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Bürgermeister im Nordirak : Wie lebt man im Dauerkampf gegen den IS, Herr Kodscha?

  • -Aktualisiert am

Nihad Kodscha ist seit zwölf Jahren Bürgermeister der kurdischen Stadt Arbil. Er warnt vor zu viel Toleranz gegenüber dem politischen Terrorismus. Bild: Luise Schendel

Die Einwohner der nordirakischen Stadt Arbil leben in unmittelbarer Nachbarschaft mit der Terrormiliz IS. Nihad Latif Kodscha war Taxifahrer in Deutschland, bevor er dort Bürgermeister wurde.

          Herr Kodscha, Arbil hat Hunderttausende Kriegsflüchtlinge aufgenommen und traurige Erfahrungen mit dem Terrorismus machen müssen. Was würden Sie den deutschen Behörden im Umgang mit dem IS raten?

          Es ist eigentlich eine grundsätzlich andere Situation in den beiden Ländern. Es gibt eine sehr gute Kooperation zwischen uns und der kurdischen Regionalregierung bei der Terrorismusbekämpfung. Es gibt auch militärische Hilfe aus Deutschland für die kurdischen Perschmerga.

          Wie ist die derzeitige Lage im kurdischen Teil Iraks?

          Es herrscht zur Zeit eine große Hoffnung, dass wir bald den IS in Mossul besiegen. Es sind nur noch ein paar hundert IS-Kämpfer dort, die allerdings noch sehr heftig kämpfen.

          Im März 2016 hatten Sie die Prognose abgegeben, dass der IS in einem Jahr besiegt sein würde. Das hat sich noch nicht bewahrheitet. Wie gehen Sie selbst mit der immer noch andauernden Situation, mit der ständigen Bedrohung durch den IS um?

          Gut, mit militärischen Prognosen kann man nicht immer hundertprozentig treffen, weil keiner damit gerechnet hat, dass der IS in den letzten Wochen so hart kämpft. Abgesehen davon haben sie Tausende von Zivilisten als Schutzschilde in Gewahrsam genommen. Daher ist das Militär sehr vorsichtig geworden im Kampf. Es werden weder Artillerie noch Raketen eingesetzt. Zurzeit herrscht also Straßenkampf. Und das dauert natürlich.

          Arbil galt sehr lange als Kulturhochburg und relativ stabil. Wie würden Sie die Lage jetzt einschätzen?

          Das ist immer noch so. Arbil ist nicht gefährdet gewesen, auch wenn der IS 40 Kilometer vor der Stadt stand. Es gab in der Stadt keine Kämpfe. Arbil ist genauso friedlich wie Bonn, Köln und andere deutsche Städte.

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          In Deutschland gab es einige Anschläge …

          ... das ist wirklich ein Problem. Aber das betrifft fast alle Länder, die den IS bekämpfen. Dort muss man mit Anschlägen rechnen. Aber ich hoffe, dass wir alle gemeinsam die Terroristen besiegen.

          Haben Sie konkrete Vorschläge, welche Maßnahmen die deutsche Politik im Kampf gegen den islamistischen Terror ergreifen sollte?

          Mir macht vor allem eine Sache Sorge: Dass man die Demokratie hierzulande ausnutzt. Die deutschen Behörden sollten ein bisschen empfindlicher sein gegenüber dem politischen Islamismus. Den vermehrten Bau vieler Moscheen sollte man zwar nicht verbieten, aber man muss vorsichtig sein. Denn in Moscheen beten 500 Menschen und in einer Stadt braucht man nicht zehn oder zwanzig Moscheen. Da muss man genauso schauen, wozu der Moscheebau genutzt wird. Wir müssen vorsichtig sein mit diesem Liberalismus, für den wir im Übrigen alle sind. Dass er nicht ausgenutzt wird.

          Die Region um Mossul ist seit Monaten erbittert umkämpft. Von dort flohen die Menschen auch nach Arbil. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den deutschen Hilfsorganisationen, die Ihnen dabei zur Seite stehen?

          Die Zusammenarbeit ist sehr wichtig für uns. Und sie bleibt es auch. Seit zwei Jahren bekommen wir große humanitäre Hilfe von Luftfahrt ohne Grenzen und anderen Organisationen. Durch ihre Hilfe wurden viele Menschen gerettet.

          Wie gestaltet sich diese Unterstützung?

          Per Flugzeug wurden in der Vergangenheit viele Zelte, Nahrung, Kleidung und andere wichtige Versorgung in schwer erreichbare Gebiete gebracht. Das half den Menschen dort sehr, viele waren monatelang eingekesselt und bekamen keine Grundversorgung.

          Ist die weltweite Hilfsbereitschaft zurückgegangen?

          Leider ist das so. Wir hatten eine Phase, wo die Kämpfe nur außerhalb der Großstädte stattfand. Nun haben sich die Konflikte auf die Metropolen mit Millionen Einwohnern ausgedehnt. Und die Unterstützung lässt langsam nach. Aber gerade jetzt ist die Hilfe sehr sehr dringend nötig. Denn wir haben seit Beginn der Militäreinsätze in Mossul 38.000 Verwundete und 500.000 Flüchtlinge aufgenommen. Dazu kommen noch Hunderttausende, die wir in nächster Zeit erwarten. Diese Menschen brauchen dringend Arzneimittel, auch wenn Luftfahrt ohne Grenzen schon Basisrationen zur Verfügung gestellt hat. Aber der Irak hat gleichzeitig die medizinische Hilfe aus Bagdad gestoppt, um politischen Druck auf uns auszuüben. Deswegen brauchen wir so dringend die Hilfe aus Deutschland und anderen europäischen Ländern, um der Lage Herr zu werden. Und irgendwann den Krieg hinter uns allen lassen zu können.

          Vor ein paar Jahren wollten Sie Arbil zu einer Fußballmetropole ausbauen. Was ist daraus geworden?

          Nicht viel, weil wir seit 2014 durch die Attacken und Angriffe des „Islamischen Staats“ (IS) mit der Bekämpfung des Terrorismus beschäftigt sind. Wir haben nicht nur diesen, sondern viele Pläne verschoben. Nach dem Krieg können wir diese Projekte bestimmt fortsetzen.

          Was ist geplant?

          Eine große Fußballarena mit allen notwendigen angrenzenden Komplexen, damit die Jugendlichen sich mit Sport und anderen Sachen beschäftigen können. Das ist nötig, denn im Krieg ist das Leben anders als in Friedenszeiten.

          Sie lebten selbst lange im Exil. In Bonn waren Sie unter anderem Taxifahrer. Haben Sie die Fußballbegeisterung aus Deutschland in die autonome Region Kurdistan mitgebracht?

          Eigentlich nicht. Ich bin früher selbst Fußballspieler gewesen und mache immer noch Sport. Ich bin ein großer Fan des HSV und verfolge alle Spiele der Mannschaft, wenn ich bei meiner Familie in Bonn bin. Per Satellit verfolge ich auch die Sportschau von Kurdistan aus.

          Wann, glauben Sie, kann Arbils Fußballstadion eröffnet werden?

          Ich wage diesmal nur eine vage Prognose: in drei oder vier Jahren. Das ist schließlich etwas für Friedenszeiten.

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