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Broschüre für Verständnis : Knigge für afghanische Soldaten

Was wollen die mit dem Baum? Bild: dpa

Die Soldaten der deutschen Bundeswehr werden vor ihrer Entsendung nach Afghanistan mit den kulturellen Eigenheiten ihres Stationierungsortes vertraut gemacht. Auf der anderen Seite läuft es ähnlich.

          Dass der amerikanische oder der deutsche Offizierskollege, der in einem entspannten Moment seine gestiefelten Füße auf den Tisch legt, damit keineswegs eine schwere Beleidigung im Sinn hat, wird afghanischen Soldaten seit einigen Monaten in speziellen Trainingsstunden von ihren Vorgesetzten erläutert. Auf Anweisung des Generalstabschefs der afghanischen Armee, General Karimi, erhielten die Kultur- und Religionsoffiziere aller afghanischen Armeekommandos eine Broschüre mit dem Titel „Kulturelles Verstehen - ein Leitfaden zu den Sitten der Koalitionstruppen“. Jedem afghanischen Soldaten soll in einer dreistündigen Trainingseinheit der Inhalt dieses Büchleins von seinen Vorgesetzten vermittelt werden: Der Text enthält auch Fragen, mit deren Hilfe die Schulungsoffiziere kontrollieren können, ob ihre Schützlinge den Inhalt auch verstanden haben.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Soldaten der deutschen Bundeswehr werden vor ihrer Entsendung nach Afghanistan wiederum mit den kulturellen Eigenheiten ihres Stationierungsortes vertraut gemacht - sie wissen die Sache mit den Füßen, die man gläubigen Muslimen nicht entgegenstrecken soll. Doch nicht alle der fünfzig Nationen, die als Truppensteller den afghanischen Isaf-Einsatz beschicken, haben ein gleichermaßen umfassendes Vorbereitungsprogramm.

          Dass die afghanische Armeeführung sich zu dem Aufklärungsprogramm entschloss, ist ein Hinweis darauf, dass Soldaten der Isaf-Nationen als Berater der afghanischen Führungskader jetzt oft enger und persönlicher mit ihren afghanischen Offizierskollegen zusammenarbeiten als in früheren Jahren. Die Broschüre lässt sich als Versuch verstehen, kulturelle Gegensätze nicht zur Gefahr werden zu lassen. Die Attentate, die von sogenannten „Innentätern“ auf afghanische Kameraden und westliche Soldaten verübt werden, sind seit zwei Jahren zu einer massiven Bedrohung geworden. Allein im laufenden Jahr zählte die Armee in den zehn Monaten bis November 45 Fälle mit 61 Toten.

          „Fühlen Sie sich nicht beleidigt“

          Der afghanische Leitfaden legt in einem ersten Unterrichtsabschnitt zunächst Wert auf die Gemeinsamkeiten, welche die afghanischen Streitkräfte und die internationale Isaf-Einsatzarmee auszeichnen: Beschrieben werden soldatische Tugenden wie Loyalität, Pflichterfüllung, Respekt. Dann werden die Grundrechte der afghanischen Verfassung und der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen verglichen. Erst der letzte Abschnitt ist den Unterschieden in gesellschaftlichen Sitten und Auffassungen gewidmet.

          Drei große Themen stehen dort am Anfang: die Familie, die Rolle der Frauen und die Bedeutung der Religion. Der Unterrichtstext will den afghanischen Soldaten vermitteln, dass viele Kameraden aus westlichen Ländern womöglich genauso religiös seien wie sie selbst, dass sie aber Religion für eine „Privatsache“ hielten und nicht für eine öffentliche oder gar staatliche Angelegenheit. Dann wird erklärt, dass viele Soldaten aus Amerika oder aus europäischen Ländern einfach aus Unkenntnis bestimmte muslimische Sitten missachteten und nicht etwa aus bewusster Feindseligkeit oder gar Beleidigungsabsicht. Viele wüssten beispielsweise schlicht nicht, dass es sich nicht gehöre, vor einem betenden Muslim zu stehen oder seine Sicht in Richtung Mekka zu kreuzen.

          Noch zahlreicher sind die kulturellen Verhaltensunterschiede, die die afghanische Armee für erläuterungsbedürftig hält. Neben der Sache mit den Fußsohlen zählt dazu auch die Sitte des Naseschnaubens: Afghanen schnaubten ja nicht ihre Nase aus, wenn sie sich in der Öffentlichkeit träfen oder privat zusammenkämen, stellt der Leitfaden der afghanischen Armee fest. Doch in vielen „Koalitions-Kulturen“ sei dies „keine unübliche Praxis“. Also, lautet die folgende Bitte, „fühlen Sie sich nicht beleidigt, wenn ein Angehöriger der Koalitionstruppen vor ihnen seine Nase schneuzt“.

          Es wird auch vor Ritualen gewarnt, die in westlichen Armeen geradezu als Ausdruck von Kameradschaftlichkeit und kollegialer Verbundenheit gelten: Das eine sind körperliche Kontakte, das andere sind Bezüge auf Angehörige und Familie. Die afghanischen Soldaten lernen, dass die meisten Soldaten in den Koalitionstruppen gerne Fotos und Geschichten ihrer Familienmitglieder präsentierten und herumzeigten. Also sei auch damit zu rechnen, dass sie sich nach Frau und Familie ihrer afghanischen Gegenüber erkundigten. Auch hier folgt auf die Warnung wieder der Hinweis: „Wenn dies geschieht, seien Sie bitte nicht beleidigt.“

          Quelle: F.A.Z.

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