei Wahlkampfauftritten in der Provinz verbindet.
Dennoch scheint Sakskoburggotski die Hoffung auf eine zweite Amtszeit als Ministerpräsident nicht aufgegeben zu haben: Tagelang verhandelten Sozialisten und der „Zar“, wie er im Alltag in Bulgarien noch immer häufig genannt wird, in der vergangenen Woche hinter verschlossenen Türen über eine Koalition. Als die Verhandlungen schließlich scheiterten, schimpfte Rumen Owtscharow, der mächtige zweite Mann der Sozialisten und designierte Wirtschaftsminister in einem Kabinett Stanischew, eine Zusammenarbeit mit der Zarenbewegung wäre möglich gewesen, doch „bestimmte Leute“ hätten ihre persönlichen Interessen nicht überwinden können. Dieser Hieb galt Sakskoburggotski, der offenbar darauf bestanden hatte, auch als Chef des Wahlverlierers und Juniorpartners einer solchen Koalition Ministerpräsident zu bleiben.
Niemals Oppositionsführer
Theoretisch ist auch jetzt noch nicht alles verloren für ihn, nachdem es den Sozialisten im Parlament am Dienstag nicht gelang, ihre Regierung zu bestätigen. Scheitert Stanischew endgültig, geht das Mandat zur Regierungsbildung nach der bulgarischen Verfassung auf einen Kandidaten der zweitgrößten Fraktion über - und das ist, trotz ihrer deutlichen Wahlverluste, die Zarenbewegung. Allerdings stünde Sakskoburggotski angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der Volksversammlung vor einer rechnerisch zwar möglichen, faktisch jedoch fast unlösbaren Aufgabe, wollte er eine Regierung ohne die Sozialisten bilden.
Nur eines ist sicher: Oppositionsführer wird der einstige Zar nicht werden. Das hat er schon im Wahlkampf deutlich gemacht, in dem er sich zwar um ein zweites Mandat als Regierungschef bewarb, nicht aber um einen Parlamentssitz. Als einfachen Abgeordneten, der in erregten Rededuellen den Regierenden ihre Fehler vorhält, kann sich „den Zaren“ ohnehin niemand in Bulgarien vorstellen, denn in den vier Jahren an der Macht hat Sakskoburggotski seinen aristokratisch-zurückhaltenden Stil öffentlich nicht für eine Minute aufgegeben.
Nur formal ein gewöhnlicher Bürger
Auch aus seiner Umgebung im Regierungsapparat heißt es, der Ministerpräsident mache stets deutlich, daß er zwar formal ein gewöhnlicher Bürger, vor allem aber der Enkel von Ferdinand I. und Sohn von Boris III. ist, den Königen von Bulgarien. Sein Großvater Ferdinand, geboren 1861 in Wien, gestorben 1948 in Coburg, war Fürst von Bulgarien seit 1887 und Zar von 1908 an bis zu seiner Abdankung 1918. Über ihn steht in einem älteren Lexikon zur Geschichte Südosteuropas ein Satz, der in den Augen manch eines Bulgaren auch für seinen Enkel gelten könnte: „Als Glied des mit allen Herrscherhäusern Europas verschwägerten Hauses Coburg und als Sproß der französischen Königsfamilie erfüllte ihn ein dynastischer Stolz, der sich weniger im Drang zu realer politischer Betätigung als in einem hohen Sendungsbewußtsein ausdrückte.“
Ferdinand, der gegen den Widerstand Bismarcks und Alexanders III. von Rußland zum Fürsten Bulgariens gewählt worden war, verfolgte hochfliegende Pläne und träumte von einen Großbulgarien mit Istanbul, das er im ersten Balkan-Krieg 1912/13 von seinen Soldaten angreifen ließ, als Hauptstadt.
Machtbewußter als angenommen
Auch seinem Sohn, Simeons Vater Boris III., wird jener mangelnde „Drang zu realer politischer Betätigung“ nachgesagt. Er wird oft als entscheidungsschwach dargestellt, was ihn im Zweiten Weltkrieg bei den verbündeten Deutschen unbeliebt machte. Bis heute hört man in Bulgarien oft das Gerücht, Boris' Tod wenige Tage nach einem unglücklich verlaufenen Besuch bei Hitler im August 1943 sei darauf zurückzuführen, daß man ihn auf Befehl des Diktators vergiften ließ.
Doch wenn Simeon wirklich der Sproß einer Dynastie von Zauderern ist, warum ringt er dann so entscheiden um die Macht? Der Zar möge das Produkt altmodischer Erziehung sein, ohne Gespür für die Gesetze der Medienwelt, doch sei er machtbewußter als gemeinhin angenommen werde, urteilt ein Diplomat in Sofia. Manche mutmaßen, der wahre Antrieb Sakskoburggotskis sei der Kampf um den Besitz, der ihm nach seiner Rückkehr restituiert wurde. Im Wahlkampf verprachen die Sozialisten, diese Besitztümer wieder zu verstaatlichen. „Die baufälligen Schlösser machen niemanden glücklich, aber Grund und Boden und die Wälder sind viel wert“, urteilt ein ausländischer Beobachter. All das, heißt es, wolle sich Simeon nicht wieder nehmen lassen.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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