Es ist nur eine sogenannte „Randveranstaltung“, und sie beginnt erst in zwei Stunden, aber in den Cafés nahe dem Kongresszentrum macht sich Unruhe breit. „Wir sollten langsam los“, sagt Aideen Lee, eine Kommunikationsberaterin, zu ihrer Freundin, einer Tory-Delegierten. „Diese Show wollen alle sehen.“ Vor der Tür zu Halle eins stehen die Delegierten schon in Trauben. Vor anderen Sälen wird gefragt, ob man zum „Technologieforum mit Energieminister Charles Hendry“ will oder zum „Podiumsgespräch mit Minister Ken Clarke“. Hier, vor Halle eins, heißt es nur: „Sie wollen zu Boris?“ Ja, zu Boris.
Zur Erinnerung: Der britische Premierminister heißt David Cameron. Er regiert ein Land, das in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt, und hat eines der größten und umstrittensten Sparprogramme in der britischen Geschichte aufgelegt. In Umfragen liegt seine Partei Welten hinter der Opposition zurück. Es gibt also eine Menge, über das sich in Birmingham zu reden lohnt. Aber im Mittelpunkt dieses Parteitages steht ein Bürgermeister - derjenige von London immerhin, aber eben ein Bürgermeister. So nah fühlen sich ihm viele, dass sie ihn nicht mehr beim Nachnamen nennen. Boris Johnson ist „Boris“, so wie die Starsängerin Adele Adkins „Adele“ ist.
„Mission Imborisable“
Am Morgen hat Schatzkanzler George Osborne gesprochen, Camerons Vertrauter, der wichtigste Mann im Kabinett. Er verabreichte den Delegierten Schwarzbrot, quälte sie mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme des Haushalts, und zeigte Entschlossenheit, den Sparkurs fortzuführen. Cameron, sagte Osborne, sei ein „herausragender Premierminister mit Urteilsvermögen und Integrität“, und dann formulierte er das Signal, das von diesem Parteitag ausgehen soll: „Wir halten zusammen!“ Es war eine Team-Rede, Cameron blickte gerührt drein, und die Partei applaudierte freundlich.
Ob Boris das Signal gehört hat? Vor dem Parteitag war kaum ein Tag vergangen, an dem er dem Regierungschef keinen Stock zwischen die Beine gesteckt, Entscheidungen kritisiert, neue Vorschläge gemacht, einfach genervt hatte. Die Zeitungen meldeten ein Umfrageergebnis, das Johnson weitaus populärer erscheinen ließ als Cameron, und inszenierten einen Showdown in Birmingham. „Boris kommt in die Stadt“, schrieb der „Guardian“, so als reite Johnson zum finalen Duell ein. „Boris als Premierminister?“, fragte gar die Kolumne des „Daily Telegraph“. Selbst die nüchterne „Financial Times“ gab ihrem „Konferenz-Notizbuch“ einen dramatischen Untertitel: „Suchen nach dem Feind im Innern“.
Im Saal erlischt das Licht, ein Video beginnt. Es heißt „Mission Imborisable“. Zu Musik, die an das James-Bond-Thema erinnert, steigt Johnson auf ein „Boris Bike“ und steckt sein Hosenbein in eine schreiend bunte Socke. Dann rast er durch London, nimmt Treppen und Absätze, das Hemd hängt ihm halb aus dem Bund. Schließlich explodieren Feuerwerkskörper und sprühen seine Leistungen in den Himmel: weniger Gewalt in London, Leihfahrräder überall, und, natürlich, „best Olympics ever“. Ein kurioser Mix aus Peinlichkeit, Selbstironie und Eigenmarketing. Als das Bild beim Schriftzug „Boris“ stehenbleibt, tritt das Original auf die Bühne.
Das Duell ist vertagt
Wie meistens ist Johnson ein bisschen zu spät. Diesmal lag es an der Menschenmenge, die ihn am Bahnhof von Birmingham mit „Boris Boris!“-Rufen empfing und so dicht umringte, dass er kaum den Weg ins Taxi fand. Im Saal erwartet ihn ein Heimspiel. Johnson hält eine seiner Boris-Reden, ein rhetorischer Cocktail aus Unterhaltung und politischer Leistungsschau, mit scheinbar spontanen Ausflügen ins Kabarettistische. Gelegentlich streicht er sich mit der Hand durchs Haar, bis es am Ende seiner Rede jenen Aggregatzustand angenommen hat, der Cameron am Wochenende von einem „blonden Mopp“ sprechen ließ.
Irgendwann stößt Johnson zu den entscheidenden Sätzen vor: Als Bürgermeister einer großen Stadt, sagt er, müsse man manchmal Interessen vertreten, die denen der Regierung zuwiderliefen. „Aber deshalb hat niemand einen Grund, an meiner Bewunderung für David Cameron zu zweifeln!“ Die Regierung mache einen „phantastischen Job“, ruft Johnson, und tue genau das Richtige, um die Misere zu beseitigen, die die Labour Party hinterlassen habe. Die Botschaft ist klar: Hier, auf diesem Parteitag, und jetzt, zweieinhalb Jahre vor der Wahl, gibt es keinen Putsch. Das Duell ist vertagt.
Das Verhältnis zwischen Cameron und Johnson, Jahrgang 66 der eine, Jahrgang 64 der andere, ist komplex. Es hat mit Rivalität zu tun, aber auch mit Vertrautheit. Beide kommen aus adligen wohlhabenden Familien, beide besuchten Eton und Oxford. Man kennt sich lange, feierte auch zusammen, aber eine enge Freundschaft sei daraus nicht entstanden, erzählen Delegierte in Birmingham. Während der machtbewusste, etwas stromlinienförmige Cameron nach der Ausbildung eine Beraterkarriere in der Regierung von John Major begann, zog es den nicht minder machtbewussten, aber intellektuelleren und verspielteren Johnson in den Journalismus. Früh brachte er es zu Margret Thatchers konservativem Lieblingsschreiber. Mit Mitte 30 leitete er dann eines der angesehensten Magazine in Britannien, den „Spectator“.
Cameron scheint sich nach Johnson zu strecken
Beide wurden 2001 ins Parlament gewählt, wo sie es rasch ins Schattenkabinett schafften. „Wer sich damals bei den unter Vierzigjährigen umsah und überlegte, von wem die Tories einmal geführt werden könnten, der hätte auf Johnson gewettet, nicht auf Cameron“, erinnert sich ein älterer Delegierter. Doch dann wurde dem konservativen Jungstar eine außereheliche Affäre zum Verhängnis, das Machtverhältnis verkehrte sich. Cameron gelang der Durchbruch an die Parteispitze, er zog Johnson aus der Versenkung, machte ihn zu seinem Schatten-Bildungsminister und setzte ihn später auf die Spur ins Londoner Bürgermeisteramt. Für ein Ego von Johnsons Format gab es einiges zu schlucken: Cameron regierte jetzt im großen Stil, er selbst im kleinen.
Lange Zeit machte er gute Miene zum bösen Spiel, aber seit etwa einem Jahr sind die Spannungen offensichtlich. Meist profiliert sich Johnson mit lokalpolitischen Themen, mal mit Steuerfragen, die London betreffen, mal mit Vorstößen zu einem neuen Hauptstadtflughafen. Politische Wucht erhalten die Dissense nur wegen Johnsons Popularität, die er in den Wochen der Olympischen Spiele ins Rockstarhafte gesteigert hat. „Boris ist zweifellos zu David Camerons größtem Problem geworden“, sagt der ältere Delegierte.
In den vergangenen Wochen gelang es Johnson, die Aufholjagd auf fast groteske Weise auf den Kopf zu stellen. Es ist Cameron, der sich nach ihm zu strecken scheint, nicht umgekehrt. Lange hatte sich der Regierungschef über Politiker erhoben, allen voran über Johnson, die per Twitter direkten Kontakt zu den Bürgern suchten. „Too many tweets make a twat“, hatte der Premierminister gesagt - zu viele Tweets machen einen Deppen. Jetzt wurde auch Cameron Mitglied. Kurz vor dem Parteitag erschien seine erste Mitteilung, ein bisschen steif, aber immerhin mit einem Schuss Selbstironie: „Ich beginne die Konferenz mit diesem neuen Twitter Feed über meine Rolle als Führer der Konservativen. Ich verspreche, es wird nicht zu viele Tweeds geben.“
Ein Fahrplan zur Aufwertung des politischen Profils
Das Wort der Woche ist „Borismania“, aber übersetzt sie sich ins Machtpolitische? In Halle fünf wird Johnson von einem angesehenen Parteiveteranen auf Normalmaß zurückgestutzt. Kenneth Clarke, seit kurzem „beratender Minister“, nennt seinen Parteifreund in einem Podiumsgespräch einen „großen Entertainer, hochgebildet und hochintelligent“. Aber bevor Boris an Downing Street 10 denken sollte, müsste er erst einmal ernsthafte politische Ergebnisse liefern.
Johnsons Terminkalender für die nächsten Monate liest sich wie ein Fahrplan zur Aufwertung seines politischen Profils. Im November wird er vor dem parteiintern einflussreichen „1922 Committee“ sprechen, kurz darauf mit großer Delegation nach Indien aufbrechen. Im neuen Jahr will er das Weltwirtschaftsforum in Davos besuchen, später eine Reise nach China antreten. Sein Credo intonierte er in Birmingham: London ist der Motor einer stolzen „Can-Do-Nation“ - und Johnson der Motor Londons.
„Auf lange Sicht führt nichts an Boris vorbei, er überragt einfach alle“, meint ein junger Delegierter, der ihm bei seiner Wiederwahl im vergangenen Frühjahr geholfen hat. Er glaubt wie viele, dass Johnson seine zweite, bis 2016 dauernde Amtszeit zu Ende führen wird. Nur ein „unvorhersehbares externes Ereignis“ würde die Frage des Parteivorsitzes vor den Wahlen im Jahr 2015 aufwerfen, meint Kommunikationsberaterin Lee. In einem solchen Fall müsste ein Tory-Abgeordneter rasch sein Mandat niederlegen und den Weg für Johnsons Nachwahl ins Unterhaus frei machen. Ein schwierige Operation wäre das, aber vermutlich keine „Mission Imborisable“.
Die Sorte Politiker, die man hierzulande vergeblich sucht
Thomas Mirbach (lurkius)
- 10.10.2012, 21:00 Uhr
