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Bündnis mit Indien Das Wagnis des George W. Bush

05.03.2006 ·  Bekenntnis zu Indien, Ohrfeigen für Pakistan: Im Schatten von Massenprotesten säen Amerika und Indien mit ihrem Atomvertrag eine Saat, die die weltpolitische Landschaft verändern könnte.

Von Jochen Buchsteiner, Delhi
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„Bush - the greatest Terriest“ stand auf einem Plakat, das indische Muslime während einer Großdemonstration in die Fernsehkameras hielten. In seiner sprachlichen Unbeholfenheit zeigte das handgepinselte Schild, daß es gerade die einfachen Leute sind, die die Wut auf den obersten Repräsentanten Amerikas auf die Straße treibt. Bilder wie diese, die auch aus Afghanistan und Pakistan gesendet wurden, erweckten einmal mehr den Eindruck, als sei der asiatische Antiamerikanismus in eine Massenerhebung umgeschlagen.

Tatsächlich blicken die Bush-Gegner auf aktive Tage zurück. Keinen Ort konnte der amerikanische Präsident während seiner viertägigen Südasien-Reise betreten, ohne von Protesten empfangen zu werden. Im Zentrum Delhis demonstrierten Zehntausende im Namen Allahs und im Namen der Kommunistischen Internationale. In der südindischen Metropole Hyderabad schlossen muslimische Geschäftsleute aus Protest gegen den Besuch ihre Läden.

In Pakistan zeigte sich der Bush-Haß sogar in seinem terroristischen Gewand: Zwei Tage bevor der Präsident in Islamabad landete, explodierte vor dem amerikanischen Konsulat in Karachi eine Bombe, die vier Menschen tötete, unter ihnen einen amerikanischen Diplomaten. Welches Ausmaß der Haß auf den amerikanischen Präsidenten erreicht hat, ergibt sich auch aus der mehrfach geänderten Reiseroute: Aus Angst vor Anschlägen wurde die Ankunftszeit in Pakistan tagelang geheimgehalten und die Überraschungsvisite in Afghanistan erst im Moment der Landung bestätigt.

Die Bedrohung ist gestiegen

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen für amerikanische Präsidenten, die islamische Länder besuchen, gab es schon immer: Als Bushs Vorgänger Bill Clinton im Jahr 2000 nach Pakistan reiste, ließ er seine „Air Force One“ zur Täuschung leer fliegen, um selber in einer kleinen Maschine in Islamabad zu landen. Doch die Bedrohung - und die in ihr gespiegelte Abneigung - ist seit dem 11. September 2001 spürbar gestiegen. Nicht nur der Präsident und seine Delegation, alle Amerikaner bewegen sich inzwischen verunsichert in Asien.

Von Karachi bis Jakarta, von Hyderabad bis Kuala Lumpur - überall lautet der Vorwurf, Bush habe dem Islam den Kampf angesagt und wolle die muslimische Welt unterwerfen. Von einer „Verschwörung“ ist die Rede. Auch die genannten Punkte, auf die sich die Anschuldigungen beziehen, gleichen sich allerorten: die Kriege im Irak und in Afghanistan, Washingtons Hilfe für Israel sowie die Mißhandlungen muslimischer Häftlinge im Lager von Guantanamo, im irakischen Gefängnis Abu Ghraib oder am afghanischen Stützpunkt Bagram. Daß die Mohammed-Karikaturen in Europa und nicht in Amerika abgedruckt wurden, ist da fast ein Schönheitsfehler.

Gegen den „amerikanischen Imperialismus“

So werden Welten zusammengeführt, die sich traditionell eher selten begegnen: Radikale Muslime und Kommunisten skandieren gemeinsam Schlachtrufe gegen den „amerikanischen Imperialismus“. Sie treffen sich in ihrer Abneigung gegenüber Marktwirtschaft, Freihandel und Globalisierung. In Indien probt die kommunistische CPI-M gegenwärtig unverhohlen den Schulterschluß mit den Muslimen. Beobachter nehmen an, daß die wohlgesetzten antiamerikanischen Eskapaden des CPI-M-Vorsitzenden Prakash Karat der Partei bei den anstehenden Wahlen in Westbengalen und Kerala die muslimischen Wähler in Scharen zutreiben werden.

Das ist die eine, lautstarke Seite. Die andere ist die stille Zustimmung, ja Sympathie der Mehrheiten. Während das indische Fernsehen die Bilder aufgebrachter Demonstranten ausstrahlte, veröffentlichte das Magazin „Outlook“ eine repräsentative Umfrage, die das Amerika-Bild der Inder in ein ganz anderes Licht rückt. Die Frage, ob Bush ein Freund des Landes sei, bejahten 66 Prozent; nicht einmal zwanzig Prozent stimmten mit Nein. Nur 14 Prozent „hassen“ Amerika, 39 Prozent leisten sich neutrale Gefühle - und fast die Hälfte aller Befragten bekannte sich dazu, die Vereinigten Staaten zu „lieben“.

Bewunderung und Faszination

Bei aller Skepsis, die Bushs Politik in Asien hinterläßt, überwiegt Bewunderung und Faszination für die Vereinigten Staaten. Eine Ausbildung in Amerika gehört noch immer zu den höchsten Statussymbolen asiatischer Mittelschichten. Von keinem westlichen Land wissen die Menschen so viel wie von den Vereinigten Staaten. Die lokalen Nachrichtensender sind CNN nachempfunden, die neuen Cafes sehen aus wie von „Starbucks“ entworfen, die Jugend trägt amerikanische Turnschuhe und T-Shirts mit Emblemen amerikanischer Eliteuniversitäten.

Vor allem das politische Establishment in der Region verspricht sich nach wie vor viel von engen Beziehungen zu Washington, und das nicht zu Unrecht. Afghanistan, die erste Station des Präsidenten, wäre ohne die Unterstützung der amerikanischen Kampftruppen kaum in der Lage, seine tastenden Schritte in Richtung Demokratie fortzusetzen. In Pakistan, von wo Bush am Samstag die Rückreise antrat, hoffen nur die Kleriker auf einen Abbruch der Beziehungen. Die meisten Pakistaner sehen im politischen und finanziellen Engagement der Vereinigten Staaten auch eine Versicherung gegen eine Machtübernahme durch die Islamisten.

Triumphzug in Indien

Geradezu einen Triumphzug trat Bush in Indien an. Schon Wochen vor seiner Ankunft bereiteten die Medien die Reise mit Titelgeschichten und Sondersendungen vor. Der Hunger nach Anerkennung durch die Supermacht wurde von Bush mehr als gestillt. Am letzten Tag seines Besuchs adelte er Indien zu einer „globalen Führungsmacht“, die an der Seite Amerikas „die Welt verändern“ werde. Er beschwor die gemeinsamen Werte „der ältesten und der größten Demokratie der Welt“ und forderte Indien auf, die Idee der Freiheit, der Demokratie und des Pluralismus zu verbreiten. Die „Times of India“ titelte am nächsten Tag mit zwei Worten: „Indisch-amerikanische Zivilisation“.

Zum Symbol der historischen Annäherung beider Länder, die während des Kalten Krieges eher verhalten miteinander umgingen, wurde ein Abkommen, das Indien aus der atompolitischen Isolation führt. Mit seinem Angebot, fortan die zivile Nuklearindustrie Indiens zu unterstützen, widerruft Bush eine Politik, die die internationale Gemeinschaft seit dem ersten indischen Atombombentest von 1974 verfolgte: keine Zusammenarbeit mit einem Land, das sich weigert, den Nichtverbreitungsvertrag zu unterzeichnen.

Mutiges Vorpreschen

Bushs Vorpreschen ist mutig. Der Präsident, der innenpolitisch schon stärkere Zeiten erlebt hat, muß die Vereinbarung durch den Kongreß bringen, wo Senatoren und Abgeordnete beider Lager kritische Fragen stellen. Auch die internationalen Folgen sind schwer absehbar. Inwiefern Iran und Nordkorea noch zum Einhalten der Nichtverbreitungsregeln gedrängt werden können, wenn der zugrunde liegende Vertrag mit der indischen Ausnahmeregelung ad absurdum geführt wird, bleibt abzuwarten. Der hohe amerikanische Einsatz zeigt, daß ein mindestens so hoher Gewinn erwartet wird. Aber auch die indische Minderheitsregierung bewies Wagemut und riskiert den Konflikt mit den Kommunisten, ohne deren parlamentarische Unterstützung sie nicht regieren könnte. Im Schatten der Massenproteste setzten Präsident Bush und Premierminister Singh eine Saat, die die weltpolitische Landschaft verändern kann.

Delhi ist sich seiner Attraktivität gewahr und nimmt die Unterstützung gerne an, ohne sich allerdings gefügig machen zu wollen. Wie selbstbewußt Delhi auftritt, läßt sich an dem „Kompromiß“ des Nuklearabkommens ablesen, der beinahe alle indischen Forderungen berücksichtigt - nicht zuletzt den Verbleib maßgeblicher Nuklearkapazitäten unter rein nationaler Aufsicht. Die Bereitschaft, sich gegen China instrumentalisieren zu lassen, ist gering. Erst im vergangenen Jahr hat Delhi begonnen, die Beziehungen mit dem großen Nachbarn im Nordosten in freundschaftliche Bahnen zu lenken. Mit keinem Land entwickelt sich der Handel stürmischer, auch reizt viele der Gedanke an die Wucht einer indisch-chinesischen Achse, an die politische und wirtschaftliche Prägekraft einer bilateralen Allianz, die im Namen von zweieinhalb Milliarden Menschen sprechen kann.

Ein klares Bekenntnis

Wie immer die Saat aufgeht, Bush hat erstmals Prioritäten gesetzt in Südasien. Die klassische Eiertanz-Diplomatie zwischen Delhi und dessen Erzrivalen in Islamabad ist einem klaren Bekenntnis gewichen: Indien, nicht Pakistan ist der Primus inter pares. Fast herablassend behandelte Bush am Samstag seinen Gastgeber in Islamabad.

Teil seiner Mission sei es, festzustellen, ob Musharraf „noch so engagiert wie früher dabei ist, Terroristen vor Gericht zu stellen“, sagte er. Zur schleppenden Demokratisierung in Pakistan merkte Bush spitz an, Präsident Musharraf verstehe, daß die Wahl im Jahr 2007 ehrlich und offen sein müsse.

Die eigentliche Ohrfeige aber verpaßte Bush mit seiner Antwort auf die Frage, ob Pakistan als „strategischer Partner“ nun ein ähnliches Nuklearabkommen erwarten dürfe wie Indien: „Pakistan und Indien sind verschiedene Länder mit verschiedenen Bedürfnissen und einer verschiedenen Geschichte.“ Deutlicher konnte er nicht zu Protokoll geben, daß seine Wahl getroffen ist: Musharraf bleibt der Gehilfe im schmutzigen Kampf gegen den Terror, Singh wird zum Partner für die Gestaltung der künftigen Weltordnung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.03.2006, Nr. 9 / Seite 3
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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