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Brasilien Sao Paulos kritische Masse ist nicht zu bändigen

01.04.2005 ·  Brasiliens größte Stadt ist auch die größte „deutsche“ Industriestadt. Und immer noch ist Platz für Neuankömmlinge. Große Probleme bereiten allerdings die Verkehrsfluten und die prekäre Sicherheitslage.

Von Josef Oehrlein, Sao Paulo
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In der großen, hellen Halle kleben, löten und montieren junge Frauen lange röhrenartige Gebilde mit einem bizarren Innenleben aus Stangen, Kabeln und Schrauben.

Nur gelegentlich unterbricht Maschinenlärm die Stille, in der die Arbeit vonstatten geht. Am Eingang zum Werksgelände fällt eine Phalanx bunter Behälter ins Auge, daneben die freundliche Aufforderung zum Trennen des Mülls. Dieser Betrieb könnte irgendwo in Oberbayern stehen, wenn die Arbeiterinnen nicht durchweg dunkler Hautfarbe wären und wenn die Anfahrt nicht durch ein süddeutscher Landschaftsidylle hohnsprechendes Gewirr von Autobahnen und engen Hochhausschluchten führen würde.

Die größte deutsche Industriestadt überhaupt

An den Montageeinheiten in der Fabrikhalle der Firma Kathrein Mobilcom Brasil wird konzentriert, aber gemächlich gearbeitet. „Mit Zeitdruck gewinne ich hier nichts“, sagt Geschäftsführer Karl-Heinz Lensing. Viel wichtiger sei, die Qualitätsanforderungen zu erfüllen. Mit dieser sehr deutschen Einstellung und vielen originellen technischen Lösungen ist die Niederlassung des Unternehmens aus dem bayerischen Rosenheim seit ihrer Gründung in Sao Paulo vor sechs Jahren mit einem Anteil von vierzig Prozent in Brasilien zum Marktführer im Bau von Mobilfunkantennen geworden.

Der Moloch Sao Paulo hat also auch für Neuankömmlinge noch Platz. Seit mehr als einem Jahrhundert siedeln hier unzählige Betriebe deutschen Ursprungs. Von den 1200 in Brasilien ansässigen Unternehmen mit deutschem Kapital haben sich tausend in Sao Paulo niedergelassen. Nach Angaben des deutschen Generalkonsulats beschäftigen sie 230.000 Industriearbeiter, womit das urbane Monstrum den Anspruch erheben kann, die größte deutsche Industriestadt überhaupt zu sein. Das klingt gut, ist aber nur die halbe Wahrheit. Im 19. Jahrhundert kamen Deutsche in drei großen Einwandererwellen. Als Händler, Apotheker, Wirte, Techniker, Ärzte, Hoteliers bildeten diese „Teutonen“ das Rückgrat der Mittelschicht in der Stadt, die sich zunächst gemächlich, dann aber, als 1867 eine Eisenbahnlinie zum Hafen von Santos gebaut wurde, stürmisch entwickelte.

Die Zauberkraft einer frivolen Fee

Der Stachelpanzer aus Wohn- und Bürotürmen wuchert wild in alle Richtungen. Beherrschbar ist diese Masse schon lange nicht mehr, sie bahnt sich selbst ihren Weg wie Lava, die einem Vulkan entströmt. Die zwanzig Millionen Einwohner im Großraum Sao Paulo, mehr als ein Fünftel der brasilianischen Bevölkerung, hausen in 3,5 Millionen Wohngebäuden, jährlich kommen 64.000 Häuser hinzu, im Durchschnitt also 175 an jedem Tag. Trotzdem fehlen 500.000 Wohnungen. Im Amt des Oberbürgermeisters hat es gerade wieder einmal einen Wechsel gegeben. Der neue „Prefeito“ ist Jose Serra.

In den neunziger Jahren hatten Serras Vorgänger, der skandalumwitterte Paulo Maluf und Celso Pitta, hektische Bauaktivität entfaltet. Maluf muß ordentlich mitverdient haben, wie die zahllosen gegen ihn laufenden Korruptionsprozesse belegen. Im Jahr 2000 wurde Marta Suplicy von der linken Arbeiterpartei (PT) Oberbürgermeisterin. Die frühere Sexualberaterin, die sich vor allem mit Sozialprojekten in den Favelas, den Elendsquartieren, profilierte, versuchte die Monsterstadt mit der Zauberkraft einer frivolen Fee zu bändigen. Ihr Hang zum Glamourösen konnte jedoch das Unvermögen, die Verwaltung in den Griff zu bekommen, nicht überdecken. In Suplicys Amtszeit habe sich die Stadt nur noch mit sich selbst beschäftigt, sagt der deutsche Generalkonsul Hubertus von Morr. Der neue Oberbürgermeister Serra wolle Sao Paulo international wieder größere Aufmerksamkeit verschaffen. Von Morr hofft, daß damit auch die 40.000 in Sao Paulo lebenden deutschen Staatsbürger und die unzähligen deutschstämmigen Paulistaner wieder stärker wahrgenommen werden.

An der Straße vom „Göttlichen Wort“

Während die japanische Gemeinde im Stadtteil Liberdade und die italienische vorwiegend in Bixiga zu finden ist, ist für die deutschen oder deutschstämmigen Paulistaner Brooklin der bevorzugte Stadtbezirk. Das Quartier mit dem nicht so ganz passenden Namen liegt im Süden, im Großbezirk Santo Amaro. Dort konzentrieren sich deutsche Firmen, und dort liegt auch die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer, an der Straße vom „Göttlichen Wort“.

Die Kammer zählt sechshundert Unternehmen zu ihren Mitgliedern, und sie hat einen ungewöhnlichen Untermieter. Martin Langewellpott residiert dort als Vertreter des Freistaats Bayern. Das ist mehr als nur ein Repräsentationsposten, weil bayerische Firmen in Brasilien einen besonders hohen Anteil am deutschen Wirtschaftsengagement stellen: 95 Unternehmen aus Bayern haben in Brasilien Niederlassungen gegründet, 107 unterhalten Vertretungen, und 833 betreiben Export- oder Importgeschäfte. Langewellpott, selbst kein Bayer, bekennt ohne Umschweife, daß das Deutschlandbild in Brasilien vor allem durch Bayern geprägt wird. „Das läuft über das Klischee vom biertrinkenden, würstchenessenden und lederbehosten Deutschen, wie es vor allem im Süden Brasiliens gepflegt wird“, sagt Langewellpott. Er versucht, mit dem etwas moderneren Klischee von „Laptop und Lederhose“ gegenzusteuern und die für Bayern völlig natürliche Verbindung von Hochtechnologie mit Folklore herauszustellen.

„Kritische Masse“ und „positive Energie“

Ein paar Türen weiter schwärmt der Hauptgeschäftsführer der Kammer, Thomas Timm, von der „kritischen Masse“ Sao Paulos. Dieser Begriff aus der Physik, der das Stadium bezeichnet, in dem eine Kettenreaktion ausgelöst wird, wird hier besonders gern strapaziert. Viel mehr an „kritischer Masse“, die Extreme jeder Art amalgamiert und unaufhörlich Neues gebiert, kann eine Stadt gar nicht anhäufen. Die Reaktionsprozesse laufen in Sao Paulo mit einer atemraubenden Geschwindigkeit ab. Nur an wenigen Stellen findet man hier auch einmal zur Ruhe. Im Iberapuera-Park zum Beispiel. Mit einer Fläche von 1,8 Quadratkilometern ist er die grüne Lunge der zubetonierten Stadt. Im Park sammelt mit edler Geste das Biennale-Gebäude Oscar Niemeyers die kulturellen Energieströme, die die Stadt durchziehen. Die Biennale von Sao Paulo ist zu einem Angelpunkt deutschen kulturellen Engagements in Brasilien geworden, seit Alfons Hug zum Kurator der beiden Biennalen 2002 und 2004 und der Architektur-Biennale 2003 berufen wurde.

Auch Alfons Hug, der hauptamtlich das Goethe-Institut in Rio de Janeiro leitet, spricht gern von „kritischer Masse“ und „positiver Energie“, aber er meint etwas anderes als die Wirtschaftsleute. Bei der ersten von ihm ausgerichteten Biennale hatte er noch von den Künstlern den Horror der Megastädte beschwören lassen. Im vergangenen Jahr hat er die Stadt gewissermaßen platt gewalzt. „Territorio livre“, „Freies Gelände“, nannte er die internationale Leistungsschau der Kunst. Das funktioniert in der Imagination, in der Realität ist aber längst der Punkt überschritten, an dem in Sao Paulo ein Neuanfang möglich wäre.

Verkehrsfluten sind die größten Probleme

Nicht nur wegen Hug und der starken Beteiligung deutscher Künstler gab es 2004 eine sehr „deutsche“ Biennale. Von dem als Messegebäude konzipierten Niemeyer-Bau führt eine Kraftlinie direkt in ein ehemaliges Kloster im Stadtteil Pinheiros. Das dort untergebrachte Goethe-Institut von Sao Paulo steuerte ein ungewöhnlich üppiges Kulturbegleitprogramm zur Biennale bei, und es ist noch immer wichtigster Referenzpunkt für deutsche Kultur in Sao Paulo, schon wegen der 3000 Schüler, die jährlich dort Deutsch lernen, und wegen des Eifers, mit dem selbst anspruchsvolle Veranstaltungen besucht werden. Sogar ein Adorno-Seminar war völlig überfüllt.

Unter den Energieströmen, die Sao Paulo durchziehen, sorgen die Verkehrsfluten für die größten Probleme. Dringend nötig wäre der Ausbau der Metro, des modernsten und schnellsten Verkehrsmittels, das aber mit seinem viel zu kleinen Streckennetz nicht viel gegen das alltägliche Chaos auf den Straßen auszurichten vermag. Die Erweiterung wurde bislang durch eine wunderliche Rivalität zwischen Stadt und Bundesstaat Sao Paulo verhindert, solange Oberbürgermeister und Gouverneur zwei verschiedenen Parteien angehörten, und das war fast immer so. Jetzt könnte sich das ändern. Seit den jüngsten Wahlen gehören sowohl der Oberbürgermeister, Jose Serra, als auch der Gouverneur, Gerardo Alckmin, der im Nationalparlament opponierenden Partei PSDB an. Im Volksmund heißen ihre Mitglieder nach den Vögeln mit den langen bunten Schnäbeln auch „Tukane“.

Die Sicherheitslage ist prekär

Die Verkehrsprobleme haben zu mehreren Verlagerungswellen von Handels- und Industriefirmen in die Randzonen der Stadt oder andere Regionen geführt. Wie fast alle Stadtregierungen zuvor versucht auch die neue Verwaltung verzweifelt, eine Gegenbewegung in Gang zu bringen und das heruntergekommene Zentrum, das Herz Sao Paulos, wiederzubeleben. Dort stehen reihenweise die Hochhäuser und Bürobauten leer. Die Gebäude entsprechen oft nicht mehr modernem Standard, die Sicherheitslage ist prekär. Viele der leerstehenden Häuser im Zentrum sind von Obdachlosen im Handstreich besetzt worden.

„In den besetzten Häusern zu leben ist schlimmer, als in einer Favela zu wohnen“, sagt der deutsche Franziskanerpater Johannes Bachmann. Ein paar Schritte von seinem Kloster entfernt hausen unzählige Obdachlose in einem besetzten Haus in erdrückender Enge. Der junge Geistliche und seine Mitbrüder betreuen verschiedene Sozialprojekte, sie kümmern sich um die Menschen, die mit der Schnellebigkeit des Molochs und seinen Energieschüben nicht mithalten können. Mit dem Sortieren von Müll etwa verdienen sich einige Paulistaner unter Anleitung der Patres ihren Lebensunterhalt. Die Favelas von Sao Paulo liegen, anders als die in Rio, gut versteckt an der Peripherie. Was sich in Zentrumsnähe an Elendsquartieren gehalten hat, ist erbarmungslos vom Vormarsch der Hochhäuser niedergewalzt worden, zuletzt das Quartier an der Berrini-Straße. Dort stehen jetzt Nobelhotels und Niederlassungen internationaler Konzerne. Eigentlich dürfte es in Sao Paulo, das noch nie eine ernsthafte Wirtschaftskrise erlebte, überhaupt keine Favelas mehr geben. Aber der Zuzug von Brasilianern aus dem völlig verarmten Nordosten sorgt unaufhörlich für Nachschub.

Die Unterwelt der Unterwelt

Vielleicht ist es ein Zufall, daß in Sao Paulo genauso viele luxuriöse Shopping Centers entstanden sind wie Obdachlosenunterkünfte: 36. Eines der Asyle, die mit städtischer Hilfe und Spenden unterhalten werden, betreut Padre Johannes. Es liegt im zentrumsnahen Viertel Glicerio unter einer Stadtautobahn. „Früher war dort der Omnibusbahnhof für die Leute aus dem Nordosten“, erklärt der Geistliche. „Es ist die Unterwelt der Unterwelt.“

In dem Asyl übernachten fünfhundert Personen, tagsüber werden dort zwei- bis dreihundert Obdachlose betreut. Sie sind alle registriert, und wenn einer kein Nachtquartier findet, wird er in eines der anderen Asyle gebracht. Bei der Fahrt zurück zum Franziskanerkloster fällt der Blick auf verwahrloste Gestalten, die unter einer Brücke ihre Habseligkeiten zusammenlesen. „Die haben sich völlig aus der Stadt abgemeldet“, sagt Padre Johannes.

Quelle: F.A.Z., 02.04.2005, Nr. 76 / Seite 3
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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