Bei Razzien in verschiedenen Regionen Italiens sind am Mittwochmorgen zehn Personen festgenommen worden. Sie werden laut Agenturberichten als Mitglieder der „Informellen Anarchistischen Föderation“ (FAI) und der „Internationalen Revolutionären Front“ (FRI) verdächtigt, für Anschläge auf die Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi im Jahr 2009 sowie auf die griechische Botschaft in Paris, die Steuereinzugsbehörde in Rom und die Deutsche Bank in Frankfurt im Jahr 2011 verantwortlich zu sein. Zwei der Haftbefehle ergingen von der das Verfahren führenden Staatsanwaltschaft Perugia gegen Verdächtige, die in Deutschland und der Schweiz schon in Haft sitzen. Sie sollen mit Komplizen in Italien kooperiert haben. 40 Wohnungen wurden durchsucht; gegen weitere 24 Personen wird ermittelt.
Den Anarchisten wird der Anschlag auf den Chef der Steuereinzugsbehörde Equitalia, Marco Cuccagna, im Dezember 2011 vorgeworfen. Cuccagna war beim Öffnen eines mit Sprengstoff präparierten Päckchens an Hand und Auge verletzt worden. Zu diesem Anschlag bekannte sich die FAI. Zuvor hatte sie ein ähnliches Päckchen an den damaligen Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, gesandt. Es wurde aber in der Poststelle der Bank in Frankfurt abgefangen. Im Mai bezichtigte sich die FAI, in Genua auf offener Straße den Chef des Atomkonzerns Ansaldo Nucleare, Roberto Adinolfi, angeschossen zu haben. Seither waren die polizeilichen Ermittlungen intensiviert und Sicherheitsvorkehrungen ausgedehnt worden.
Die anarchistischen Gruppen in Italien haben ihren Ursprung in der kommunistischen Bewegung. Ihre Aktivisten pflegen nur lockere Kontakte, was die Ermittlungen erschwert. Vielfach gehen die Anarchisten bürgerlichen Berufen nach, treffen sich aber zu Demonstrationen der Anti-Tav-Bewegung im Susa-Tal, um dabei - häufig gewaltsam - gegen den Bau der Trasse für den Hochgeschwindigkeitszug Turin-Lyon zu protestieren oder sie versammeln sich zu Protesten gegen Neofaschisten. In der Finanzkrise rückt der Kampf gegen das „Kapital“ in den Vordergrund. Es wird über zumindest zwei Zellen berichtet, die Briefbomben bastelten und verschickten.
