11.08.2006 · Unter jungen britischen Muslimen wächst die Gewaltbereitschaft. Was sie eint, ist der Haß auf den Westen. Laut Schätzungen könnten 800 bis 1200 junge Muslime radikal genug sein, um zu „Märtyrern“ zu werden. Radikale Prediger wie Abu Hamza stacheln sie auf.
Von Christoph Ehrhardt und Hans-Christian RößlerDer Plan ist nicht neu. Rund ein Dutzend westlicher Verkehrsflugzeuge wollte Ramzi Jussef Mitte der neunziger Jahre gleichzeitig auf dem Weg von Amerika nach Asien zum Absturz bringen. Es kam aber nur zu einer kleinen Explosion mit einem Toten an Bord eines Flugzeugs der Gesellschaft „Philippine Airlines“ am 11. Dezember 1994.
Sie weist eine Parallele auf zu dem, was die britischen Sicherheitskräfte am Donnerstag vielleicht verhindert hatten: Dabei soll ein Flüssigsprengstoff auf Nitroglyzerinbasis zum Einsatz gekommen sein; die angeblich in einer Uhr versteckte Menge war aber wohl zu klein. Ein Brand in Jussefs Wohnung in Manila, wo er ein Labor eingerichtet hatte, brachte die Polizei Anfang 1995 auf seine Spur. Der gebürtige Iraker verbüßt in Amerika eine Haftstrafe von 240 Jahren, denn er wurde auch der Beteiligung am Anschlag auf das World Trade Center in New York im Jahr 1993 und eines Attentatsversuchs auf den Papst für schuldig befunden.
Latente Gefährdung über Jahrzehnte
Daß nun Terroristen ein weiteres Mal versuchten, diesen noch nie verwirklichten Plan in die Tat umzusetzen, legt für den britischen Terrorfachmann Paul Wilkinson von der Universität St. Andrews den Schluß nahe: „Das ist ein sehr ambitioniertes Vorhaben. Es ist die Art eines spektakulären und möglicherweise tödlichen Angriffs, für das sich das Terrornetz Al Qaida immer besonders interessiert hat. Mich würde sehr überraschen, wenn die Bewegung nicht beteiligt gewesen war.“
Schon am 7. Juli 2005 fiel in London sofort der Verdacht auf das lose geknüpfte internationale Terrornetz. Bis heute ist aber nicht endgültig geklärt, ob Al Qaida hinter der Anschlagsserie stand. Immer noch weiß man nicht alles über den Hintergrund und die Motive der Täter. Klar war danach aber für die britischen Behörden, daß man es noch über Jahrzehnte mit einer latenten Gefährdung durch muslimische Extremisten zu tun haben wird, wie es etwa der Leiter der Anti-Terrorismus-Abteilung von Scotland Yard, Peter Clarke, voraussagte. Bei den potentiellen Terroristen handelt es sich nach seiner Ansicht weniger um „Söldner“, die aus dem Nahen Osten auf die Insel reisten, sondern um britische Bürger - junge, wütende Muslime der dritten oder vierten Generation, die sich durch die muslimischen Institutionen wie den „Muslim Council of Britain“ nicht repräsentiert fühlen.
Britische Dschihadisten eint der Haß auf den Westen
Nach einer jüngsten Umfrage der Tageszeitung „Times“ betrachten rund 13 Prozent der 1,8 Millionen Muslime in Großbritannien die vier Selbstmordattentäter vom Juli 2005 als „Märtyrer“. Britische Ermittler schätzen, daß 800 bis 1200 junge Muslime in Großbritannien radikal genug sein könnten, um zu „Märtyrern“ werden zu wollen. Diese britischen Dschihadisten eint der Haß auf den Westen. Gleichzeitig verbindet sie, daß sie nicht nur soziale Verlierer sind, sondern aus der Mittel- oder Oberschicht kommen: Sie sprechen oft gut Englisch, tragen westliche Kleidung und besitzen zum Beispiel Dauerkarten für britische Fußballvereine.
Ein Beispiel für sie ist Muhammad Kamel Mustafa. Er ist der Sohn des inhaftierten radikalen islamistischen Predigers Abu Hamza, eines Afghanistanveterans, der während des Kampfes gegen die sowjetische Armee sein Augenlicht und beide Arme verlor, weil er auf eine Landmine trat. Abu Hamza, der Anfang des Jahres zu sieben Jahren Haft wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, war einst Türsteher in einem Nachtlokal im Londoner Viertel Soho, bevor er anfing, Kämpfer für den „Heiligen Krieg“ in Afghanistan zu rekrutieren. Über seinen Sohn entrüstete sich im März die Boulevardzeitung „Sun“, weil er - nachdem er zuvor im Jemen wegen Beteiligung an terroristischen Anschlägen verurteilt worden war - nun eine Karriere als Rapmusiker anstrebt.
„Londonistan“
Die krude Verbindung aus islamistischem Gedankengut und gleichzeitiger Begeisterung für westliche Popkultur trägt literarische Früchte wie diese: „Ich wurde geboren, um ein Soldat zu sein/die Kalaschnikow über der Schulter/Friede für Hamas und die Hizbullah, das ist der Weg des Herrn/Wir sind im Heiligen Krieg/Ich verteidige meine Religion mit dem Heiligen Schwert.“
Für die Islamistenszene, die über Jahre weitgehend ungestört rund um die Finsbury-Park-Moschee agieren konnte, ist die Lage im vergangenen Jahr schwieriger geworden. „Londonistan“ wird die Gegend genannt. In der britischen Hauptstadt predigten Gruppen wie Abu Hamzas „Unterstützer der Scharia“, die - in Deutschland verbotenen - „Hizb ut Tahrir (Partei der Befreiung) oder deren radikale Splittergruppe „Al Muhadschirun“ (die Ausgewanderten) Fanatismus und Gewalt. Zahlreiche sogenannte Haßprediger wurden inzwischen ausgewiesen, etwa zwei Drittel der rund 60 derzeit laufenden Verfahren wegen Terrorismusvorwürfen wurden nach den Attentaten in der Londoner U-Bahn begonnen.
Erinnerung an Lockerbie
Die verstärkte Aktivität der britischen Sicherheitsbehörden hat jedoch auch größer werdenden Unmut unter den britischen Muslimen zur Folge. Als im vergangenen Juni etwa 250 Polizisten im Morgengrauen Häuser im Osten Londons durchsuchten und dabei einen 23 Jahre alten Muslim anschossen, warnte der Dachverband „Muslim Council of Britain“ davor, das Vertrauen zwischen den gemäßigten Muslimen und der Polizei nicht zu gefährden.
Dieses angespannte Verhältnis ist seit Donnerstag einer neuen Belastungsprobe ausgesetzt. Doch die Ermittlungen gestalten sich schwierig: Sie hätten schon Monate gedauert und würden noch lange in die Zukunft reichen, erwartet Peter Clarke von Scotland Yard. Die Aufmerksamkeit scheint dabei nicht nur Großbritannien zu gelten. Am Donnerstag nachmittag sagte die Fluggesellschaft „British Airways“ nicht nur alle Flüge von London-Heathrow nach Europa, sondern auch nach Libyen ab. Das weckt die Erinnerung an den 21. Dezember 1988. Damals explodierte ein amerikanisches Verkehrsflugzeug kurz nach dem Start in London über dem schottischen Ort Lockerbie. Ein libyscher Geheimdienstmitarbeiter wurde wegen des Anschlags zu lebenslanger Haft verurteilt. Von Al Qaida hatte die Welt damals noch nichts gehört.
mit welcher begründung?!
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 11.08.2006, 00:53 Uhr
Der "Westen (!) habe sich mehr zu Schulden kommen lassen,
Markus Teuber (arathorn)
- 11.08.2006, 15:00 Uhr
Herr Schmidt,so einfach sind sie also (analysiert),Schuld und Sühne ?
Markus Teuber (arathorn)
- 11.08.2006, 15:32 Uhr
Gewaltspirale
Mathias v. Hofen (Kiebitz)
- 11.08.2006, 15:41 Uhr
Wut?
Alexander Sobeslavsky (Sobeslavsky)
- 11.08.2006, 15:52 Uhr
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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