19.10.2006 · „Miss Nottingham“ ist Muslimin, „Miss England“ auch. Aber eine dritte britische Muslimin wurde bekannter als es die beiden je waren: Die 23 Jahre alte Lehrassistentin Aisha Azmi weigerte sich, im Unterricht den Schleier abzulegen - und wurde suspendiert. Ihr Fall wurde zur nationalen Nachricht.
Von Bernhard Heimrich, LondonWenn Sarah Mendly aus Beeston bei Nottingham in den Spiegel schaut, fragt sie sich: „Wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich?“ Das sind die ersten Zeilen ihres Gedichts „Spiegelbilder, die ich sehe“. Für diese Fragen ist sie aber eigentlich viel zu jung.
Heute ist Sarah zwar schon 24 Jahre alt, aber als sie anfing, Gedichte zu schreiben, war sie neun. Mit 16 hat sie sich an einem nationalen Gedicht-Wettbewerb beteiligt, und dieses Gedicht „Spiegelbilder“ hat gewonnen. Es geht um Licht und Schatten, und die letzte Zeile endet mit der Klage: „Wir haben so weit zu reisen bis zum Sterben!“ In einer Kritik hieß es damals, Sarah sei ein gutes Vorbild für junge englische Dichter.
„Miss Nottingham“ ist eine Muslimin
Das scheint aber nicht ihr einziges Talent zu sein. Sie spielt Klavier, geht gern einkaufen und treibt Fitneßtraining. Sie sagt, einmal habe sie mit den Beinen 200 Kilo gestemmt. Inzwischen hat Sarah ein biomedizinisches Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und ist in eine internationale Firma eingetreten. Das alles hatte sie voriges Jahr nicht abgehalten, sich an der Wahl zur „Miss Nottingham“ zu beteiligen - und zu gewinnen.
Es war gewissermaßen die erste freie und allgemeine Wahl dieses Genres, nämlich eine Abstimmung per Handy-Kurzmitteilung. Auch die nachfolgende Wahl zur „Miss England“ in Liverpool hätte sie um ein Haar gewonnen; tatsächlich wurde sie Zweite. Hätte sie es geschafft, wäre sie für England im Dezember zur internationalen Endrunde nach Peking geflogen, und zu guter Letzt wäre sie womöglich „Miss Welt“ geworden. Die Geschichte hat eine Pointe: Sarah Mendly ist eine britische Muslimin. Die Familie stammt aus dem Irak, Sarah lebt seit dem ersten Geburtstag in Nottingham.
„Miss England“ kommt aus Afghanistan
Während der Ausscheidungskämpfe hieß es damals aufgeregt, sollte Sarah Mendly in Liverpool tatsächlich die Krone erhaschen, würde sie die erste muslimische „Miss England“. Das hat nicht geklappt, es waren immerhin 40 Konkurrentinnen, und das ist immer noch England, nicht Belutschistan. Außerdem war das mit Blut geschriebene Datum im Juli noch besonders frisch im Bewußtsein, dessen Kurzform „7/7“ das britische Gegenstück ist zum amerikanischen „9/11“. Am 7. Juli 2005 hatten britische Muslime bei Selbstmordattentaten in der Londoner U-Bahn und einem Bus ein Blutbad angerichtet.
Um so überraschender ist deshalb die zweite Pointe. Sarah Mendly hat zwar knapp verloren, aber nicht etwa, weil sie eine Muslimin ist, womöglich gar im Gegenteil: Sie klingt nicht muslimisch genug. Gewinnerin wurde die 18 Jahre alte Hammasa Kohistani. Man konnte schon dem Namen ansehen, daß die Familie und die Religion dieser „Miss England“ nicht „von hier“ war. Die Familie kommt aus Afghanistan. Ausgerechnet im Jahr des Unheils aus der Hand muslimischer Attentäter hat England also dann doch noch seine erste muslimische Schönheitskönigin gekürt.
Vier muslimische Abgeordnete im Unterhaus
An dieser kleinen, aber feinen Nebensache im Muster des Zusammenlebens scheint noch mehr ungereimt. Es rechnet sich einfach nicht. Unter den 40 Bewerberinnen um den Schönheitstitel waren insgesamt sogar vier muslimische Mädchen, und die hatten alle schon nach einem offenen Wahlkampf ihren lokalen Titel gegen die Konkurrenz gewonnen. Das sind zehn Prozent; der Anteil der Muslime an der Bevölkerung aber beträgt nur drei Prozent, und in diesem Fall ist die Rede von ganz Großbritannien, nicht nur von England. Aber in der muslimischen Existenz in Großbritannien ist der Proporz ohnehin sozusagen unterrepräsentiert. Im Unterhaus gibt es vier muslimische Abgeordnete; dem Verhältnis nach müßten es 20 sein.
Die wichtigste politische Bewegung in der Minderheit hat aber gar nichts mit Religion oder Herkunft zu tun, sondern mit Politik. Wer hier von einer wichtigen politischen Veränderung spricht, meint nicht etwa Zulauf für Leute, die in der Downing Street das Kalifat ausrufen möchten. Solche Spinner mag es geben, aber das einzige, was politisches Gewicht hat, ist die Drift muslimischer Wähler von Labour zu den Liberal-Demokraten. Wenn es demnächst bei den Auszählungen wieder enger wird, kann das Labour die Regierung kosten. Die kleinere Oppositionspartei hatte sich als einzige gegen die britische Beteiligung am Irak-Krieg gestellt.
Besonders viele muslimische Studenten
Und die Hälfte der 1,8 Millionen Muslime sind „wirtschaftlich inaktiv“. Auch das heißt nur zum Teil, daß die Arbeitslosenrate bedeutend höher ist als im Rest der Gesellschaft. Daneben gibt es auch soziologische Gründe; mehr Frauen bleiben für die Familie zu Hause, weil das Tradition ist, nicht aus Mangel an Arbeitsgelegenheit. Und da die muslimische Minderheit ihres kraftvollen natürlichen Wachstums wegen nicht immer älter wird wie die „weiße“ Mehrheit, sondern immer jünger, stellt sie auch überdurchschnittlich viele Schüler und Studenten. Die aber haben eine „wirtschaftliche Aktivität“ im Sinn der Statistik noch vor sich. Vielleicht kann das schließlich sogar den merkwürdigen Umstand erklären, daß es so viele muslimische Schönheitsköniginnen gibt; denn auch Schönheit muß jung sein.
Merkwürdig ist der Umstand vor allem, wenn sich zum Gruppenbild der jungen britischen Muslimfrauen auch noch die 23 Jahre alte Aisha Azmi aus Dewsbury, West Yorkshire gesellt. Vielleicht hätte auch sie eine Chance gehabt bei der Handy-Wahl. Doch niemand weiß, wie sie aussieht, denn sie hat sich entschlossen, den Schleier zu tragen, und zwar die besonders strenge Form, der nur einen Augenschlitz offenläßt.
Suspendiert - wegen Schleier im Unterricht
Aber gerade deshalb ist Aisha in den letzten Tagen berühmter geworden, als Sarah oder Hammasa je waren, und ihr Foto stand in allen Zeitungen. Der Augenschlitz verrät natürlich nicht viel, aber vermutlich ist Fräulein Azmi kein weltfremdes Mauerblümchen. Vielmehr hat sie studiert und arbeitet als Lehrassistentin in einer Grundschule. Der Schulleiter hat sie suspendiert, weil sie sich weigert, auch während des Unterrichts den Schleier abzulegen. Solange Mannsbilder im Haus sind, will Fräulein Azmi nur durch ihren Augenschlitz in die Klasse spähen. Sie sagt, die Kinder hätten sich nicht beschwert. Jetzt ist die Sache in der Hand von Anwälten.
In Großbritannien gibt es kein Gesetz, das Schleier im Unterricht verböte. Über Schuluniformen für Schüler entscheidet die Schulleitung oder die Schulträgerschaft. Seit 2002 gibt es nur eine Vorschrift, daß „religiöse Erfordernisse“ bei Schuluniformen berücksichtigt werden müssen. Die Schule in Dewsbury steht unter der Regie der anglikanischen Kirche, aber die Schüler sind gemischt; manche haben Schwierigkeiten, dem englischen Unterricht von Anfang an zu folgen. Für sie war Fräulein Azmi angestellt worden; sie soll nacharbeiten und dabei erklären oder übersetzen.
Die Jugend trägt Schleier
Auf diese Spezifikation ihrer Tätigkeit bezieht sich auch die Suspendierung, nicht auf den religiösen Hintergrund. Wenn die Kinder ihr Gesicht nicht sehen, so die Begründung, haben sie es schwerer, zu verstehen, was sie sage oder wie sie es meine. Es trifft sich allerdings auch günstig, daß die Schulkinder von Dewsbury jetzt nicht mehr sozusagen ex cathedra als Lehrinhalt mitbekommen, daß eine britische Frau die Welt nur durch einen Schlitz sieht.
Solche Streitfälle gibt es vermutlich öfter. Der vorige hatte im März von sich reden gemacht. Das kann gar nicht anders sein, denn nach veröffentlichten Schätzungen tragen heute bis zu 40.000 der 800.000 muslimischen Frauen irgendeine Form des Schleiers. Früher sollen es nur 10.000 gewesen sein. Auch hier gilt das Gesetz der ungestümen Jugend; doch diesmal schafft es nicht ein glitzerndes Gegenbild, sondern ein pechschwarzes.
Religiöse Trotzreaktion
Denn nicht mehr ältere Frauen nehmen den Schleier, die gehen eher öfter westlich, sondern mehr junge. Sie kehren zum strengen Ritual der Großeltern zurück. Das kann religiöse Erweckung sein, aber auch eine besonders prägnante Trotzreaktion gegen die Umwelt, wenn nicht gegen die eigenen Eltern. Eine ähnliche Aufwallung hatte man in den Jahren der Chomeini-Revolution in Iran beobachtet. Heute ist der Krieg im Irak und in Afghanistan und die Konfrontation im Nahen Osten der plausible aktuelle Anlaß oder Vorwand. So gesehen wäre der Schleier auch so etwas wie ein T-Shirt mit einer Aufschrift, die man lieber nicht druckt.
Auch beiläufigere Dinge können Gewicht bekommen. Rahmanara Chowdhury, die an der Universität von Loughborough angestellt ist, trägt aus religiösen Gründen den Schleier seit ihrem letzten Studienjahr. Heute sagt sie, sie habe es auch aus anderen Gründen nie bereut. Seit sie verschleiert sei, seien die Nichtmuslime ihrer Umgebung viel höflicher geworden. Übrigens kann auch bei den jungen Männern die Absonderung ins Fromme mehr Gründe haben als nur den religiösen Impuls. Ein junger Muslim kann nicht einfach beim lokalen Fußballklub mitmachen, wenn er am Wochenende ein bißchen kicken möchte, denn dort wird erwartet, daß man Alkohol trinkt und seinen Spaß hat mit den Mädchen; er ist auf seinesgleichen verwiesen.
„Üblich, den Gesprächspartner zu sehen“
Doch das Aufsehen, das der Fall Azmi erregt, hat nicht nur mit dem Erstarken des Islams zu tun, sondern auch mit einer Zeitenwende viel kleineren Kalibers: dem Verfall der Macht Tony Blairs. Der Streit in einer Volksschule im abgeschiedenen Norden wurde überhaupt nur eine nationale Nachricht, weil zwei Wochen davor der Labour-Fraktionsführer Jack Straw der Nation das Thema mutwillig auf den Frühstückstisch geworfen hatte. In der Lokalzeitung seines nordenglischen Wahlkreises hatte er berichtet, er bitte seit einem Jahr verschleierte muslimische Besucherinnen, während der Sprechstunde den Schleier zu lüften, denn „in diesem Land“ sei es üblich, daß man den Gesprächspartner sehe.
Der Vorstoß erregte das erwünschte Echo: Plötzlich sprach jedermann über Straw, der bis dahin nur der ehemalige, will sagen von Blair entlassene Außenminister gewesen war; und in London nahmen alle anderen Bewerber um Posten in der ersten Regierung Brown Witterung auf, was Straws Schleiertanz wohl zu bedeuten habe. Der Fall Azmi gab dem Scheinthema, gemeint ist der Schleier, dann noch mehr Resonanz. Am Dienstag hat sogar Premierminister Blair im Fernsehen etwas dazu gesagt: Der Schleier sei ein Zeichen von Absonderung, es müsse aber um Integration gehen.
Das ist zu guter Letzt die merkwürdigste Veränderung, und sie betrifft nicht etwa die Minderheit, sondern die ganze Gesellschaft. Als der junge Blair kurz nach dem Einzug in die Downing Street über seinen religiösen Hintergrund gefragt wurde, hat der anwesende Propagandachef Campbell das Interview abgebrochen mit dem Verweis: „We don't do God!“ („Wir machen nicht in Gott.“) Das hatte eine schöne altenglische Tradition auf eine kurze Formel gebracht: Über Glauben (und über Geld) redet man nicht. Auf einmal scheint jedermann über Religion zu reden.
Daily Error: Sie läßt lüften
Jonas Hesselbrinck (Daily-Error.de)
- 19.10.2006, 05:20 Uhr
An den Haaren herbeigeholt
Norman Hosokawa (normax)
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