In den an vielen Stellen ohnehin schon bedrängten Amazonas-Urwald wird im nordbrasilianischen Bundesstaat Pará eine gewaltige Wunde geschlagen. Dort, am Xingu, einem der wichtigsten Amazonas-Nebenflüsse, entsteht das gewaltige Wasserkraftwerk Belo Monte. Mit 11.233 Megawatt soll die Riesenanlage dereinst etwa elf Prozent des brasilianischen Strombedarfs decken. Während des Umweltgipfels der Vereinten Nationen in diesen Tagen in Rio de Janeiro steht das Gastland vor allem wegen dieses Megaprojekts in der Kritik, die in Diskussionsforen und bei Kundgebungen von Umweltschützern aus aller Welt geäußert wird. Von Unternehmen, Politikern und Privatpersonen, die davon profitieren, wird es indes heftig verteidigt.
Die Bauarbeiten sind seit Mitte vergangenen Jahres in vollem Gang - rund 8000 Arbeiter haben damit begonnen, das drittgrößte Wasserkraftwerk der Erde zu schaffen. Bis zum Ende dieses Jahres sollen es 12.000 Arbeiter sein, kommendes Jahr dann 22.000. Gearbeitet wird 17 Stunden am Tag. 13 Milliarden Dollar wurden für den Bau des Kraftwerks veranschlagt. Hochrechnungen, die auch die Millionen für Fehlplanungen und Korruption berücksichtigen, gibt es noch nicht. Die erste Turbine soll 2015 in Betrieb genommen werden, die letzte 2019.
Mehr als 200.000 Eingeborene der Region, die 18 verschiedenen Ethnien angehören, wehren sich seit Jahren verzweifelt gegen den Kraftwerksbau. Stämme wie die Juruna, Xipaia und die Xikrin Kayapó sehen ihre Lebensgrundlage bedroht: Fischfang und Landwirtschaft. Rückendeckung erhalten sie dabei von internationalen Berühmtheiten, die sich dem Umweltschutz verpflichtet fühlen, wie dem englischen Sänger Sting und dem kanadischen Filmregisseur James Cameron. Der österreichische Bischof Erwin Kräutler, der seit 1965 als Missionar in der Region Xingu tätig ist, erhielt 2010 in Anerkennung seines Einsatzes für die Indios den sogenannten alternativen Nobelpreis.
„Wir leben vom Fischfang und werden unter dem Austrocknen des Flusses leiden, wir fühlen uns sehr bedroht“, sagt Marino Felix Juruna, Sohn des Häuptlings in dem Dorf Paquiçamba, wo sechzig Familien des Stammes der Juruna leben. Die Anlieger klagen bereits über das Ausbleiben der Fische, der Fluss sei verschlammt, viele Fischarten seien dem Aussterben nah, selbst Nationalparks seien in Gefahr. Nicht einmal Fachleute sind sich einig darüber, welche Folgen für die Umwelt das künftige Riesenkraftwerk mit sich bringen wird, wenn es voll in Betrieb ist.
Erste Pläne für einen Stausee von rund 2000 Quadratkilometern stammen aus den siebziger Jahren. Widerstand von Umweltschützern und Ureinwohnern zwang die Regierung in den achtziger Jahren zur Aufgabe des Projekts. Unter dem früheren Präsidenten Lula (2003 bis 2011) wurde das Vorhaben wiederbelebt. Am 26. August 2010 unterzeichnete er mit dem Konsortium „Norte Energia“ einen Konzessionsvertrag über eine Laufzeit von 35 Jahren. Ein erheblicher Teil des fast 2000 Kilometer langen Xingu-Flusses soll trockengelegt, das Wasser über drei Talsperren zu zwei Stauseen von ungefähr der Fläche des Bodensees angestaut werden.
Eine Flussschleife des Xingu wird abgeschnitten
Das Projekt wird vom brasilianischen Umwelt-, dem Bergbau- und Energieministerium, der Nationalen Elektroenergie-Behörde und den staatlichen Energiekonzernen Eletronorte und Eletrobrás vorangetrieben. Zur Verwirklichung des Vorhabens müssen 238 Hektar Regenwald gerodet, etwa 516 Quadratkilometer Ackerland geflutet werden. Eine Flussschleife des Xingu von rund hundert Kilometer Länge wird durch einen künstlichen Durchbruch „abgeschnitten“ und das dadurch stärkere Gefälle zur Stromerzeugung genutzt. Mit dem für das Projekt nötigen Zement könnte man 48 Stadien von der Größe des Maracanã in Rio bauen, für die zwanzig Kilometer Länge des Kanals wird soviel Erdreich bewegt wie beim Bau des Panama-Kanals.
Die Interamerikanische Menschenrechtskommission hatte 2010 einen Baustopp und die Befragung der Indios gefordert. Das wurde von der Regierung in Brasília abgelehnt mit der Begründung, die Indiogemeinschaften seien ausreichend informiert worden. „Die Lebensqualität und die Integrität der Eingeborenenvölker“ im Einflussgebiet von Belo Monte seien „garantiert“, ihre Lebensgrundlagen würden erhalten bleiben, hieß es. Zugunsten der Indios verfügte ein brasilianisches Gericht im September vergangenen Jahres zwar einen Baustopp, der aber bereits im Dezember von demselben Richter wieder aufgehoben wurde.
Altamira wird von Zuwanderern überflutet
Während sich 6000 Familien wegen der Eingriffe in die Landschaft auf die Umsiedlung vorbereiten - unwillig, selbst wenn sie auf ärmlichen Pfahlbauten nahe einer Müllkippe gewohnt haben -, wird die vierzig Kilometer entfernt liegende Stadt Altamira, die mit dem Rest des Landes über die Transamazônica-Straße verbunden ist, schon jetzt von Zuwanderern überflutet. Sie wächst unkontrolliert, die Bevölkerung von rund 100.000 Einwohnern ist um etwa fünfzig Prozent gestiegen. Erziehungs-, Gesundheits- und Verkehrswesen sowie die Stromversorgung sind völlig überlastet. Das Leben in der Stadt hat sich völlig geändert. Eingeborene, die nach Altamira ziehen, haben Alkoholprobleme, finden keine Arbeit, dafür aber Drogen und Prostitution.
Das Gesundheitsministerium hat knapp drei Millionen Reais (1,16 Millionen Euro) für die vom Bau betroffenen Gemeinden Altamira, Anapu, Brasil Novo, Senador José Profírio und Vitória do Xingu bewilligt. Da frühere Versprechungen oft nicht eingehalten wurden, schenken die Betroffenen der Regierung wenig Glauben. Entsprechend radikal sind die Proteste von „Xingu 23“ als Gegenbewegung zu „Rio+20“, mit denen sie die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen wollen. Die Eingeborenenvertreter Raoni Metuktire und Megaron Txucarramãe fühlen sich bei der Verteidigung ihrer politischen und territorialen Rechte von Tausenden Sympathisanten in aller Welt unterstützt.
„Vielleicht bringen sie uns um, aber mit meinen Kriegern werde ich Belo Monte verhindern“, sagte Raoni Metuktire der Zeitschrift „Epoca“. „Wenn wir für unsere Rechte kämpfen, werden wir von den Weißen akzeptiert“, hofft er. Antonia Melo, eine der Wortführerinnen der Umweltschutzgruppe „Xingu lebt für immer“, fordert: „Wir wollen unsere Flüsse, unseren Wald!“ Sie kündigt an, dass „wir einen harten und entschlossenen Kampf gegen dieses Vorhaben der Regierung führen werden, das uns unsere Lebensgrundlage entziehen will. Das werden wir nicht zulassen. Wir werden nicht schweigen, selbst wenn sie alles wieder zerstören müssen, was sie schon gebaut haben.“
Anders sieht es Luci Cleide, eine der vielen Frauen, die am Staudammprojekt mitarbeiten: „Das Leben meiner Familie hat sich um hundert Prozent verbessert“, sagt sie, und Vilmar Soares, Koordinator von „Fort Xingu“, einer Vereinigung von Geschäftsleuten, Unternehmern und religiösen Organisationen, versichert: „Wir wollen diesen Bau nutzen, um Lebensqualität in die Region zu bringen.“
Die Definition von Lebensqualitaet weicht von Mensch zu Mensch stark ab
Hans henseler (hajohenseler)
- 21.06.2012, 15:35 Uhr
Vorurteil
Tim Richter (TimRi)
- 21.06.2012, 01:29 Uhr
Eh alles egal !!
Hans Rieder (Hans_49)
- 20.06.2012, 20:19 Uhr
Die Verwandlung der Natur
klaus keller (klkeller)
- 20.06.2012, 19:17 Uhr
Deutschland: täglich (!!!) Fläche von 200 Fußballfeldern verbaut
Franz Müller (Franzy)
- 20.06.2012, 19:11 Uhr
