25.07.2007 · Der brasilianische Präsident Lula will ein Kernkraftwerk und ein Atom-U-Boot bauen. Das weckt Befürchtungen. Eine gewisse Großmannssucht und der Kampf mit Hugo Chávez um die südamerikanische Führungsrolle treiben die Regierung an.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresDie Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat von Neuem Argwohn geweckt, Brasilien wolle sich als Atommacht aufspielen. Das liegt an der Entscheidung, das vor mehr als zwanzig Jahren als Baustelle stillgelegte Atomkraftwerk Angra III doch fertigzustellen. Überdies will Lula ein mit Atomkraft angetriebenes Unterseeboot bauen. Die Worte des Präsidenten beim Besuch eines nuklearen Versuchszentrums der Marine klangen stolz: „Wir verfügen über die Bedingungen, uns in eine große Energiemacht zu verwandeln, und wir werden nicht darauf verzichten.“
Zugleich gab Lula bekannt, die Regierung werde mehr als 500 Millionen Dollar für die Atomprogramme des Landes bereitstellen. Die brasilianischen Atompläne waren einst vor allem wegen fehlender Finanzmittel ad acta gelegt worden. Jetzt aber, sagte Lula, könne sich Brasilien „den Luxus leisten, eines der Länder zu sein, die die Technologie des Zyklus der Urananreicherung beherrschen“.
Gegen den Protest der Nachbarländer
Die brasilianischen Atompläne, denen sich innerhalb der Regierung nur Umweltministerin Marina Silva widersetzte, folgen vordergründig energiepolitischen Notwendigkeiten. Der Energiebedarf der prosperierenden Wirtschaft des Landes ist unersättlich. Das „Programm zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums“ (Pac) der Regierung sorgt für zusätzlichen Bedarf.
Gleichfalls gegen den Widerstand Ministerin Silvas hat die Regierung Lula jetzt auch die Verwirklichung zweier Staudammprojekte im Amazonasgebiet durchgesetzt. Dagegen protestierten auch die Nachbarländer Bolivien und Peru sowie Umweltschutzorganisationen, die Umweltschäden in der Region erwarten.
1350 Megawatt mitten in einem Naturschutzgebiet
Eines der Argumente für den Ausbau der Atomindustrie zum Zweck der Energiegewinnung ist die vorgeblich größere Umweltfreundlichkeit der Kernkraft. Die brasilianische Regierung glaubte hier von der neu entfachten Klimadiskussion profitieren zu können. Sie bedient sich dabei des Arguments, dass Atommeiler weit weniger als andere Kraftwerke zur globalen Erderwärmung beitragen.
Verschwiegen wird jedoch, dass es sich bei dem für eine Leistung von 1350 Megawatt geplanten Angra III - wie schon bei den aktiven Blöcken I und II - um ein nach veralteter Technik konzipiertes Kernkraftwerk handelt und dass das Problem der Lagerung des nuklearen Abfalls keineswegs umweltverträglich gelöst ist. Angra dos Reis liegt an der Atlantikküste südlich von Rio de Janeiro mitten in einem Naturschutzgebiet.
Bis 2030 vier weitere Kernkraftwerke
Das Umweltministerium von Marina Silva setzt statt auf Atomkraftwerke auf erneuerbare Energieträger wie Biomasse, Wasserkraft, Sonnen- und Windenergie. Bisher tragen die Atomkraftwerke Angra I und II nur 2,5 Prozent zum gesamten Bedarf an elektrischer Energie im Land bei. Die schon länger vorliegenden Nuklearpläne, die Lula wieder aus der Schublade geholt hat, reichen allerdings weit in die Zukunft.
Bis 2030 sollen vier weitere Kernkraftwerke gebaut werden, je zwei im Südosten und zwei im Nordosten von jeweils etwa tausend Megawatt Leistung. Sie werden vermutlich aber mit einer neuen, sichereren Technik ausgestattet sein, an deren Entwicklung Brasilien mitarbeiten will.
Schwarze Kassen für nukleares Geheimprojekt
Mit seinen Absichten zur verstärkten friedlichen Nutzung der Atomkraft bei der Energiegewinnung dürfte Brasilien, das 1994 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat, noch auf gewisses Verständnis stoßen. Das Vorhaben, nun auch Pläne für ein mit Atomkraft angetriebenes Unterseeboot zu reaktivieren, weckt aber Befürchtungen: Die Regierung könnte versucht sein, die Erfahrungen, die bislang in dem Land mit der Kerntechnik gesammelt wurden, auch für militärische Zwecke zu nutzen.
Es waren ausgerechnet die Militärs während der langen Diktatur zwischen 1964 und 1985, die das brasilianische Atomprogramm aufgebaut haben. Vor allem unter Präsident Ernesto Geisel (1974 bis 1979) hatte sich Brasilien mit deutscher Technologie der zivilen Nutzung der Kernenergie gewidmet, zugleich jedoch ein nukleares Geheimprojekt mit eindeutig kriegerischen Zielen vorangetrieben. Dafür floss Geld aus schwarzen Kassen.
Kooperation mit dem Irak
Die Streitkräfte erarbeiteten damals schon Pläne für ein mit Nuklearenergie angetriebenes U-Boot. Vor allem setzten sie auf die Entwicklung eigener Methoden zur Urananreicherung und konzentrierten sich dabei auf die Zentrifugentechnik. Es gibt begründete Vermutungen, dass Brasilien Anfang der achtziger Jahre versuchte, mit Hilfe des Iraks eine eigene Atombombe zu bauen.
Die brasilianischen Militärs versuchten zwar den Anschein zu vermitteln, ihre Atompläne dienten rein friedlichen Zwecken. Tatsächlich schlossen sie jedoch ausdrücklich den „Gebrauch des Atoms für kriegerische Zwecke“ als einziges effizientes Mittel in bestimmten Situationen nicht aus. Das geht aus einem inzwischen veröffentlichten Geheimpapier der Führung der brasilianischen Marine hervor.
Der IAEA den Zutritt verweigert
Während der Amtszeit des Präsidenten Collor de Mello (1990 bis 1992) schwor Brasilien allen militärischen Nuklearambitionen ab und schrieb sogar die Verpflichtung, Kernenergie nur für friedliche Zwecke einzusetzen, in die Verfassung. Die Urananreicherung wird noch immer praktiziert, die Zentrifugentechnik ist inzwischen sogar mit einem eigenen, angeblich besonders wirtschaftlichen Verfahren weiterentwickelt worden.
Vor zwei Jahren erregte Brasilien Aufsehen, als es den Inspekteuren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA den Zutritt zu den Zentrifugen verwehrte. Als Begründung gab die Regierung an, sie wolle Industriespionage vorbeugen.
Gewisse Großmannssucht
Warum will das demokratische Brasilien jetzt doch den alten Traum der Militärs von einem eigenen Atom-U-Boot verwirklichen? Es ist kaum anzunehmen, dass die Regierung geheime nukleare Rüstungspläne hegt. Neben den vorgeblichen energiepolitischen Bedürfnissen spielt offenbar eine gewisse außenpolitische Großmannssucht eine Rolle.
Brasilien hat das Streben nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat beileibe nicht aufgegeben. Es glaubt offenbar, bei Ländern, die es bei dieser Initiative unterstützen, mehr Eindruck zu machen, wenn es sich als Staat darstellt, der es auf dem Gebiet der Kernkraftnutzung zu etwas gebracht hat.
Kampf um Führungsrolle Südamerikas
Und schließlich führt Lula mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez eine Art Dauerkonkurrenzwettbewerb um die Führungsrolle in Südamerika. Den vielen Vorteilen, die Chávez wegen der reichlich fließenden Einnahmen aus dem Erdölgeschäft genießt, kann Lula auf energiepolitischem Feld immerhin die Errungenschaften in der Atomindustrie entgegensetzen.
Das „bolivarische“ Venezuela von Chávez hatte zwar eine Zeitlang die Idee verfolgt, sich von Brasiliens Nachbar Argentinien einen Atomreaktor für „friedliche Zwecke“ bauen zu lassen. Doch die Idee ist offensichtlich nicht weiterverfolgt worden. Chávez hat inzwischen aber recht enge Bande zu dem vor allem wegen seines Atomprogramms geächteten Iran geknüpft. Es ist nicht ausgeschlossen, dass beide Länder auch auf dem Gebiet der Energiegewinnung durch nukleare Prozesse zusammenarbeiten könnten. Der Vorsprung Brasiliens aber wäre in absehbarer Zeit nicht aufzuholen.
Pro Atom
Emre Ertürk (HSCD)
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Atommacht Brasilien
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Billig?
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Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
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sterile Arroganz
Michael Pörschke (michaelpoerschke)
- 25.07.2007, 17:24 Uhr
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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